„Was kann ich den Familien schon anbieten?“

Rottenburg/Stuttgart. 20. Juni 2014. Bei einem Besuch bei Bischof Gebhard Fürst hat sich der irakische Erzbischof Bashar Warda für die Aufnahme chaldäischer Flüchtlinge aus dem Irak bedankt. Er fühle die irakischen Christen in der württembergischen Diözese gut aufgehoben, sagte der 45-jährige Kirchenführer am Freitag in Stuttgart nach dem Treffen mit Bischof Fürst. „Er ist persönlich sehr besorgt um das Schicksal der irakischen Christen“, sagte Warda, Erzbischof der nordirakischen chaldäisch-katholischen Diözese Erbil. Er sehe für die Christen derzeit kaum Perspektiven in ihrer Heimat. „Unser Wunsch ist, dass sie im Irak bleiben, aber was kann ich ihnen als Bischof schon anbieten?“ Die Entscheidung über Flucht oder Verbleib müssten die Familien selbst treffen.

Laut Warda konnte am vergangenen Sonntag in der irakischen Stadt Mossul erstmals nach 1.600 Jahren keine heilige Messe stattfinden. Die Christen stünden zwischen allen politischen Fronten. Wo die islamistischen ISIS-Truppen (Islamischer Staat in Irak und Syrien) die Macht übernommen hätten, sei ein Verbleib von Christen nicht denkbar. Eindeutig sprach Warda sich gegen eine militärische Intervention ausländischer Kräfte aus. Dies würde die Lage nur verschärfen. Die internationale Gemeinschaft solle politischen Druck auf die Regierung in Bagdad ausüben. Eine Lösung müssten die Kräfte im Land selbst finden.

Nach Schätzungen leben im Irak noch etwa 350.000 Christen, von denen drei Viertel chaldäisch-katholisch und mit der römisch-katholischen Kirche uniert sind. Vor dem Krieg 2003 lebten im Irak 900.000 chaldäische Christen. Sie führen ihre Wurzeln bis auf das erste Jahrhundert zurück.

Erzbischof Warda äußerte den Wunsch, dass die irakischen Christen nach ihrer Flucht in Deutschland Heimat finden und ihre Glaubenstradition authentisch fortführen können. Die weltweite Diasporasituation stelle für die chaldäischen Priester im Ausland eine enorme Herausforderung dar. Christliche Flüchtlingsfamilien fühlten sich im christlich geprägten Deutschland sicher und gut angenommen.

Warda sprach sich für eine ausgeweitete Kontingentlösung für flüchtende Christen aus dem Irak aus. Nach wie vor seien sie gezwungen, Tausende von Euro unter anderem für Schlepper zu bezahlen, um in Deutschland überhaupt einen Asylantrag stellen zu können, dem dann in den allermeisten Fällen entsprochen werde. Sinnvoll wäre es laut Warda, Flüchtlinge könnten im Irak ihr Eigentum verkaufen und, wie in den USA möglich, mit dem Erlös im Ausland eine neue Existenz aufbauen.

Warda wurde 2010 von Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof für Erbil ernannt. Seine Geschwister und Eltern leben in Deutschland, den Niederlanden, den USA und Australien; niemand aus seiner Familie ist mehr im Irak.

Uwe Renz

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