Weihbischof Kreidler erinnert an die eigentliche Bedeutung des Fastens

In seiner Predigt vor knapp 300 Künstlern hob der Weihbischof die Bedeutung des Fastens für den Menschen hervor. Fasten sei niemals gegen etwas oder jemanden gerichtet oder eine subtile Form der Selbstkasteiung, um religiöse Perfektion zu erlangen. Fasten sei vielmehr ein innerer Klärungsprozess oder ein Klarwerden über Beziehungen zu anderen Menschen, zu sich selbst und Gott. Die Fastenzeit vor Ostern sei eine innere Vorbereitung auf das Geheimnis, das Gott den Menschen schenke: Dass die Liebe größer als der Tod sei und ewiges Leben aus der Zuwendung Gottes zu den Menschen erwachse.

In der Öffentlichkeit habe der Aschermittwoch nicht mehr die Bedeutung eines Einschnitts, denn die Passionszeit sei auf die drei Tage von Gründonnerstag bis Ostersamstag zusammengedrängt. Die österliche Bußzeit wolle die Menschen anleiten, das eigene Leben zu überdenken und womöglich und wo nötig, Weichen neu zu stellen. Auf der einen Seite stehen dafür die traditionellen Angebote auf der institutionellen Ebene der Gemeinde bereit. Auf der anderen Seite solle jedoch auch jeder einzelne auf der persönlichen Ebene seine Abkehr vom Bösen und die Hinwendung zu Gott vollziehen. Institutionelle und individuelle Ebene gehörten in der Bußzeit zusammen. Gnade und Segen brächte allein die Wiederbelebung und persönliche Aneignung frommer Traditionen und die Hinwendung zu Gott.

Die Künstler würden, so der Weihbischof, bei ihrem Schaffen die Erfahrung der Begrenztheit, der Mühe und des Scheitern machen. Solche Erfahrungen mache der Fastende in der österlichen Bußzeit auch. Beiden gehe es um das Größere im Leben und um das ganz Andere gegenüber unserer alltäglichen Wirklichkeit. Das Zeichen des Aschekreuzes erinnere an die Dringlichkeit der Entscheidung. Der Mensch habe nicht endlos und beliebig viel Zeit so zu werden, wie Gott ihn gedacht habe.

Bei seinem Grußwort beim Aschermittwoch der Künstler, der zum ersten Mal im neuen Kunstmuseum Stuttgarts am Kleinen Schlossplatz stattfand, ging der Weihbischof auf die Nähe zwischen Kirche und Kunst ein. Beide zielten auf das „Andere, das in anderer Weise auch die Kirche umtreibt“. Es sei ein „gemeinsamer Inhalt, der Kirche und Kunst zentral verbindet“, sagte der Weihbischof und zitierte den Maler Alexej von Jawlensky mit den Worten: „Alle Kunst ist Suche nach Gott.“ Transzendenz werde erst erfahrbar, wenn man – wie die Künstler – „an der Oberfläche kratzt und nach den Schichten fragt, die hinter dem rein Handwerklichen liegen“. Wer das tue, der stoße in Wirklichebenen vor, bei der Wahrnehmung und Erfahrung das Vorstellungsvermögen überschreiten.

Künstler seien Seismografen der Zeit und machten Kräfte und Kraftfelder sichtbar, die normalerweise dem Auge verborgen blieben. Damit Theologen in der Gegenwart und in der Gesellschaft hinein sprechen könnten, müssten sie die Werke der Künstler betrachten und studieren, denn die Kunst bilde nicht ab, sie mache sichtbar, wie Paul Klee formulierte. Sie entwickle eine prophetische Kraft. Aufgrund ihrer inneren Verbundenheit müssten beide, Kirche und Kunst, einen „Dialog auf Augenhöhe führen“.

Die Kunstwerke könnten eine heilsame Unterbrechung sein, so Kreidler. Sie könnten ein „Innen“ sichtbar machen, das durch das „Außen“ geworden sei. Die Künstler weisen so auf eine „geahnte und angedeutete Transzendenz“ hin. Sie halten „Möglichkeiten offen“ und schickten den Betrachter in eine Sehschule und führen fort von eingefahrenen Sehgewohnheiten und der „Blindheit der Zeit“. Auf diese Weise machten die Künstler das Unsichtbare sichtbar.

Beim anschließenden Empfang sprach Prof. Kurt Weis - passend zur FIFA-WM 2006 - zum Thema „Im Laufschritt zur Erleuchtung? Vom Sport als Kultur“. In seinem Vortrag ging es um das Gemeinsame von Kirche und Sport. Beide, so Weis, schafften Auszeiten aus der Alltagshektik, wollten dem Wohl der Menschen dienen und Körper und Geist zu einer Einheit formen. Kirche und Sport, so die These von Kurt Weis, verbinde mehr als man denkt. ra