„Welches Bild von der Würde menschlichen Lebens leitet uns?“

Dies hat Bischof Gebhard Fürst in seiner Predigt am Ostersonntag im Rottenburger St.-Martins-Dom betont. Ostern sei über die Grenzen der christlichen Kirchen hinaus auch ein Aufruf in eine weithin säkularisierte Gesellschaft hinein, für bedrohtes und beschädigtes Leben einzutreten, sagte der Bischof. In besonderer Weise gelte es, menschlichem Leben dort zu seinem Recht zu verhelfen, wo ihm dieses abgesprochen zu werden drohe. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung um die Präimplantationsdiagnostik macht nach den Worten von Bischof Fürst deutlich, dass menschliches Leben nicht mehr als unverfügbares Geschenk des Schöpfergottes gewürdigt wird, sondern zum Objekt möglichst risikolosen Planens und wissenschaftlich-technischen Experimentierens geworden ist. Ein Leben mit möglichen Beeinträchtigungen und Behinderungen zu bejahen, gelte vielfach als nicht mehr akzeptabel. In einer „Mentalität der Diagnostik“, gleichsam nach technischen Kriterien, werde zwischen lebenswerten von scheinbar nicht lebenswerten Menschen unterschieden und letztere ausgesondert. Außerdem würden bei der PID zusätzlich zu den untersuchten auch weitere überzählige Embryonen getötet. Überzählige und Nutzlose seien in seinem solchen Denken die endgültig Verlorenen. PID als Weg und technische Methode beanspruche die Herrschaft über Tod und Leben. „Welches Bild von der Würde menschlichen Lebens leitet uns noch?“, fragte Bischof Fürst. Der Glaube an die Auferstehung sei auch „ein Bekenntnis zur bedingungslosen Würde der menschlichen Person hier und über das bloß diesseitige Leben hinaus“ und ein Protest gegen deren Missachtung.

Der Osterglaube sei aber auch eine Ermutigung, dem Leben und der Hoffnung mehr zuzutrauen als dem Tod, so Bischof Fürst weiter. Krisen und Zukunftssorgen belasteten heute zahllose Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Die jüngsten Katastrophenereignisse in Japan machten schmerzhaft deutlich, wie rasch der Allmachtswahn, alles beherrschen und kontrollieren zu können, in Ohnmacht und Angst umschlage. Ostern bedeute die heilsame Botschaft, dass Gott auch im Scheitern und in lähmender Erstarrung den Aufbruch zu neuem Leben schenken könne. Es sei der gesellschaftliche Auftrag der Christen, dieser Hoffnung durch ihr Leben und Handeln in glaubwürdiger Weise Ausdruck zu geben.

Dr. Thomas Broch