Weltjugendtag bestürzt über die Ermordung von Frere Roger

Auch Bischof Gebhard Fürst äußerte sich in Köln tief betroffen über den tragischen Tod von Frere Roger. Seine große charismatische Ausstrahlung habe vor allem junge Menschen angezogen, für die er zu einem "geistlichen Vater" wurde, sagte der Bischof. Die europäischen Jugendtreffen, die die Communauté von Taizé seit 1978 jährlich zum Jahreswechsel durchführt, habe Papst Johannes Paul II. zur Einführung der Weltjugendtage "sicher inspiriert", erklärte Fürst, der erwartet, dass jetzt der Weltjugendtag in Köln im Zeichen der großen christlichen Persönlichkeit und des mutigen Lebenswerks des Priors von Taizé stehen wird.

Für die Deutsche Bischofskonferenz erklärte Kardinal Karl Lehmann, Roger Schutz habe sein Leben der Botschaft Jesu von der Versöhnung aller Menschen und des Friedens gewidmet, besonders auch zwischen den Kirchen, Konfessionen und Religionen. Sein Schicksal erinnere "an das gewaltsame Geschick Jesu und anderer Zeugen für ein gewaltfreies Leben der Menschen, wie Martin Luther King und Dag Hammerskjöld". Die Bischofskonferenz, die die Ermordung scharf verurteilte, weiß sich den Worten Lehmanns zufolge dem Erbe des großen Freundes und Pioniers einer geistlichen Ökumene tief verpflichtet. "Sein gewaltsamer Tod zeigt uns noch mehr als bisher die äußerste Dringlichkeit seines Lebens, seines Werkes und seiner Botschaft, die er hinterlassen hat", so der Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Der evangelische Landesbischof Ulrich Fischer (Karlsruhe) würdigte Frere Roger als einen "geistlichen Brückenbauer zwischen Konfessionen, Generationen und Nationen". Ihm sei es gelungen, eine gemeinsame spirituelle Basis für viele Menschen zu schaffen. Als "unbeirrbarer Anhänger des Friedens und der Gewaltlosigkeit" habe er vor allem jungen Menschen den Weg zu einer tiefen, ökumenisch geprägten Frömmigkeit geebnet. Dass Frere Roger bei der Trauermesse für Johannes Paul II. die Kommunion aus den Händen des jetzigen Papstes empfangen habe, sei ein Zeichen des ökumenischen Geistes gewesen, den Frere Roger zeitlebens erfüllt hat, so der Landesbischof.

Frere Roger ist am Dienstag (16. August) während des Abendgebets am Stammort der Gemeinschaft im ostfranzösischen Burgrund von einer 36-jährigen, offenbar geistesgestörten Rumänin mit drei Messerstichen in den Rücken getötet worden. Der kleine Ort Taizé, wo der gebürtige Schweizer und reformierte Theologe in den 40er Jahren ein neues Modell des Zusammenlebens von Brüdern unterschiedlicher Konfession entwickelt hat, war seit den 50er Jahren ein ökumenischer Anziehungspunkt junger Menschen aus aller Welt. Karol Wojtyla lernte Frere Roger im Jahr 1962 beim Zweiten Vatikanischen Konzil kennen, wo sie beide vor den Sitzungen morgens in einer Kapelle des Petersdoms beteten. Roger Schutz lud Wojtyla zum Essen in die Wohnung seiner Gemeinschaft in Rom ein, woraus sich eine lebenslange Freundschaft zwischen den beiden entwickelte. Als Krakauer Erzbischof kam er 1964 und 1968 nach Taizé. Später war Frere Roger mehrmals eingeladen, bei der jährlichen Wallfahrt der oberschlesischen Bergarbeiter zu sprechen. Kardinal Wojtyla, der die Wallfahrt leitete, lud die Brüder ein, in seinem Krakauer Bischofssitz zu übernachten. Nachdem er 1978 Papst geworden war, empfing er Frere Roger jährlich bis zum letzten Jahr in Privataudienz und im Jahr des Attentats 1981 zusätzlich auch im Krankenhaus. Als Papst besuchte er im Oktober 1986 Taizé und bezeichnete es als "kleinen Frühling". "Man kommt nach Taizé wie an den Rand einer Quelle. Der Reisende hält ein, löscht seinen Durst und setzt den Weg fort", so Johannes Paul II. Der Gemeinschaft gehören heute rund 100 Brüder aus 25 Nationen an, über ein Drittel von ihnen ist katholisch.

Ob Frere Roger, wie in den Medien offen spekuliert wird, selbst katholisch geworden sei, dies aber mit Rücksicht auf seine Gemeinschaft nicht öffentlich bekannt gegeben hat, muss offen bleiben. Fest steht, dass Frere Roger der katholischen Kirche immer tief verbunden gewesen ist und auch offen an der katholischen Kommunion teilgenommen hat, zuletzt bei der Trauermesse für Johannes Paul II., was weltweit Aufsehen erregte. Geboren wurde Roger Schutz-Marsauche am 12. Mai 1915 als jüngster von neun Geschwistern in Provence (Schweiz) als Sohn einer Französin und eines Schweizer reformierten Pfarrers. Nach seinem Theologiestudium in Lausanne und Straßburg ließ er sich 1940 in Taizé nieder, wo 1949 die ersten sieben Brüder ihre Gelübde ablegten. Für sein "Werk der Versöhnung" erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, so den "Templeton-Preis", eine Art "Nobelpreis der Religionen", den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den internationalen Karlspreis der Stadt Aachen und den UNESCO-Preis für Friedenserziehung.

Nachfolger Alois Löser kommt aus Stuttgart

Der Nachfolger von Roger Schutz ist der in Stuttgart geborene und aufgewachsene Bruder Alois Löser. Der 51-jährige katholische Theologe, der kein Priester ist, stammt aus der Pfarrei St. Nikolaus im Stuttgarter Osten und gehört schon seit etwa 30 Jahren der Kommunität von Taizé an. In St. Nikolaus war er in der Jugendarbeit als Jugendgruppenleiter und Ministrant aktiv. Pfarrer Klaus Beurle nahm die Jugendlichen mit nach Taizé, wo Löser sich dann von Roger Schutz begeistern ließ und der Gemeinschaft beitrat. Theologie studierte er in Lyon. In Taizé hat er unter anderem die großen Jugendtreffen organisiert, aber auch Taizé-Lieder komponiert. Löser hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester, die in Stuttgart lebt.

Die Brüder von Taizé, die sich als Teil eines "Pilgerwegs des Vertrauens auf der Erde" verstehen, führen in einem schlichten Stil ein Leben in Ehelosigkeit. Sie teilen ihre materiellen und spirituellen Güter miteinander, leben von ihrer Arbeit und nehmen für sich selber keine Spenden oder Geschenke an. Einige von ihnen leben in kleinen Fraternitäten mitten unter den Armen. Kern des täglichen Lebens in Taizé bilden drei gemeinsame Gebete. Jedes Jahr kommen Zehntausende von Jugendliche in den kleinen Ort, in diesem Jahr waren es nach Ostern 3000 Jugendliche allein aus Deutschland. Zu Tausenden nehmen sie dann an den wöchentlichen Jugendtreffen mit Gebeten und Gesprächsgruppen teil. Die Brüder von Taizé unternehmen auch Besuchsreisen und bereiten Jugendtreffen in Afrika, Süd- und Nordamerika, Asien und in Europa vor. In Stuttgart war 1996 ein großes europäisches Jugendtreffen der Gemeinschaft.