Pilgern

Wer aufbricht, der kann hoffen

Bild: Claudia Hofrichter

Bei bestem Wetter waren Kolpinggeschwister des Diözesanverbands unter Leitung von Rolf Seeger auf dem Martinusweg pilgern.

Stahlblauer Himmel und goldener Oktober – die besten Voraussetzungen für diesen diözesanen Kolpingpilgertag von Oberndorf nach Wendelsheim. „Wer aufbricht, der kann hoffen … das Land ist hell und weit“ – dieses Schauspiel bot die Natur, diesen Spannungsbogen betonten die Impulse beim Kreuz an der Oberndorfer St.-Ursula-Kirche, auf dem Kreuzweg zur Tannenrainkapelle, dann die Kapelle selbst mit ihrer Geschichte, die farbig werdende Natur durch die Wälder, der Steinbruch und der Märchensee in Wendelsheim, die Aussichtsplatte mit ihrem grandiosen Blick in die Weite und in die Weinberge, in denen gerade Lese war. Den Dank brachten die Kolpinggeschwister in der Wendelsheimer Kirche dar und genossen dann die Gastfreundschaft im Wendelsheimer Gemeindehaus zum Spätnachmittagsvesper.

20 Kolpinggeschwister und solche, die es in Zukunft vielleicht noch werden, waren in internationaler Gemeinschaft von Schwaben, Badenern, Mitbürgern aus Südindien und aus verschiedenen afrikanischen Ländern aufgebrochen, um sich entlang des Martinuswegs inspirieren zu lassen von den Themen, die die Orte am Weg ihnen boten. Kolpingbruder Rolf Seeger aus Rottenburg, ein erfahrener Martinuswegkenner und begeisterter Pilger führte die Gruppe und erschloss den Pilgerinnen und Pilgern die Geheimnisse des Weges. Das Geistlich-Leiten-Team des Kolping-Diözesanverbands, Claudia Hofrichter und Walter Humm, stellte die Bezüge zu Adolph Kolping und seinem Auftrag an uns heute her.

"Aufbrechen" – dieses Leitwort verband alle Orte miteinander. Den Teilnehmenden, berichtet Dr. Claudia Hofrichter,  wurde bewusst, wie sehr das Leben eine beständige Aufbruchsgeschichte ist – unser persönliches Leben, als auch die gesellschaftlichen, politischen und weltweiten Entwicklungen. "Es ist gerade Aufbruchsstimmung nach den Wahlen. Es herrscht große Euphorie für die Ampelkoalition. Es ist Aufbruchsstimmung in unserer Kirche, selbst wenn wir den Anzeichen manchmal nur schwer Glauben schenken können. Es ist Aufbruchsstimmung im Kolpingwerk – ein Zukunftsprozess, der ein weiterentwickeltes Leitbild hervorbringen wird, ist in vollem Gange. Es ist Aufbruchsstimmung in unseren Kolpingsfamilien, die nach der Höhe der Pandemie wieder zum Leben erwachen. Und jede und jeder einzelne von uns beginnt neu aufzubrechen."

Das Lied „Vertraut den neuen Wegen" und der Blick des Gekreuzigten vor der Ursula-Kirche begleitete die Pilger durch den Tag. hofrichter: "Dieser Jesus am Kreuz, der noch nicht gestorben ist und uns fragend mit weiten offenen Augen anschaut. Wir überlegten, was Jesus uns wohl heute von Kreuz herab sagen würde und mitgeben in unser Leben." Den Kreuzweg zur Tannenrainkapelle mit seinen schlichten und ausdrucksstarken Bildern gingen die Pilger als Kreuzweg der Schöpfung. Die einzelnen Stationen verbanden sich mit einem Nachdenken über unseren Umgang mit der Natur. "Auch da ist ein Aufbrechen angesagt, das Veränderungen in unser persönliches Leben als
auch in unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Handeln bedeutet – noch viel mehr Aufbruch als das, was bereits geschieht. Es geht um das Gemeinwohl."

Die Tannenrainkapelle ist ein Schmuckstück auf der Höhe zwischen Oberndorf und Wendelsheim. Wie viele Kapellen, die kurz nach den Krieg gebaut wurden, verdankt sie sich einem Versprechen der Oberndorfer während des Kriegs: Blieben sie bewahrt, wollten sie zum Dank eine Kapelle auf dem höchsten Punkt sichtbar über das Land errichten. "Jede Hand war damals gefragt", berichtet Hofrichter. "Alle brachen auf und halfen mit, schleppten die Steine auf dem Kopf nach oben – und so manches Mädel fand dabei seinen Burschen fürs Leben und umgekehrt."

Die Kapelle ist Maria geweiht, die bunten Fensterbilder stammen vom Ulmer Künstler Wilhelm Geyer, der viele Kirchen in der Region ausgestaltet hat. "Das Thema Friede bewegte uns hier oben", so Hofrichter. "Immer wieder aufbrechen zum Frieden und zu unserem persönlichen Friedensdienst: 'Ich bitte Gott jeden Tag: Schenke deinen Frieden in mein Herz. Denn Gott ist Friede. Ich bitte Gott jeden Tag: Hilf mir heute zu einer Friedenstat. Denn Gott weiß besser als ich, wo und wie ich Frieden stiften kann.'"

Der Steinbruch bei Wendelsheim rückte das Thema Kirche in den Mittelpunkt, denn aus den Steinen dort wurden die Wendelsheimer Kirche und andere Häuser erbaut. Hofrichter: "An unserer weltweiten Kirche zu bauen, ihre Strukturen zu reformieren und den vielfältigen Reformstau in der Kirche endlich entschieden anzugehen. In internationaler Perspektive gesehen wurde dieses Thema noch einmal besonders interessant. Was uns in Deutschland fast zerreißt, ist in den Kirchen in afrikanischen Ländern und in Südindien noch kein Thema. Diese Unterschiede dürfen sein, doch in Deutschland brauchen wir Veränderungen, wenn das Evangelium eine Chance haben soll, bevor die Kirchenmitglieder weiter aufbrechen und ausziehen aus der Kirche. Wir verbanden mit diesem Ort unsere Träume von einer Kirche, die in Zukunft Bestand hat. 'Das Christentum ist nicht für die Betkammern da, sondern wir sind dazu bestimmt, die Zeichen der Zeit zu sehen und zu handeln', so dachte Kolping."

Der Märchensee brachte einfach ein Staunen hervor. Seine Lage, das Licht, das Grün des Sees und natürlich seine geheimnisvolle Geschichte: Über Nacht ist er entstanden und begrub in sich die Werkzeuge der Männer, die im Steinbruch arbeiteten. Und man erzählt sich, dass sich die Natur zurückgeholt hat, was ihr gehört und die Ausbeutung im Steinbruch auf diese Weise stoppte. "Auch ein Aufbruch, eine Umkehr", sagt Hofrichter.

An der Aussichtsplatte in der Nähe des Sees genossen alle den Blick in die Weite und in die Weinberge. Das Thema Europa kam hier in den Blick, die Aufbrüche, die nötig sind, um Europa weiterhin zusammenzuhalten und die Pilgerinnen und Pilger lernten die Geschichte der europäischen Flagge kennen.

In der Wendelsheimer Kirche angekommen, kam dann die Frage auf: „Was hat mich heute zum Aufbrechen verführt und was hat mich heute genährt?“

"Der Dichter und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch", so Hofrichter, "würde es vielleicht so sagen. 'Im Übrigen meine ich, Gott, der Herr, rufe in uns alle guten Dinge und Gedanken wieder wach, die in uns schlummern durch die Jahrtausende in Herz und Hirn und Leib und Seele.'"

Hofrichter: „Wer Aufbricht, der kann hoffen … das Land ist hell und weit – das haben wir gespürt und das geben wir nach unserer Rückkehr in unseren Kolpingsfamilien weiter."

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