Wichtiges Signal für gesellschaftliche Teilhabe

Anlass für die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, am Dienstag, 16. Juni, zu einer Diskussionsveranstaltung zu „Zwei Jahre Islamisches Wort – Bilanz und Ausblick“ in ihr Tagungshaus in Stuttgart-Hohenheim einzuladen. Der interreligiöse Dialog und besonders das Gespräch mit dem Islam gehört zu den zentralen Themenbereichen der Akademie, und Bischof Gebhard Fürst hatte im Frühjahr 2007 ebenso wie sein evangelischer Amtsbruder Frank Otfried July das Vorhaben des SWR öffentlich unterstützt. Dass die Muslime ihre Religion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk selbst zur Sprache bringen können, ist für ihn eine Konsequenz aus der im Grundgesetz verbrieften Religionsfreiheit ebenso wie aus den theologischen Positionen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es wirkt Vorurteilen entgegen, versachlicht die öffentliche Diskussion, dient der Diskussion unter den Muslimen über ihr Selbstverständnis im Rahmen einer demokratisch verfassten und säkularen Gesellschaft und liefert Impulse für den interreligiösen Dialog.

Bischof Fürsts Position war vor zwei Jahren nicht unumstritten. Und der SWR startete seine Sendereihe - als einzige Anstalt in Deutschland - „in einem Sturm der Entrüstung“, wie SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann sich erinnerte. Zwei Drittel der Zuschriften hätten seinerzeit das Islamische Wort abgelehnt – zumeist pauschal und ohne Argumente; ein Drittel habe mit differenzierten Äußerungen Ja dazu gesagt. Die Zahl der Zugriffe auf die Internet-Sendungen hätten sich, so Hermann, bei rund 40 bis 50 Tausend stabil eingependelt. Allerdings sei das Islamische Wort lange Zeit „sehr gut versteckt“ gewesen, und es vertrage durchaus verstärkte Werbung, betonte die in Erlangen tätige Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin Sabine Schiffer. Sie bewertete es allerdings auch als „unglaublich innovatives Angebot“. Die Lektüre sei „eine Wohltat“, denn das Islamische Wort vermittle in eindrucksvoller Weise „ein Bild über muslimisches Denken zu relevanten Sachverhalten unserer Zeit“.

Jörg Imran Schröter nahm als Islamwissenschaftler und islamischer Religionspädagoge an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe an der Veranstaltung teil. Er ist auch in Freiburg als Lehrer in dem baden-württembergischen Pilotprojekt Islamischer Religionsunterricht tätig. Für ihn trägt das Islamische Wort des SWR – ebenso wie der islamische Religionsunterricht – zur „Beheimatung“ und „Normalisierung“ religiöser Inhalte des Islam in Deutschland bei. Vor allem sei die Hinwendung des Islam zur deutschen Sprache ein entscheidender Schritt, der auf muslimischer und nicht muslimischer Seite das Bewusstsein verändere und so – hoffe er – auch eine Reformation des Islam einleite. Auch sei das Islamische Wort ein Anstoß zur verstärkten Partizipation des muslimischen Bevölkerungsanteils am Leben der einheimischen Gesellschaft.

Ein Argument, das auch für Bischof Fürst maßgebend war. Aus seiner überzeugten Zustimmung begründe er allerdings auch das Recht zu kritischen Fragen. So etwa: Repräsentieren die durch den SWR ausgewählten Autorinnen und Autoren das breite Spektrum muslimischer Glaubensrichtungen? In welchem Umfang werden ihre Beiträge in der muslimischen Community angenommen? Fördern sie die dort notwendigen Auseinandersetzungen oder spielen sie ungewollt Kräften in die Hände, die einer Religiosität westlich-aufgeklärter Denkweise ablehnend gegenüber stehen? Können wirklich schwierige und kontroverse Fragen wie etwa das Thema Islam und Gewalt offen angesprochen werden? Und grundsätzlich: Hat ein öffentlich-rechtlicher Sender das Recht, durch eine gezielte Programmgestaltung die Mitglieder einer gesellschaftlichen und religiösen Gruppe erziehen zu wollen? Oder wird aus erzieherischen Gründen eine „Brandfackel in eine religiöse Gemeinschaft“ hineingetragen? Insgesamt, so Bischof Fürst, erwarte er eine gründliche Evaluierung des Projekts, um zu sehen, ob das ursprüngliche Anliegen verbesserter Integration und gesellschaftlicher Teilhabe auch wirklich eingelöst werde.

Viele Fragen wurden diskutiert und blieben teilweise auch offen. Warum nur eine Internetpräsenz der Muslime und nicht auch Verkündigungssendungen wie bei den christlichen Kirchen? Wer aber bei den vielen muslimischen Gruppierungen stünde als legitimer und anerkannter Vertreter einer Körperschaft öffentlichen Rechts zur Verfügung? Lässt sich eine offizielle Struktur für den Islam in Deutschland entwickeln? Aber ist „der Islam“ nicht eine pauschale Vereinfachung einer vielgestaltigen Situation? Und werden nicht auch durch die muslimischen Repräsentanten selbst – dem „sunnitischen Mainstream“ (Schröter) zugehörig - Gruppierungen ausgesondert, die sich ebenso als Muslime sehen wie etwa die Malewiten in Baden-Württemberg? Ein positives Ergebnis der gegenwärtigen Diskussionen, darin waren sich die Gesprächsteilnehmer einig, besteht darin, dass die Muslime dadurch in der Normalität der Gegenwart angekommen sind, dass der Islam vielgestaltig ist. Die Identifikation nach innen vereinfache dies ebenso wenig wie das Bild bei der nicht muslimischen Bevölkerung.

Hansjörg Schmid, Referent bei der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Moderator des Abends, trug das versöhnliche und plausibel einfache Bild bei, das im Verlauf der Diskussion immer wieder thematisiert wurde: Seine zweijährige Tochter sei in etwa gleich alt wie das Islamische Wort des SWR. Zwei Jahre bedeuteten bereits viele Lebenserfahrungen. Andererseits stehe noch eine immense Zukunft bevor. Vieles sei noch offen, ermutige aber zur Zuversicht.

Literaturhinweis: Das Islamische Wort. Muslimische Glaubensbeiträge beim SWR. Mit Grußworten des Bundesministers des Inneren, Dr. Wolfgang Schäuble, des Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, Günther H. Oettinger, des Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, sowie des Intendanten des Südwestrundfunks, Peter Boudgoust, hrsg. v. SWR, Stuttgart 2009