Willkommen in Santiago

Aus ganz Europa machen sich Menschen auf den Weg – zu Fuß über die alten Pilgerstraßen oder auch mit modernen Verkehrsmitteln. Gläubige und religiös offene Menschen sind dabei, auch solche, die sich vom Weg nach Spanien Selbstfindung und Neuorientierung für ihr Leben erhoffen; vielleicht auch der eine oder andere, für den die Santiago-Pilgerschaft einfach ein etwas abenteuerliches, Erlebnis ist, verbunden mit interessanten Begegnungen und dem Eintauchen in eine religiöse Welt, die man sonst nur aus History-Filmen kennt. Manchmal bildet sich auf den Wegen zum heiligen Jakobus sogar so etwas wie eine „Wanderkirche“ von Menschen, die sich öffnen und die nach geistlichen Erfahrungen und Gottesdiensten suchen – vielleicht erstmals wieder nach vielen Jahren oder überhaupt zum ersten Mal. Nicht zuletzt ist die Begegnung von Pilgern unterschiedlicher Kirchenzugehörigkeit eine große Chance für die Ökumene.

Deutsche Jakobus-Pilger berichten oft, dass sie nach der Ankunft in Santiago „in ein Loch fallen“. Sie fühlen sich plötzlich mit ihren Erfahrungen allein gelassen, weil die unterwegs entstandenen Gruppen am Ziel auseinander fallen. Gottesdienste finden alle in spanischer Sprache statt. Es gibt keine deutschsprachigen Angebote. Niemand hilft ihnen, ihre Erlebnisse zu deuten oder sie bei der Suche zu begleiten, wie sie ihre Pilgererfahrungen später in ihr Alltagsleben übertragen können. Die wenigen Hilfs-kräfte im Pilgerbüro sind damit überfordert, so sehr auch sie den Mangel spüren. Es ist eine Herausforderung an die deutschen Diözesen, auf den seit über 20 Jahren ansteigenden Pilgerstrom zu reagieren und die darin bestehende Chance für die Seelsorge zu ergreifen.

Erfahrene Santiago-Pilger aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart haben diesen dringenden Handlungsbedarf erkannt, in Santiago eine deutschsprachige Pilgerseelsorge aufzubauen. Immerhin kommen in den Sommermonaten täglich im Durchschnitt bis zu 130 Pilger aus dem deutschen Sprachraum in Santiago an. Unter Federführung der Hauptabteilung „Pastorale Konzeption“ (IV) des Bischöflichen Ordinariats wurde jetzt ein „Pastoralprojekt Santiago 2009“ ins Leben gerufen, das am 17. Mai startet und zunächst einmal bis 30. Juli dauern soll. Insgesamt stehen 14 Personen aus der Diözese – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge und ehrenamtlich in Kirchengemeinden Engagierte – in dieser Zeit für jeweils 14 Tage den Pilgern zur Verfügung, heißen sie willkommen und bieten ihnen Gottesdienste, Einzel- oder Gruppengespräche, Bibelarbeit oder geistliche Kirchenführungen in der Kathedrale an. Sie wollen einfach präsent sein, keineswegs jemanden vereinnahmen. Dass ihr Angebot auf große Nachfrage stoßen wird, davon sind sie allerdings überzeugt.

Finanziert wird das Pastoralprojekt zunächst ausschließlich durch Spenden. Die Erzdiözese Santiago, die das Vorhaben sehr begrüßt, hat unentgeltlich ein Haus zur Verfügung gestellt. Die Hauptabteilung IV hat Vorbereitungsmaterial erarbeitet und an die Jakobus-Gesellschaften im ganzen deutschsprachigen Raum Handzettel versandt. Das Projekt wird zunächst auf Ende Juli begrenzt sein. Dann werden die Erfahrungen ausgewertet, und nach dem Willen der Initiatoren soll es möglichst im nächsten Jahr fortgesetzt werden. Das Ziel, dieses Projekt durch die Kooperation mit anderen Diözesen künftig auf eine breitere Basis zu stellen, bleibt im Blick. Ja die Visionen reichen sogar so weit, dass sich aus diesem Projekt in Santiago einmal eine Bruderschaft entwickeln könnte, also ein Orden oder ein so genanntes Säkularinstitut, das sich der geistlichen und karitativen Betreuung der deutschsprachigen Pilger widmet und so eine alte Tradition der „Barmherzigkeit“ wieder lebendig werden lässt.