„Wohin geht der Kirche morgen?“

Das Buch „Wohin geht die Kirche morgen“, herausgegeben von Klaus Kießling, Viera Pirker und Jochen Sautermeister beschreibt die Entwicklung eines pastoralen Handlungskonzeptes einer Diözese, die den Herausforderungen der Gegenwart und den immer enger werdenden finanziellen Spielräumen begegnet.
Im Jahr 2000 hatte sich Bischof Gebhard Fürst entschieden, einen Prozess zu eröffnen, der die zukünftige pastorale Ausrichtung der Diözese unter Berücksichtung der Zeichen der Zeit auf eine neue Basis stellt. Sein Anliegen ist es, die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit einem pastoralen Konzept, das die in den kommenden Jahren notwendig werdenden Reduzierungen lenkt, gut aufgestellt in die Zukunft zu führen.

Die Idee der pastoralen Schwerpunktsetzung in den Ortskirchen ist nicht neu. Einzigartig am Rottenburger Modell ist aber die Entscheidung, einen breit angelegten Prozess zu initiieren, der auf einen basisnahen theologischen und ekklesiologischen Dialog setzt, ohne Inanspruchnahme von externen von vorwiegend betriebswirtschaftlichem Denken geprägten Beratungskompetenzen und Organisationsberatern. Neu und mutig ist auch der Schritt, den Entwicklungsprozess der Pastoralen Prioritäten ausführlich zu dokumentieren, zu diskutieren und ihn in einer umfangreichen Publikation der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Bereits der breit angelegte Konsultationsprozess, aus dem die Pastoralen Prioritäten der Diözese Rottenburg-Stuttgart hervorgegangen sind, zeichnet sich durch sein spezifisches Profil und seinem Wissen um die Verbundenheit zum Zweiten Vatikanischen Konzil, zur Würzburger Synode und zur Diözesansynode aus. Bischof Gebhard Fürst legt in seinem Geleitwort sein Anliegen dar, für den Konsultationsprozess den Impuls des Konzils zum Dialog weiterzuführen. Es entspricht der Praxis und der Tradition der Diözese und nicht zuletzt seinem Beratungsverständnis, die Diskussion um pastorale Grundentscheidungen nicht auf das Bischöfliche Ordinariat zu beschränken, sondern Laien und besonders die diözesanen Räte, den Diözesanrat und den Priesterrat, in die Beratungs- und Mitwirkungsprozesse mit einzubeziehen.

Diese Bereitschaft zum Dialog spiegelt sich auch in den einzelnen Beiträgen des Bandes wider. In vier Teile gegliedert, dokumentiert der Sammelband den Entwicklungsprozess der Pastoralen Prioritäten der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Unter dem Titel „Beginn des Weges“ versammelt der erste Teil Beiträge, die die Rahmenbedingungen und Beweggründe für den Pastoralen Prioritätenprozess schildern. Werner Redies, in der Zeit des Konsultationsprozesses Generalvikar, Joachim Drumm, Matthias Ball und Bernd Jochen Hilberath richten ihren Blick auf die Beweggründe für den Pastoralen Prioritätenprozess.

Der zweite Teil „Weggabelungen“ diskutiert die Ergebnisse der Konsultation aus pastoraltheologischer und sozialethischer Perspektive. Namhafte Theologen, wie Walter Fürst und Ottmar Fuchs, waren als Gutachter am Konsultationsprozess beteiligt. Ihre theologischen Einschätzungen haben den Prozess immer wieder reflektiert und maßgeblich unterstützt.

Unter dem Titel „Wegzeichen“ werden im dritten Teil die entscheidenden Texte vollständig dokumentiert und kritisch kommentiert. Ursula Utz, Sprecherin des Diözesanrats, und der Sprecher des Priesterrats, Herbert Schmucker, schildern ihre persönlichen Erfahrungen, die Chancen, aber auch die organisatorischen Schwierigkeiten, die mit dem mehrjährigen Prozess verbunden waren. Utz und Schmucker sprechen von der Hoffnung auf eine stärkere Priorisierung und stellen die Frage nach der Koppelung von Prioritäten und Posterioritäten. „Insgesamt hat vor allem der Konsultationsprozess bewirkt, dass in den Gremien auf Diözesan- und Dekanatsebene eine Reflexion über die Pastoral in Gang gekommen ist, die sowohl für die Kooperation der Gemeinden untereinander als auch für ihre Rolle in der Öffentlichkeit fruchtbar sein kann. Deutlich geworden ist auch, wie sehr die Kirche aus dem ehrenamtlichen Engagement einzelner Mitglieder lebt und sich so aus dem Geist des Evangeliums in unsere Gesellschaft einmischt“, so ihr Resümee.

Der vierte Teil „Weitere Weg-Entscheidungen“ schildert erste Erfahrungen mit den Prioritäten in der Pastoralen Arbeit: Dass die Pastoralen Prioritäten nach ihrer Inkraftsetzung durch Bischof Fürst konkrete Handlungsperspektiven für die Seelsorge eröffnen sollen und müssen, attestiert Leo Karrer, Professor für Pastoraltheologie in Fribourg (Schweiz) in seinem Artikel „Wohin geht die Kirche morgen – Rückblick und Ausblick“: „Die Prozesse im Bistum Rottenburg-Stuttgart sind – über die Bistumsgrenzen hinaus – ein Lernprozess dafür, dass finanzielle Pragmatik nicht die pastorale Konzeption und Phantasie ersticken muss, sondern geradezu herausfordert.“

Karrer sieht in der Durchführung und Umsetzung des Prioritätenprozesses der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine „Ekklesiogenese“, die beispielgebend für die Gesamtkirche ist. „Das Gewinnende am Prozess im Bistum Rottenburg-Stuttgart liegt m. E. darin, dass über den Sachzwang der Sparmaßnahmen hinaus ein Weg in Richtung Vision und Handlungsperspektiven bis hin zum verpflichtenden Dekret beschritten worden ist“, schreibt Karrer.

Abschließend ergreift noch einmal der Bischof das Wort. Bischof Fürst weist den Weg, auf dem er die Pastoral der Diözese in die Zukunft führen will. Er hat wiederum die Entwicklungen in der Gesellschaft und den Zerfall der volkskirchlichen Strukturen im Blick und entfaltet ein Plädoyer für eine „missionarische Kirche im Volk“. „Der Weg der Kirche in die Zukunft muss diese Kontexte für die einzelnen Schritte und Gangarten der Pastoral vor Ort ebenso berücksichtigen, wie das konstitutive Eingebundensein in die Gesamtheit der weltweiten katholischen Kirche“, schreibt Bischof Fürst. Er sieht den Übergang der Volkskirche hin zu einer missionarischen Kirche im Volk primär in der Verstärkung ihrer karitativ-diakonischen Dimension. Es sei vor allem angezeigt, so Bischof Fürst, „die Zeichen der Zeit zu erkennen, die sozial-diakonisch-karitative Dimension der Kirche auf die missionarische Grundsituation hin zu bedenken und damit eine zentrale Facette der Kirche für die Zukunft zu bewahren, zu stärken und neu zu erschließen“. Die Sorge des Bischofs gilt vor allem den gesellschaftlich Benachteiligten: „Missionarische Kirche im Volk können wir dort besonders sein, wo das persönliche, aber auch das amtlich-organisierte christliche Engagement im Interesse des Nächsten, insbesondere zum Heil der Armen und Schwachen gestärkt wird.“

 

Das Buch:
Wohin geht die Kirche morgen – Entwicklung Pastoraler Prioritäten in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Klaus Kießling, Viera Pirker, Jochen Sautermeister (Hrsg.), Schwabenverlag Ostfildern 2005, 416 Seiten, Preis € 30,-, ISBN 3-7966-1244-x