Wunsch nach Leben in Frieden und Gerechtigkeit

Die in der Bibel zugrunde gelegte christliche Tradition verlange eine eindeutige Option für die Armen, betonte Bischof Fürst bei dem Gespräch am Freitagabend in Stuttgart. Diese Option gehöre „inzwischen zum Standard christlicher Sozialethik“ und finde Niederschlag in allen kirchlichen Sozialpapieren. Papst Franziskus sei für sie „mit seiner liebenswert überzeugenden Art in besonderer Weise weltweit zum Repräsentanten geworden“. Seit 2006 trifft sich Bischof Fürst jährlich mit Vertretern des Islam.

Der Bischof hob hervor, zu sozialer Gerechtigkeit gehörten außer materieller Sicherheit Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Möglichkeiten würdiger Lebensgestaltung sowie Recht auf Bildungschancen und Arbeit. Dies setze Glaubens- und Religionsfreiheit voraus, die in Deutschland mustergültig geschützt sei. Dies gelte auch für viele andere christlich geprägte Länder. Sorgen bereite indes die Lage der Menschenrechte weltweit. Bischof Fürst bezog sich dabei auf die von Menschenrechtsorganisationen erstellte „Rangliste 2012“, die Länder mit nur sehr eingeschränkter Religionsfreiheit nennt. Unter den ersten zehn dort erwähnten Ländern fänden sich neun muslimische. Der Bischof sagte zu seinen Gästen, er würde sich freuen, wenn sich mehr Muslime auch wahrnehmbar über entsprechende Zustände in den betreffenden Ländern empörten und sich lautstark für Glaubensfreiheit einsetzten“.

Der Dialogbeauftragte des DITIB-Landesverbandes, Fatih Sahan, stimmte Bischof Fürst in Fragen der sozialen Gerechtigkeit im Grundsatz zu. Mit Blick auf soziales Miteinander der Menschen erhebe der Islam das Prinzip von Gerechtigkeit und Frieden, sagte er. Diesem Prinzip komme im Islam universale Bedeutung zu; es gelte nicht nur gegenüber Muslimen. Im Islam sei gegenseitige Unterstützung und Hilfe als religiöse Pflicht institutionalisiert. Der islamische Theologe betonte, nach dem Koran vergebe Gott alle Sünden bis auf jene von Menschen gegenüber Mitmenschen. Gerechtigkeit sei höchste moralische und juristische Instanz. Ihr stehe als höchstes göttliches und menschliches Handlungsprinzip die Barmherzigkeit gegenüber.

In der heutigen Konsumgesellschaft nähmen Individualismus und Säkularisierung unheilvoll zu, beklagte Sahan. Der Mensch werde vielfach vor allem unter ökonomischen Aspekten betrachtet. „In einer solchen Welt ist der Mensch nur Sklave großer Firmen und seines Ego.“ Profitgierige Konzerne würden im Namen von Gerechtigkeit und Demokratie Länder ins Chaos stürzen. Der Islam dagegen lade die Menschheit zu deren Wohl ein. Was die menschlichen Beziehungen betreffe, unterstrich der muslimische Theologe, so sei als wichtigstes Kriterium die Liebe zu nennen. Sie erkenne Unterschiede an und würdige diese als Quelle des Reichtums. Muhittin Soylu von der Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg (IGBW) hob hervor, dass sich die muslimischen Verbände für Religionsfreiheit weltweit einsetzen und Einschränkungen gegenüber Religionsausübung grundsätzlich verurteilen. Scheinbar religiös motivierte Konflikte wurzelten in der Regel nicht in der Religion, sondern seien politisch motiviert und Folge ungerechter sozialer Verhältnisse.