Zeugnis ablegen von dem, was uns leben lässt

„Entdeck den roten Faden deines Lebens“, unter diesem Leitgedanken haben sich Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten sowie Dekanatsreferentinnen und -referenten gemeinsam mit Themen des „Jahres der Berufung“ auseinander gesetzt, das in diesem Jahr in der württembergischen Diözese in besonderer Weise begangen wird.

„Wir sollen für Jesus zur Verfügung stehen, damit er durch uns tun kann, was ihm richtig und notwendig erscheint“, sagte Bischof Gebhard Fürst in dem Pontifikalgottesdienst im Rottenburger Dom zu Beginn des Begegnungstags. Er berief sich in seiner Predigt auf das Bibelwort: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ „Bleiben“, betonte der Bischof, bedeute nicht „gelangweilt Hängen bleiben“. Man könne aber auch nichts erzwingen, es brauche „Mühe, bis alles reift“. Gefordert sei aber „ein ungeheuer dynamisches Dranbleiben“. Wenn die Reben, also die Jünger, verbunden zu bleiben mit dem Weinstock, als den Jesus sich bezeichne, „dann gelten für uns die Möglichkeiten, die Gott hat“, sagte Bischof Fürst. Unverzichtbare Bedingung dafür sei aber „Kommunikation und Kooperation“. Dann seien „auch wider den ersten Augenschein die Möglichsten selbst der kleinsten Rebe unendlich, weil es die Möglichkeiten sind, die Gott selbst mit uns hat“, ermunterte der Bischof seine Zuhörer. Solch ein Leben bedeute nicht Frustration, sondern sei „in hohem Maße fruchtbar“. Der Begegnungstag, so Bischof Fürst, solle Ermutigung dazu sein, „im Geiste Jesu für die Menschen, die es nötig haben zu handeln“. Bei jedem setze Jesus „ein Potential voraus, dass der Ist-Zustand noch nicht die Grenze des Möglichen ist, sondern dass im Ist die Möglichkeit für Größeres, ja für die Vollkommenheit ist“, sagte der Bischof.

Nach dem Gottesdienst, in dem Vertreter der einzelnen Berufsgruppen in einem so genannten Gabengang symbolische Gegenstände ihrer jeweiligen Tätigkeit zum Altar brachten, gab Bischof Gebhard Fürst in einem Impulsreferat Gedankenanstöße für den Begegnungstag. Dieser Tag sei „mehr als ein starkes Zeichen“; er mache deutlich, dass die Kirche „keine Formation nebeneinander her gehender Einzelkämpfer“ und kein „Verband einzelner Berufsgruppen“ sei, sondern „lebendige Communio“. In einem ersten Resümee zum Jahr der Berufung merkte der Bischof, der Impuls, der mit diesem Jahr gesetzt werden sollte, „auf verschiedene Weise in der ganzen Diözese Rottenburg-Stuttgart Kreise“ zieht. Neben Publikationen – einem Buch und einer DVD zu den verschiedenen Berufsbildern in der Kirche – nannte er auch zahlreiche Besinnungs- und Begegnungstage. In ihnen verwirkliche sich Kirche als „Erzählgemeinschaft“, in der sich Menschen darüber austauschten, „wie die jeweiligen Berufungsgeschichten ganz konkret unter den Bedingungen der Umstände und des Alltags möglich werden konnten“. Auch Kinder und Jugendliche hätten sich mit den roten Faden ihres Lebens und der Suche danach auseinander gesetzt. Die sei ihm bei vielen Firmungen deutlich geworden, betonte Bischof Fürst. Berufung sei auch eine Aufgabe, der sich jeder Menschen immer wieder neu stellen müsse. Es sei wichtig, sie nicht im Alltagstrubel und „in der Umtriebigkeit unserer Geschäftigkeit“ zu überhören. Sie spiele sich bei jedem auf individuelle Weise ab – „in unterschiedlichsten Momenten und oft auch ganz schlicht und in Erfahrungen völlig anderer – auch unkirchlicher – Art ab“, sagte Bischof Fürst. Die Kirche wachse durch die Berufung aller. Die spezifischen kirchlichen Berufe wie Priester, Ordensleute oder Seelsorgsberufe von Laien machten die grundsätzliche Berufung aller Menschen sichtbar. Besonders würdigte Bischof Fürst in diesem Zusammenhang auch Pflegekräfte und pädagogische Berufe. „Lassen wir den Ruf an uns herankommen“, forderte der Bischof die Zuhörer auf, „seien wir hellhörig, Berufung geschieht auch hier und heute.“

Mit dem Christkönigsfest im Oktober, dem Ende des „Jahres der Berufung“, sei dessen Anliegen nicht beendet. Es sei vielmehr eingebettet in den grundlegenden missionarischen Auftrag der Kirche. Bischof Fürst ging auf die Spannungen ein, denen die Angehörigen pastoraler Berufe in ihrer Alttagssituation ausgesetzt sind – Spannungen zwischen den Erwartungshaltungen der Menschen, theologischen Leitbildern und Idealen sowie den konkreten strukturellen und persönlichen Möglichkeiten. „Erwarten Sie von mir keine bischöfliche Absolution, einzelne Aufgaben zu vernachlässigen, um andere ausführen zu können“, sagte er. Pauschalaussagen dazu „würden herzlich wenig taugen“. Aber als Bischof „habe er Vertrauen in Ihre Kompetenz, Ihre Erfahrung und Ihre Fähigkeiten, hier sach- und situationsgemäße Entscheidungen zu treffen, die sich vor dem Evangelium und der Berufung in der Dienst der Frohbotschaft bewähren“. Bei aller ernst zu nehmenden Krise, so der Bischof, sei die Diözese „gut aufgestellt, was die Gesamtentwicklung angeht“. Die Zahl der Priester und Diakone werde reichen, um die Seelsorgeeinheiten in den nächsten 15 Jahren zu versorgen. Ausführliche Beratungsprozesse hätten „gute und solide Strukturen und Konzeptionen“ erbracht, so dass man sich jetzt wieder intensiv inhaltlichen Fragen zuwenden könne. „Ich würde mir wünschen, dass Strukturdebatten weniger werden und wir uns mehr den wesentlichen Fragen zuwenden, was denn das Zentrum unseres Glaubens ist“, forderte Bischof Fürst. Die „missionarische Kirche im Volk“ sei dabei der Leitgedanke. Es wäre ein „wunderbares Signal“ dieses Begegnungstags, wenn deutlich werde: „Die Kirche von Rottenburg-Stuttgart, das sind Menschen, die miteinander auf dem Weg sind, um auch heute und in der heutigen Gesellschaft ‚Licht der Welt’, ‚Salz der Erde’ zu sein“, sagte Bischof Gebhard Fürst. Und „Christsein heißt Zeugnis ablegen von dem, was uns leben lässt.