„Zu erleben, dass Menschen wieder Menschen werden, das ist Glück.“

Rottenburg. 21. Dezember 2009. Einen „Urtraum“ ihres Lebens habe sie sich erfüllt: die Obdachlosigkeit bekämpfen. Unterbringungsprogramme seien ihre „absolute Leidenschaft“. Elke Mildner sagt dies, Kuratoriumsmitglied der von ihr selbst gegründeten Elke-Mildner-Caritas-Stiftung. In Rottenburg am Neckar ist sie seit 30 Jahren Vertrauensperson, Rettungsanker für Menschen, die nach herkömmlichen Maßstäben gestrandet, gescheitert sind. Alkoholkranke, Obdachlose, psychisch Kranke, Strafentlassene mit zerstörten Lebensgeschichten und quälenden Alpträumen. Kurz: Menschen, die so und so oft „rausgeworfen“ worden sind – aus Wohnungen ebenso wie aus der Bahn des Lebens; Menschen, die mit dem verzweifelten Grundgefühl zurechtkommen müssen: „Keiner will mich mehr.“ Sie machen bei der kleinen Person mit den strahlenden Augen, dem großen Herzen und dem eisernen Willen die völlig neue Erfahrung: Ich bin willkommen.

Vor kurzem hat Elke Mildner in der Klostergasse 6, mitten in der Rottenburger Altstadt, ein altes Haus gemietet, schräg gegenüber von ihrem eigenen Wohnhaus aus dem Jahr 1796, ein „Armenhaus“, in dem Obdachlose und Alkoholkranke wohnen können, denen sonst alle Türen verschlossen sind. Fünf der sechs Plätze in dem „Armenhaus“ waren sofort belegt, für den sechsten Platz ist die Aufnahme bereits beantragt. So ist es ihr immer gegangen, seit sie 1979 mit Gruppen der Anonymen Alkoholiker zu arbeiten begonnen hat. Im Jahr 1981 wurde die erste Wohnung für eine WG mit neun Plätzen angemietet. 1983 kaufte Frau Mildner das Haus Klostergasse 6 für die eigene Familie. Inzwischen wohnen auch dort vier Klienten mit ihr unter einem Dach. „Klo 6“, so nennt Mildner die „Keimzelle“ ihres ganzen Werks der Einfachheit halber. 1985 folgte eine Mietwohnung in der „Schütte“, die steil vom Rottenburger Knast abwärts führt. Im selben Jahr wird ein Häuschen, ein Stockwerkeigentum in der Steig 19 gekauft, das 5 Wohnplätze enthält. Das Haus Königstraße 65 wird 1992/1993 für vier Wohnplätze und ein Büro gemietet. Heute befindet sich darin die „Oase“, ein Café und Treffpunkt für die vergessenen Mitbürger der Stadt. Zur gleichen Zeit wurde auch eine Neubauwohnung für einen krebskranken Mann angemietet, der auf besondere hygienische Bedingungen angewiesen war. Im Milleniumsjahr 2000 kommt eine weitere Einheit im Torbogengässle 12 dazu. Gekauft wurde auch das Haus Burgsteige 9 und 11 mit acht Plätzen für Alkoholkranke und zwei Betreuerwohnungen. 2008 wurde das Haus Königstraße 63 gekauft; es bietet als Notunterkunft Platz für zwei Personen in akuten Krisen und enthält zwei Wohnungen „für soziale Belange“. Im Erdgeschoss führt der Psychotherapeut Alf Ziernioch Therapie- und Beratungsgespräche. Insgesamt neun Wohneinheiten – fünf im Besitz von Frau Mildner und vier angemietet – bieten Raum, Lebensraum für rund 30 Menschen. Sie wisse oft nicht, wie sie die finanziellen Verpflichtungen schultern solle, sagt Frau Mildner. Sie sei schon so überschuldet gewesen, dass sie nicht einmal die Schuhsohlen habe reparieren lassen können. Die Renovierungsarbeiten an den Altstadtimmobilien werden übrigens weitgehend von den Bewohnern selbst durchgeführt – aus Kostengründen, aber auch deshalb, weil es gut für deren Selbstbewusstsein ist, mit den eigenen Händen einen Ort der Beheimatung für sich selbst und für Nachfolger mit ähnlichen Lebenshypotheken zu schaffen.

Ihre heutige Lebensaufgabe war für Elke Mildner nicht von vorneherein vorgezeichnet. 1942 in Stuttgart geboren, ist sie im ostwestfälischen Detmold aufgewachsen und zur Schule gegangen. Zum Studium der katholischen Theologie kam sie nach Tübingen und blieb bei den Schwaben hängen. Allerdings unterbrochen durch Studienzeiten in Lyon, wo sie mit dem großen Konzilstheologen Henri de Lubac zusammengearbeitet hat, und in Paris. Bis zu ihrer Pensionierung war sie Gymnasiallehrerin für Religion und Französisch in Rottenburg – das Gehalt für einen Lehrauftrag, so merkt sie an, war eigentlich keine gute Ausgangssituation für das Immobiliengeschäft. 1967 hat Elke Mildner geheiratet, bald kamen die vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. Heute halten acht Enkelkinder die Oma fit.

Eine schwere Lebenskrise durchbricht in den 70-er Jahren die Bahnen des bürgerlichen Lebens und zerstört den familiären Zusammenhalt. Dass die Liebe zwischen Mutter und Kindern die Krise überdauert hat und jetzt lebendiger ist als jemals, gehört zu den tiefen Glückserfahrungen von Elke Mildner. Heute leitet sie ein kleines Unternehmen der etwas alternativen Art mit vier hauptamtlichen und fünf ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Eine Tochter ist Geschäftsführerin der Stiftung, die Söhne - beide vom Fach - übernehmen die Bauleitung bei den Gebäudesanierungen. Handelte es sich ursprünglich um eine Nachsorgeeinrichtung für alkoholkranke Menschen mit zeitlich begrenzter Aufenthaltsmöglichkeit, so bietet die jetzige Konzeption eines „ambulant betreuten Wohnens für chronisch und mehrfach geschädigte Alkoholkranke“ die Möglichkeit einer dauerhaften Beheimatung. „Man kann Menschen, die nirgends mehr willkommen sind, nicht zuerst Heimat anbieten und dann wieder wegnehmen“, sagt Frau Mildner. Sie kann sich in die Situation ihrer Freundinnen und Freunde hineinversetzen. Sie weiß aber auch, wo Grenzen sind. Wer von den Alkoholikern trinkt, fliegt raus. „Das geht dann ruckzuck, in zehn Minuten.“ Und im Suff randalierende Menschen sind für sie widerlich. Es geht ihr zutiefst um die Würde der Menschen. Den Menschen ihre Würde zurück geben, sie wieder Gemeinschaft erleben zu lassen, ihren Mut zu stärken, das Leben wieder vorsichtig voran zu treiben – diese Grundanliegen teilt sie mit ihren Mitarbeitenden. Deshalb geht sie auch denjenigen nach, die zunächst nicht durchgehalten haben. Rund ein Drittel schafft es auf Anhieb, ein weiteres Drittel dreht einige „Runden“ und stabilisiert sich dann zum Teil wieder, ein letztes Drittel scheitert. Auch dies gehört zu den Erfahrungen Elke Mildners.

Die Rottenburger Sozialpionierin, die sich gelegentlich auch in einer Alibifunktion für bürgerliche und Kirchengemeinde erlebt und darüber enttäuscht ist, wurde mehrfach öffentlich geehrt: durch Bischof Gebhard Fürst mit der Martinus-Medaille der Diözese Rottenburg-Stuttgart, durch Ministerpräsident Günther H. Oettinger mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Das freut und bestärkt Elke Mildner. Aber was macht sie glücklich? Zum Beispiel, wenn sie – aus intuitivem Antrieb -, nachts nach einer jungen Frau sucht, um die sie sich Sorgen macht, und sie vom unmittelbar bevorstehenden Suizid abhalten kann und weiß, dass diese Frau heute drei Kinder hat und glücklich ist. „Dann war’s halt mal nichts mit Pulsadern aufschneiden“, kommentiert sie mit Understatement, um ihre menschliche Rührung etwas zu verbergen. Oder: wenn sie mit der Fronleichnamsprozession durch Rottenburg geht und aus vielen Fenstern „ihre Freunde“ herauswinken sieht und weiß, denen geht es jetzt gut. Eine Geschichte geht besonders nah: Alfred, ein Mörder, der zehn Jahre im Knast verbracht hat, oft gefesselt in der Beruhigungszelle, weil er so gewalttätig war – Alfred kommt eines Tages, zitternd am ganzen Leib, zu Elke Mildner. Er habe den Pfarrer in einer Resozialisierungseinrichtung fast erwürgt. „Pfarrer erwürgt man nicht“, hat Elke Mildner gesagt und ihn bei sich aufgenommen. Vierzehn Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahr 2008, ist er bei ihr geblieben und war einer ihrer wertvollsten Helfer. Zu ihrem Glück gehört auch, dass sie Alfred dabei helfen konnte, seine furchtbaren Angstzustände, seine „inneren Dämonen“ ein wenig zu bändigen. „Zu erleben, dass Menschen wieder Menschen werden, das ist Glück“, sagt Elke Mildner.

Thomas Maria Renz, Weihbischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, hat Alfred beerdigt. Er ist Schirmherr der „Elke-Mildner-Caritas-Stiftung“. Und er scheut sich nicht, bei den allfälligen Baustellenbesuchen Kleider und Schuhe schmutzig zu machen, erzählt Frau Mildner. Mit seiner Spende konnten in einer der WGs neue Sanitäranlagen eingebaut werden. Katholische Priester waren ihr oft eine rettende Stütze. So Peter Schmid, damals Subregens im Rottenburger Priesterseminar, heute Pfarrer in Heiligkreuztal im Kreis Biberach: Er hat sie in schwersten Krisen begleitet und ihr wieder Zukunftsperspektiven eröffnet. Und Bischof Georg Moser. Als sie auf seinen Hilferuf hin einmal einen randalierenden Alkoholiker im Bischofshaus beruhigen konnte, hat er sie spontan – wie später immer wieder – mit einer großzügigen Spende unterstützt. Bis zu seinem Tod sei er ein treuer Begleiter ihres Werks gewesen, sagt Frau Mildner.

Die Nähe zur Kirche ist Elke Mildner immer wichtig gewesen. Trotz mancher Enttäuschungen – „Warum gibt es in der Bischofsstadt kein kirchliches Armenhaus, kein Frauenhaus?“ - gehört es zuinnerst zum Konzept ihrer Tätigkeit, dass diese unter einem kirchlichen Dach stattfindet. Sinnstiftung ist das zentrale Stichwort, denn „Saufen ist kein Lebensinhalt“. Und Sinnstiftung geschieht in der Religion: „Wem das hilft, dem hilft das sehr.“ Sie hat erlebt, dass in Situationen, in denen nichts sonst mehr hilft, das Beten hilft. Menschen werden wieder ruhig. Es geht ihr nicht um „Hammermission“, sondern um eine Kommunikationsebene, die die Tiefe der Menschen erreicht. Als sie das Wohnhaus „Klo 6“ gekauft hat, hat sie zuerst im mittelalterlichen Kellergewölbe einen Gebetsraum eingerichtet, die „Katakombe“. Sie habe die Kohlen auf die Seite geräumt und ein Kreuz aufgehängt und gesagt: „Das ist jetzt meine Kirche.“ Jeden dritten Sonntagabend findet hier einer Eucharistiefeier statt – mit Bischof und Weihbischöfen und anderen Priestern der Stadt. Gäste kommen gerne dazu. Jüngst musste ein Zelebrant kurzfristig absagen. Elke Mildner hat denn spontan den Gottesdienst gestaltet und den Mitfeiernden anstelle der Kommunion einen Glasstein aus Chartres geschenkt. Als ich mit ihr die steile Treppe zur „Katakombe“ hinabsteige, zeigt sie – wie immer fröhlich lachend – auf ein großes Kruzifix gleich am Eingang und sagt: „Hier ist der Chef.“ Mehr muss zum Programm ihres Handelns nicht gesagt werden.

Thomas Broch