Von einem Lagerraum im Turm der Kirche St. Nikolaus in Gundelsheim tragen Maximilian Englert, Wolfgang Schuster und Martin Kolbeck drei dicke Rollen in den Kirchenraum. Auf diese ist gut verpackt jeweils ein Fastentuch gewickelt. Nur alle paar Jahre werden die Kunstwerke gegen Ende der Fastenzeit hervorgeholt.
Das letzte Mal war das vor vier Jahren der Fall. Daher ist Barbara Springmann gespannt, wie die Fastentücher die Lagerung überstanden haben. Nacheinander werden die Fastentücher entrollt und mit Teleskopstangen zu den Seitenaltären sowie zum Hauptaltar gehievt. Der Zustand ist gut, wie sich die Restauratorin überzeugen kann. „Ich freue mich, wenn ich die Fastentücher hängen sehe. Es ist eine schöne Tradition“, sagt Springmann.
Datierung, Signatur und Inschrift
Etwa um das Jahr 1000 herum soll allgemein der kirchliche Brauch entstanden sein, während der Fastenzeit Altäre mit einer Art von Vorhängen zu verhüllen. „Die Augen fasten mit“, erklärt Kolbeck. Seit seiner Zeit als Oberministrant sei er beim Anbringen dabei, sagt der 53-Jährige.
Die drei Fastentücher in Gundelsheim verdecken aber nicht nur, sondern illustrieren zugleich die Passionsgeschichte. Das Fastentuch am rechten Seitenaltar zeigt Jesus als Schmerzensmann mit Dornenkrone und Wunden am Körper. Es trägt die Jahreszahl 1726 und eine Inschrift aus Großbuchstaben. Diese verweist auf den Stifter des Fastentuchs, Johann Georg Sartorius, von 1719 bis 1733 Pfarrer der Gemeinde. Es gibt auch eine kleine Signatur eines Malers mit der Datierung 1725, wie Springmann weiß. Sie hat die Fastentücher im Jahr 2009 restauriert.
Nur zwei Wochen lang zu sehen
Auf dem Fastentuch für den linken Seitenaltar ist Maria als Schmerzensmutter dargestellt. Bei diesem Tuch könnte es sich um eine Nachbildung handeln, da das Tuch laut Einschätzung im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert entstanden sein muss. Auf der größten der drei blau eingefärbten und mit Ölfarben bemalten Leinwände ist eine Ölbergszene zu sehen. Sie ist laut der Restauratorin in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts einzuordnen und verdeckt den Hauptaltar.
Da Textilien empfindlich sind, haben nicht mehr viele Fastentücher, auch Hungertücher genannt, die Geschichte überdauert. So ist auch das Tuch am Gundelsheimer Hauptaltar wohl durch die Lichteinwirkung aus den Chorfenster recht durchscheinend geworden. Daher werden die drei historischen Kunstwerke nur noch alle paar Jahre für zwei Wochen aufgehängt – diesmal wegen des 300-jährigen Jubiläums des ältesten Exemplars. Springmann begleitet dann den Einsatz der Helfer aus der Kirchengemeinde mit ihrer Expertise. Sie hat auch ein Konzept dafür entwickelt, wie die Tücher am sichersten und schonendsten aufgehängt und gelagert werden können.
Die Kirchengemeinde hat außerdem vor wenigen Jahren die Fastentücher abfotografieren und Kopien von ihnen anfertigen lassen. Die Drucke verhüllen nun in den Jahren die Altäre, in denen die Originale im Turm, wo laut Kolbeck eine gleichmäßige Temperatur und Luftfeuchtigkeit herrscht, bleiben.






