Nachruf

Abschied von einem großen Theologen

Papst Benedikt XVI. am 19. August 2005 in Bonn. Foto: Deutsche Bischofskonferenz

Bischof Dr. Gebhard Fürst würdigt den verstorbenen Papa emeritus Benedikt XVI. als Mann, der die katholische Kirche nachhaltig geprägt hat.

"Mit Papa emeritus Bendikt XVI. ist ein großer Theologe von uns gegangen, der als Papst ein Jahrzehnt lang die katholische Kirche nachhaltig geprägt hat – ein Mann, der mich von meinem Studienbeginn im Jahr 1969 an in Tübingen nicht zuletzt auch durch sein großartiges Buch 'Einführung in das Christentum' in meinem theologischen Denken und Handeln stark beeinflusst hat." Mit sehr persönlichen Worten hat Dr. Gebhard Fürst als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart den verstorbenen Papa emeritus, Joseph Ratzinger, gewürdigt. Dessen großes Anliegen sei es gewesen, das Evangelium "so zu verkünden, dass es die Menschen in ihrem Leben erreicht und so anspricht, dass es ihnen Hoffnung und Zuversicht schenkt und und Antworten gibt für ihre jeweiligen Lebensumstände und die großen Fragen der menschlichen Existenz".

Auch wenn er als junger Student 1969 in Tübingen Professor Ratzinger ganz knapp verpasste, habe er später viele Male die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit Kardinal Ratzinger während dessen Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation oder auch bei den Ad-limina-Besuchen der Deutschen Bischofskonferenz in Rom gehabt. Dabei zeigte dieser sich als ehemaliger Tübinger Professor immer außergewöhnlich gut informiert über die Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Wacher Intellekt, Sensibilität und Feinsinnigkeit

"Nie vergessen", so Gebhard Fürst, werde er, wie Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag 2005 in Köln mit über einer Million Jugendlichen, die ihm zujubelten, Eucharistie feierte. Ganz besonders geschätzt habe er an Papst Benedikt XVI. seinen "wachen Intellekt, seine bildung, seine Sensibilität und Feinsinnigkeit", die er bewusst eingesetzt habe, um die Schönheit des Glaubens vor allem in der Feier der Liturgie zum Ausdruck zu bringen. Was ebenfalls bleiben werde, sei seine erste große Enzyklika "Deus est caritas" ("Gott ist die Liebe") . Sie war ihm als Papst als „bonus pastor“, als oberster Hirte der katholischen Kirche Richtschnur der Führung und Leitung des Volkes Gottes.  In besonderer Weise berührte den Bischof von Rottenburg-Stuttgart dabei, dass Benedikt den Diözesanpatron St. Martinus als "Ikone der Nächstenliebe" vorbildhaft für uns Menschen herausgestellt habe.

Zwei Sätze aus dem umfangreichen Vermächtnis von Benedikt XVI. scheinen Gebhard Fürst für unsere heutige Zeit besonders bedenkenswert: "Am Anfang steht nicht die Lehre, sondern die Person Jesus von Nazareth." In einem Brief an die irische Kirche zum dortigen Missbrauchsska ndal im Jahr 2010 schrieb er: "Wir brauchen eine neue Vision, um zukünftige Generationen zu inspirieren, das Geschenk unseres gemeinsamen Glaubens zu schätzen."

Ratzinger lehrte von 1966 bis 1969 in Tübingen

Der ehemalige Papst aus Deutschland ist am heutigen 31. Dezember 2022 nach längerer Krankheit verstorben. Geboren am 16. April 1927 als Joseph Ratzinger in Marktl am Inn, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Traunstein nahe der österreichischen Grenze. Nach seinem Studium der Philosophie und Theologie an der Hochschule zu Freising und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München wurde Ratzinger am 29. Juni 1951 im Freisinger Dom zum Priester geweiht. 1952 begann er seine Lehrtätigkeit an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising. 1953 promovierte er mit einer Dissertation über das "Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche" und habilitierte sich 1957 über "Die Geschichtstheologie des hl. Bonaventura".

An der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen lehrte Joseph Ratzinger von 1966 bis 1969 Dogmatik und wurde mit dem Protest der Studentenbewegung konfrontiert. Knapp 40 Jahre später, im März 2007, traf er als Papst Benedikt XVI. 15 Theologen der Tübinger Fakultät auf Initiative von Bischof Gebhard Fürst im Anschluss an die Generalaudienz, wo er mit jedem eizelnen Professor und jeder Professorin ein persönliches kurzes Gespräch führte. Damit wollte  er deutlich machen, wie bedeutend die Theologie, das Nachdenken über den Glauben, für die Kirche sei, sagte der damalige Papst und betonte: "Theologie muss die Wahrheit zur Sprache bringen und den Menschen eine Hilfe bieten, ihr Leben aus dem Licht des Glaubens zu erschließen."

"Mitarbeiter der Wahrheit"

Ab 1969 war Joseph Ratzinger Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg. Außerdem war er dort Vizerektor. Ratzinger veröffentlichte über die Jahre zahlreiche Schriften und Bücher. Besondere Aufmerksamkeit erfuhren die "Einführung in das Christentum" (1969), eine Sammlung von Universitätsvorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis und "Dogma und Verkündigung" (1973). Am 24. Mai 1977 ernannte Papst Paul VI. Joseph Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising. Sein Wahlspruch zur Weihe am 28. Mai lautete "Mitarbeiter der Wahrheit". Nur vier Wochen später wurde er zum Kardinal erhoben.

Unter Papst Johannes Paul II. wurde Kardinal Ratzinger 1981 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, außerdem Präsident der Päpstlichen Bibelkommission und der Internationalen Theologenkommission. Die pastorale Leitung der Erzdiözese München und Freising gab er daraufhin ab.

Am 19. April 2005 zum Papst gewählt

Am 19. April 2005 wurde Joseph Kardinal Ratzinger in der Nachfolge des am 2. April verstorbenen Johannes Paul II. zum Papst gewählt. Wenige Stunden vor Beginn des Konklaves hatte er in der Vatikanbasilika noch die Heilige Messe gefeiert. "Erwachsen", soll er damals in seiner Homilie gesagt haben, "ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen."

Als Papst Benedikt XVI. kehrte Ratzinger 2006 nach Regensburg zurück. Nach dem Auftritt beim Weltjugendtag in Köln, wo ihn ein Jahr zuvor nahezu 5.000 Jugendliche aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Bischof Gebhard Fürst an der Spitze getroffen hatten, war dies seine erste offizielle Papst-Reise nach Deutschland. Fürst war selbstverständlich auch dabei, als der Papst in Regensburg sprach. "Gott ist Liebe", zitierte der Rottenburg-Stuttgarter Bischof an seinem sechsten Weihejubiläum 2006 dann auch aus dem ersten Schreiben des neuen Papstes: "Eine wider Menschen gerichtete Gewalt darf nie damit rechnen dürfen, religiös begründet zu werden, weder im Islam noch im Christentum." Wo sie dies dennoch tue, sagte Fürst, da sei sie krank, menschenverachtend und lebensfeindlich und würde zur Quelle des Unheils.

Am 11. Februar 2013 erklärte Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt vom Amt zum 28. Februar. An diesem Tag um 20 Uhr endete sein Pontifikat. Seitdem lebte er als "Papa emeritus" relativ zurückgezogen im Vatikan.

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