Friedensglocken

Auf dem Weg der Versöhnung

Friedensglocken für Europa Polenreise 2023: Bischof Dr. Gebhard Fürst segnet vor der Kathedrale St. Nikolaus in der polnischen Stadt Elbląg (Elbing) die Glocke, die von Oberesslingen nach Straszewo (Dietrichsdorf) zurückkehrt. Mit dabei ist auch Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Arkadius Guzy

Bischof Dr. Gebhard Fürst bringt mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann historische Kirchenglocken aus der Diözese zurück nach Polen.

Die Geschichte braucht manchmal einen langen Atem. Gut 80 Jahre nachdem sie vom Nazi-Regime aus ihren Kirchtürmen heruntergenommen worden waren, um zur Rüstungsproduktion eingeschmolzen zu werden, sind am Samstag im Rahmen des Projektes „Friedensglocken für Europa“ zwei historische Glocken in ihre Heimat im Ermland zurück gekehrt: Im Anschluss an einen Gottesdienst am Vormittag in der Kathedrale St. Nikolaus in der polnischen Stadt Elbląg (Elbing) hat Bischof Dr. Gebhard Fürst eine Glocke aus der Kirchengemeinde St. Albertus Magnus in Oberesslingen an Vertreter ihrer Ursprungsgemeinde Straszewo (Dietrichsdorf) übergeben.

Die 300 Kilogramm schwere Glocke aus dem Jahr 1719 gehörte zu den schätzungsweise 100.000 Glocken, die ab 1940 auf Befehl der Nationalsozialisten aus dem ganzen damaligen Deutschen Reich der Rüstungsindustrie zur Verfügung gestellt werden mussten. Auf seiner Reise begleitet wurde der Bischof vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten und Kirchenbeauftragten Winfried Kretschmann – dessen Familie aus dem Ermland stammt. In Frombork (Frauenburg), wo Kretschmanns älterer Bruder Ulrich geboren wurde, gab die Delegation aus dem Schwabenland am Abend eine zweite Glocke an Erzbischof Jozef Gorczynski und seine Diözese zurück. Diese Glocke hatte die vergangenen 70 Jahre in Aichtal-Grötzingen geläutet.

Eindrücke von der Reise nach Polen im Juni 2023

Auf dem Wege der Versöhnung

Bei Kriegsende 1945 blieben nur etwa 16.000 Glocken in den Sammellagern übrig und konnten in den Folgejahren ihren Ursprungsgemeinden zurückgegeben werden. Für die ungefähr 1.300 Glocken aus den ehemals deutschen Ostgebieten war dies aus politischen Gründen nicht möglich. Sie wurden ab 1950 leihweise Gemeinden in der jungen Bundesrepublik zugewiesen. Glocken aus katholischen Kirchen wurden dabei jeweils katholischen Gemeinden zugedacht. So kamen auch Glocken in die Diözese Rottenburg-Stuttgart - und die Glocke aus dem heutigen Straszewo gelangte nach Oberesslingen.

Bei dem Projekt „Friedensglocken für Europa“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart sollen in den nächsten Jahren weitere Glocken in ihre Heimatgemeinden im heutigen Polen und Tschechien zurückgebracht werden. Ziel ist, auf diesem Weg ein Stück historische Ungerechtigkeit wiedergutzumachen und die Menschen an der Basis in den Kirchengemeinden zusammenzubringen auf dem Wege der Versöhnung. Als Ersatz für die Glocken, die an ihre Ursprungsorte zurückkehren, finanziert die Diözese Rottenburg-Stuttgart den Kirchengemeinden neue Glocken.

 

Die Glocke war Zeugin einer schwierigen Geschichte, aber auch Zeugin des Friedens und der Hoffnung.
Bischof Jacek Jezierski

 

„Die Glocke war Zeugin einer schwierigen Geschichte, aber auch Zeugin des Friedens und der Hoffnung“, sagte Bischof Jacek Jezierski (Bistum Elbing) im Gottesdienst. Er dankte seinem Kollegen Fürst für das Projekt. Fürst erklärte: „Die Glocke hat die gemeinsame Geschichte beider Nationen erfahren und mitgeprägt.“ Die Glocke stifte nun Gemeinschaft, denn „ohne die Glocke wären wir heute nicht hier“. Damit schloss Fürst auch eine Abordnung aus dem tschechischen Píšť/Sandau ein. Dorthin war bereits im Herbst 2021 eine Glocke zurückgekehrt, und nun nahmen die tschechischen Vertreter:innen an der Übergabe in Polen teil. Denn das Projekt „Friedensglocken für Europa“ verfolgt nicht nur einen bilateralen, sondern einen trinationalen Ansatz und will die deutsche, polnische und tschechische Seite zusammenbringen.

Instrumente, die die Erde mit dem Himmel verbinden

„Tief bewegt“ zeigte sich Ministerpräsident Kretschmann in Frombork am Denkmal für die Menschen, die damals auf der Flucht starben. Rund 450.000 Ostpreußen versuchten im Januar 1945 sich über das zugefrorene Frische Haff nach Danzig zu retten vor der anrückenden Sowjet-Armee. Auch die Eltern und die drei älteren Geschwister von Winfried Kretschmann waren unter ihnen; das jüngste der drei Kinder kam dabei ums Leben. Der Ministerpräsident legte zusammen mit Bischof Fürst und Vertretern der deutschen Minderheit in Nordpolen einen Gedenkkranz nieder – und geißelte in diesem Zusammenhang den brutalen Angriffskrieg Russlands in der benachbarten Ukraine: „Glocken hingegen sind Instrumente, die die Erde mit dem Himmel verbinden.“

Zum Abschluss der Reise ins Ermland wird am heutigen Sonntag eine weitere Glocke aus der Kirche St. Albertus Magnus in Oberesslingen in ihre Heimat im Dorf Zegoty (Siegfriedswalde) zurück gebracht. Außerdem steht der Besuch einer großen Flüchtlingseinrichtung für Ukrainerinnen und Ukrainer in der Nähe von Olsztyn (Allenstein) auf dem Programm.

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Weitere Eindrücke von der Reise nach Polen gibt's in unserem Dossier

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