Einen Tag vor dem Volkstrauertag, der bundesweit an die Opfer von Krieg und Vertreibung erinnert und zum Frieden mahnt, sprach Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Vertriebenenorganisationen (AKVO) am Samstag in Schwäbisch Gmünd über Herkunft, Erinnerung und Verantwortung.
Die Leiterin der Hauptabteilung „Kirche und Gesellschaft“ schilderte eindrücklich die Vertreibung ihrer ungarndeutschen Familie: Ihr Vater wurde 1946 als Säugling deportiert, der wenige Habseligkeiten umfassende Besitz – darunter eine Holzkiste – ist bis heute Familienerinnerung. Diese persönliche Geschichte, so Schieszl-Rathgeb, sei kein Einzelfall. Millionen Menschen in Europa haben damals ähnliche Erfahrungen gemacht.
Schritte zum Frieden
Nach den schlimmen Erlebnissen des Krieges gab es allmählich kleine Schritte in Richtung Frieden. Schieszl-Rathgeb erinnerte an die Vertriebenenwallfahrt auf dem Ellwanger Schönenberg, an geistliche Wegweiser wie Bischof Joannes Baptista Sproll und seinen Nachfolger Karl Josef Leiprecht, der mit dem Siedlungswerk der Diözese Wohnraum für Vertriebene schuf. Auch die Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950, in der der Verzicht auf Rache und Vergeltung festgeschrieben wurde, hob sie als frühes Friedenssignal hervor.
Mit Blick auf aktuelle Krisen und den Krieg in der Ukraine betonte Schieszl-Rathgeb, wie wichtig es sei, das „Friedensprojekt Europa“ zu schützen. Heimat sei kein Besitz, sondern etwas, das gemeinsam gestaltet werde. „Vielleicht wird es die Vertriebenenverbände in ihrer bisherigen Form eines Tages nicht mehr geben. Was aber bleiben muss, ist das Bewusstsein, dass die Erzählungen über Krieg, Flucht, Vertreibung und Integration Teil unserer gemeinsamen Geschichte sind – und Teil unseres Auftrags für Europa“, so Schieszl-Rathgeb.


