Geschichte

Besuch im Jobcenter für Heiligenfiguren

Heiligenfiguren und viele andere künstlerische Objekte aus sakralem Kontext, die nicht mehr benötigt werden, finden im Diözesandepot in Obermarchtal Aufnahme. Für den Geschichtsverein öffnete das Depot seine Tore. Foto: drs/Jerabek

Auch im Bereich religiöser Kunstgeschichte gibt es „Moden", Heiligenfiguren werden „arbeitslos". Der Geschichtsverein der Diözese lud zur Modenschau.

Was all die Figuren wohl zu sagen hätten (wenn sie denn sprechen könnten): etwa Franz von Assisi und andere heilige Franziskanermönche, von denen einzelne schwer von ihrem „Einsatz“ in der Welt gezeichnet sind (bis hin zu fehlenden Gliedmaßen); oder die Herz-Jesu-Statuen, teilweise lebensgroß, die segnend ihre Arme ausbreiten in einer Zeit, die diese Ausdrucksform der besonderen Liebe Jesu zu den Menschen kaum mehr versteht; oder die Nepomuk-Statuen, die ja sonst gern an Brücken ihren Dienst tun, hier aber nur einen Schwerlast-Regalboden „bewachen“ und auf eine neue Aufgabe warten … – jede dieser Figuren, die zahlreich, teils dutzendweise im Kunstdepot der Diözese Rottenburg-Stuttgart stehen, würde „ihre Geschichte“ erzählen, vielleicht mit Ausnahme der Josefe, die ja biblisch-bekanntlich eher schweigsam sind.

Tatsächlich viel zu erzählen hat(te) Ralf Schneider, Verantwortlicher für das Kunstdepot der Diözese, der für den Geschichtsverein der Diözese die Tore zu den sonst nicht öffentlichen Räumen im ehemaligen Kloster Obermarchtal öffnete. Dort haben nicht nur jene Heerscharen von Heiligenfiguren eine Bleibe gefunden, die anderswo übrig waren, sondern auch Kruzifixe und Gemälde, Altäre und Beichtstühle, Reliquiare und vieles mehr, die sich oft über Jahrhunderte in Gotteshäusern befanden, aber aus vielfältigen Gründen entnommen oder ausgetauscht wurden.

Vorschlaghammer, Ebay, Mülltonne...

Schneider zeigt und erläutert zum Beispiel Fragmente von Terracotta-Figuren, die eine Kirchengemeinde nach der Entrümpelung ihres Kirchendachbodens zusammen mit Tontöpfen entsorgen wollte. Diese Figuren aus der Barockzeit „von einem Künstler, der es konnte“, seien der Rest einer Kreuzigungsgruppe aus dem Bodenseeraum, die als Vorlage für Holz- oder Steinfiguren dienen sollten, aber wegen der Materialknappheit infolge des Dreißigjährigen Krieges wahrscheinlich nie realisiert wurden. „Das ist ein Kulturzeugnis, war aber für den Müll gedacht – sortenrein sortiert“, sagt Schneider und klingt dabei immer noch irgendwie fassungslos.

Einen Stock höher stehen die geretteten Teile des neugotischen Chorgestühls aus geschnitzter Eiche – stilistisch und qualitativ „erste Liga“ –, welches fast 100 Jahre lang zu den Highlights des Rottenburger Domes gehörte. Mit stark ausbaufähiger Sensibilität habe man dieses Chorgestühl 1956 im Zuge der „Purifizierung“ mit Säge und Vorschlaghammer entfernt, berichtet Schneider. Es wird jetzt ebenso in den rund 2500 Quadratmeter umfassenden Räumen des Depots verwahrt wie auch ein Grablegungschristus, der beim Ausräumen eines Dachbodens aufgetaucht und bereits auf Ebay eingestellt gewesen sei, bis der Pfarrer wegen eines „schlechten Bauchgefühls“ im Diözesandepot anrief. Wie sich herausstellte, handelt es sich bei der Figur um eine Auftragsarbeit eines Adelsgeschlechts für eine Heilig-Grab-Kapelle aus dem Jahr 1425, die heute zu den wertvollsten Objekten des Depots gehört.

„Moden und Macher“ kirchlicher Denkmalpflege

Noch viele weitere Begebenheiten wie diese zogen die die etwa 85 Besucherinnen und Besucher der Tagung „Kunst, Kostbarkeiten, Kitsch. Auch Kirchenkunst kennt Moden“ des Geschichtsvereins in den Bann. Zuvor lieferten zwei Vorträge im Spiegelsaal der ehemaligen Prämonstratenser-Reichsabtei Marchtal das fachliche „Rüstzeug“ und weckten die Neugier: Dr. Iris Dostal-Melchinger vom Diözesanmuseum Rottenburg gab einen Einblick in den Wandel von Frömmigkeit, liturgischen Bedürfnissen und künstlerischen Ausdrucksformen bei kirchlichen (Kunst-)Ausstattungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Dass schon allein die Stilfrage bzw. dessen Beurteilung gerade für die Zeit der Entstehung der Diözese einer gewissen Unsicherheit und einem interessanten Wandel unterworfen war, zeigte sie unter anderem anhand der Pfarrkirche St. Leonhard in Grafenau-Dätzingen: Was in einer Beschreibung aus dem Jahre 1850 ein „moderner Rundbogenstil“ war, sei 1975, also 125 Jahre später, in einem Heimatführer zum „Scheunenstil“ geworden; eine Festschrift wenige Jahre später sprach dann vom Stil des „Spätklassizismus“, und das Dehio-Handbuch Baden-Württemberg ordnet die Kirche dem „klassizistischen Rundbogenstil“ zu.

Über „Moden und Macher“ der kirchlichen Denkmalpflege der Nachkriegszeit sprach Dr. Michael Habres, der als Gebietsreferent am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege für die Baudenkmäler mehrerer Landkreise und Städte im Regierungsbezirk Schwaben zuständig ist. Erst kürzlich hat er eine zweibändige Studie zur kirchlichen Denkmalpflege am Beispiel der Diözese Rottenburg-Stuttgart vorgelegt. In seinem Vortrag skizzierte er anschaulich, wie seit 1945 über die Ausstattung der Kirchen entschieden wurde.

Den Historismus auf dem Kieker

Über Jahrzehnte hinweg wurden Restaurierungsmaßnahmen weniger von der staatlichen als vielmehr von einer eigenständig agierenden kirchlichen Denkmalpflege in Gestalt des Kunstvereins der Diözese Rottenburg beeinflusst. „Radikale“ Gutachten von Prälat Erich Endrich (1898-1978) als dem bedeutendsten Kunstvereinsvorsitzenden des 20. Jahrhunderts und seine ambivalente und lange Zeit ablehnende Haltung zum Historismus (die freilich zeittypisch war) trugen beispielsweise wesentlich dazu bei, dass die Ausstattungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Kirchen wie St. Jodok in Ravensburg und St. Salvator in Aalen im Zuge von Restaurierungen weitgehend leergeräumt wurden. Viele Ausstattungsstücke, auch Hochaltäre und Gestühle, wurden „entsorgt“, gingen auf Wanderschaft oder landeten auf Umwegen im Diözesandepot.

„Idealerweise werden die in Obermachtal deponierten Objekte wieder einer sakralen Nutzung zugeführt“, heißt es in einem Flyer des Diözesandepots. Und so warten auch zahlreiche, bei „Modewechseln“ in Ungnade gefallene Heiligenfiguren – wie in einem Jobcenter – auf einen neuen Wirkungskreis: Menschen als Vorbild zu dienen und mithin dabei zu helfen, ein Leben aus dem Glauben zu gestalten.

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