Bischof Dr. Gebhard Fürst: Chancen und Grenzen des medizinischen Fortschritts 2003

Biberach, anlässlich der Woche für das Leben 2003

Begrüßung und Hinführung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen der Veranstalter und aller Mitwirkenden heiße ich Sie alle hier im Hospitalhof in Stuttgart herzlich willkommen zur Auftaktveranstaltung der diesjährigen Woche für das Leben, die unter dem Thema ‚Chancen und Grenzen des medizinischen Fortschritts’ steht.

Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, denn es ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit, wie wir mit den ungeheuren Chancen und Möglichkeiten des Fortschritts umgehen. Der Fortschritt ist ungeheuer, und dies im doppelten Wortsinn: Die bekannte Formulierung aus Chorlied der Antigone des Sophokles "Ungeheuer ist viel, und nichts ungeheurer als der Mensch" könnte durch die neuesten Erkenntnisse der Gentechnik und zum Klonieren von Lebewesen oder Stammzellen in eine Drohung umschlagen, wenn die Gefahren nicht im Voraus bedacht werden, die mit der Anwendung jedweder Technik verbunden ist.

Die moderne Medizin hat ungeahnte Wege zur Heilung eröffnet. Gott sei Dank! Die Kirchen begrüßen das aus tiefster Überzeugung, denn wer bei Jesus in die Schule geht, braucht keinen Nachhilfeunterricht, der ihm die Bedeutung des Heilens aufzeigt. Heilen ist ein christlicher Grundauftrag.

Wir Christen widersprechen aber deutlich, wenn von Therapie und therapeutischem Verfahren geredet und dabei andererseits menschliches Leben getötet wird. Der christliche Glaube fordert immer dann Einspruch, wenn bei der Gestaltung der Welt die Würde des Menschen zwar vielfach zitiert, in Wirklichkeit aber bedroht oder zerstört wird. Die Argumente klingen stets wohlmeinend, vielfach wird von unerträglichem Leid und Mitleid, von Freiheit und Fortschritt gesprochen, manchmal auch offen von zu hohen Kosten und zu geringem wissenschaftlichem Nutzen.

Immer häufiger aber wird dabei die Würde eines Menschen verwechselt mit dem, was man dann als Wert oder Unwert eines Lebens bezeichnet. Werte aber hängen von der Bewertungsgrundlage ab, ändern sich mit ihr und können gegen Null gehen. Würde dagegen eignet einem Menschen als Menschen. Wenn das klar ist, kann man sich zwar unwürdig benehmen, gegen die Würde verstoßen oder sie gar mit Füßen treten. Weggeworfen oder genommen werden kann sie letztlich nicht. Die Chancen und Grenzen des Fortschritts messen sich am Maßstab der Menschenwürde.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Hans Jonas stellt das eben genannte Zitat des Sophokles ("Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch") an den Anfang seines Versuchs einer Ethik für die technologische Zivilisation. Angesichts der Chancen und Grenzen des medizinischen Fortschritts ist das Prinzip Verantwortung an die Stelle des Prinzips Hoffnung getreten.

Es ist gut, dass wir darüber immer wieder und immer stärker ins Gespräch kommen. Ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verlauf!