Bischof Dr. Gebhard Fürst: „Christlicher Religionsunterricht im religionsneutralen Staat?“ - Pressestatement von Bischof Fürst 2005

Stuttgart

In unserer säkularen Gesellschaft braucht die Schule einen Ort, an dem explizit in die Fragestellungen von Religion und Glaube eingeführt und wachgehalten werden. Aus diesem Grund hat der Religionsunterricht seine tragfähige Begründung. Religionsunterricht ist im Spannungsfeld von Bekenntnis und Dialog mit Welt und Gesellschaft zu verorten.

Christen sind keine konturlosen Schatten, sondern Zeitgenossen, die mit ihrem Profil erkennbar sind, Menschen, die durch ihr Leben und ihre Botschaft der Zeit ein glaubwürdiges Zeichen der Hoffnung geben. Nur wer Farbe bekennt, erhält Profil, nur der fordert heraus zur Stellungnahme.

Die Welt und die Menschen unserer Zeit brauchen keine Verdoppelung ihrer Resignation und Hoffnungslosigkeit. Sie brauchen dringend das Zeugnis unserer gelebten Hoffnung. Sie brauchen die widerständige Erfahrung einer frohen Botschaft vom Leben, das ihrem Leben Sinn und Orientierung geben kann. Ein profilierter, konturenreicher Religionsunterricht leistet seinen Teil dazu.

Die Frage aber, die sich heute vielfach stellt, ist die nach dem konfessionell geprägten und verantworteten Religionsunterricht: Würde es nicht genügen, ein allgemeines Fach Religionskunde zu unterrichten, das über die unterschiedlichen Religionen und Konfessionen informiert und sie miteinander vergleicht? So wichtig ein allgemeines Religionswissen ist – was ja auch im Religionsunterricht behandelt wird - , so wichtig ist doch auch, dass die Schüler die ‚religiöse Sprache’ der Gemeinschaft lernen, der sie angehören. Denn die Sprache ist wie ein Haus, in dem man wohnt und beheimatet ist. Und das ist man um so mehr, je mehr man sich in seiner Sprache bewegt und darin lebt, also sie in Gemeinschaft mit anderen spricht.

Weil es im Religionsunterricht um persönliche Orientierung und Identitätsfindung geht, kann er nur von Personen unterrichtet werden, die Religion auf Grund eigener Erfahrung darstellen können. Das ist ohne lebendigen Bezug zur Kirche nicht möglich.

Religionslehrer/innen müssen das, was sie unterrichten, auch selbst leben und mit Leib und Seele praktizieren. Sie müssen in der Sprache und Sprachgemeinschaft zu Hause sein, die sie vermitteln wollen. Deshalb ist es wichtig, dass sie im kirchlichen Auftrag unterrichten, dass sie eine Missio canonica haben und aktiv in ihrer jeweiligen Kirche beheimatet sind.

Wenn nach Auskunft der Studie, die hier vorgestellt wurde, über 90 Prozent der Religionslehrer/innen in Baden-Württemberg bereit sind, Schulgottesdienste an ihrer Schule zu gestalten, so ist dies auch erfreulicher Ausdruck einer kirchlichen Verbundenheit – und des Bewusstseins, dass die konkrete Praxis von Gebet und Ritual noch einmal mehr und anderes vermittelt, als es die bloß ‚theoretische’ Wissensvermittlung je könnte. Die Grammatik einer Sprache zu erlernen oder sie lebendig zu sprechen, ist eben zweierlei.

Dem entspricht auch, dass auf evangelischer Seite der sinnfälligen Glaubenserfahrung durch Zeichen und Feste im Kirchenjahr offenbar wieder mehr Bedeutung beigemessen wird. Sinnliche Ästhetik und Sinn hängen ja zusammen. Wir brauchen heute neben intellektueller Auseinandersetzung mit dem Glauben wieder stärker einen ganzheitlichen Zugang zur Wirklichkeit. Die göttliche Wirklichkeit durch sakramentale Zeichenhandlungen und Riten zu erschließen, entspricht dem Menschen als leib-seelischer Einheit. Der konfessionelle Religionsunterricht führt in eine bestimmte Glaubenssprache ein, um die Schüler so sprachfähig in religiösen Fragen zu machen. Dies hilft ihm auch, mit Menschen anderer religiöser Überzeugungen angemessen ins Gespräch zu kommen. Sie lernen so, sich auf eine bestimmte konkrete Tradition, Sprachgemeinschaft und damit auch auf eine konkrete Institution zu beziehen und mit anderen über religiöse Fragen zu sprechen.

Bei allem, was alle verbindet, dürfen die kulturell-religiösen Unterschiede nicht gering geachtet werden. Es gilt: Je tiefer das Profil, desto stärker sind Haftung und Halt. Wir erleben das in diesen Tagen auf den Winterstraßen: Reifen mit Profil bewähren sich gerade bei schlechtem Wetter. Die Räder drehen sich nicht auf der Stelle, sie rutschen nicht weg. Mit glatten Reifen kommt vor allem in kritischen Situationen schnell ins Schleudern. Ein gutes Profil prägt sich ein und hinterlässt Spuren. Der Religionsunterricht bedarf der Konkretion gelebten Glaubens. Wer den Differenzen ausweicht und das Heil im Allgemeinen sucht, wird gerade nicht Verständnis wecken und der Verständigung dienen.