Bischof Dr. Gebhard Fürst: Eröffnung der Ausstellung Buch des Lebens 2004

Ulm, 95. Katholikentag

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, heute die Ausstellung „Buch des Lebens“ hier in der Zionskirche eröffnen zu können. Ich danke unserem Gastgeber Pfarrer Klix von der Ulmer evangelisch-methodistischen Gemeinde, dass Sie uns hier in Ihrer Kirche so gastfreundschaftlich aufgenommen haben.

Heute schließt sich für die Diözese Rottenburg-Stuttgart und auch für mich ein Kreis. Vor genau sieben Monaten habe ich die Aktion „Buch des Lebens“ eröffnet. Ich habe vierhundert Ringbücher mit leeren Seiten im Rottenburger Dom an die Dekane überreicht. Wie ich heute zugeben kann, war ich durchaus skeptisch, ob sich denn Menschen finden, die diese Seiten füllen. Heute erhalte ich hier auf dem Katholikentag die Bücher zurück. Sie sind gefüllt.

Starke Geschichten, die nicht von menschlicher Kraft erzählen, sondern von der Kraft Gottes. Wenn ich mir anschaue, wie sich das „Buch des Lebens“ entwickelt hat, kann ich ohne Übertreibung sagen: Gottes Kraft muss dabei mit im Spiel gewesen sein.

Zu Beginn erhielten wir aus vielen Kirchengemeinden die Rückmeldung, dass die Gläubigen Scheu haben, in die ausliegenden Bücher ihre Geschichten vom Leben aus Gottes Kraft einzutragen. Zu intim seien die religiösen Erfahrungen, zu groß die Angst, sich als gläubiger Christ zu outen. Die Pfarrer ermutigten mehrmals im Gottesdienst zum Schreiben, in Abendveranstaltungen wurde darüber gesprochen, manche stellten Blumen auf die Tische, auf dem das Buch lag. Plakate warben für die Aktion. Doch die Bücher blieben leer. Manche fragten sich, ob es heute kein Leben mehr aus Gottes Kraft gibt, ob die Menschen wirklich ohne Gott auskommen, ob ihnen ihre eigene Kraft ausreicht, um Höhen und Tiefen im Leben zu meistern. Ist der Mensch wirklich stark genug, um sein Leben selbst in den Griff zu kriegen, es ohne Gott zu gestalten und ohne Gott zu ertragen?

Der jüdisch-christliche Glaube lebt aus einer anderen Einschätzung. Schon im Alten Testament ist es immer wieder Gott, der das Volk Israel rettet. Nicht aus eigener Stärke schafft es den Auszug aus Ägypten. Nein, es ist Gott, der das Volk in die Freiheit führt. Er leitet es sicher durch das geteilte Meer. In vielen Psalmen ist es wiederholt Gott, der das Schicksal wendet. Der Mensch schreit in seiner Schwäche zu Gott und gerade damit hat er den Weg für seine Rettung freigemacht. Auch im Neuen Testament ist es die Kraft Gottes, die rettet: den Kranken, den Schwachen oder den Sünder. Es ist Gottes Kraft, die uns im Tod verwandelt. Wir leben aus Gottes Kraft, das ist eine zentrale Botschaft der Bibel.

Und diese Botschaft wirkt heute wie eine Anfrage an die Lebenseinstellung vom erfolgverwöhnten, selbstständigen und sich selbst kreierenden Individuum. „Du bist, was du aus dir machst“, so lautet die Lebensphilosophie vieler Zeitgenossen. „Jeder ist seines Glückes Schmid“, so ihr Motto. In der Technik hat uns diese Mentalität in der Vergangenheit einen Machbarkeitswahn beschert, der mit den Katastrophen im letzten Jahrzehnt ein jähes Ende gefunden hat. In der Medizin glauben immer noch viele Patienten an Allheilmittel, auch wenn die Ärzte selbst immer deutlicher ihre Grenzen anerkennen müssen. In der Biotechnik, über die wir in den kommenden Tagen noch viel diskutieren werden, weil sie ein großer Hoffnungsträger für die Menschheit darstellt, scheinen wir in manchen Bereichen Gott spielen zu können. Und im alltäglichen Leben versucht eine stetig wachsende Zahl Singles allein zurechtzukommen, ohne das soziale Netz von Familie, Nachbarschaft, Vereinen oder auch der Kirchengemeinden. Selbst ist der Mensch am Anfang des 21. Jahrhunderts, so scheint es.

Drei Monate, nachdem ich die leeren Bücher an die Dekane ausgegeben hatte, und sie in den Gemeinden, Klöstern, Bildungshäusern oder anderen kirchlichen Einrichtungen auslagen, waren nur wenige der Ringbuchseiten beschrieben. Es schien, als ob die Aktion „Buch des Lebens“ genau das (post-) moderne Lebensgefühl bestätigt: Dass es heutzutage kein Leben aus Gottes Kraft mehr gibt.

Doch dann kam die Wende: Täglich erhielten wir mehr Briefe, mehrere Dutzend am Tag, dazu Faxe und E-Mails und immer noch bekommen wir Post. Über 2.100 Einsendungen insgesamt haben wir erhalten. Manche der Texte sind fünf und mehr Seiten lang und sie erzählen bewegende Lebensgeschichten mit großer Offenheit. Manchmal habe ich gelesen, dass ein Autor seine Geschichte bisher niemandem vorher anvertraut hat. Viele erzählen religiöse Erfahrungen, die zum persönlichsten Bereich ihres Lebens gehören.

In den Erzählungen ist eine Struktur besonders häufig erkennbar: Erst in der eigenen Schwäche, in der Erfahrung eigener Grenzen wirkt Gottes Kraft. Da erzählt eine 23-Jährige vom tödlichen Unfall ihres Mannes. Durch das Festhalten an Gott ist das Leben zu ihr zurückkehrt. Ein Mann erlebt das plötzliche Sterben seine Frau als Geschehen, bei dem Gott anwesend ist. Eine verzweifelte Frau findet Gott im Gebet. Wenn der Mensch nicht weiter weiß, begegnet ihm Gott. Immer wieder taucht dieses Muster in den Texten auf.

Aber auch eine andere Erfahrung von Gottes Kraft wird berichtet. Gott greift rettend und schützend in den Alltag ein. Eine Frau erzählt, wie sie den Rückwärtsgang bei ihrem Auto nicht einlegen kann. Sie steigt aus und sieht hinter dem Auto ein kleines Kind. Sie hätte es überfahren. Oder am Grab der verstorbenen Eltern entdeckt die Tochter ein Pflaumenbäumchen mit Früchten und sieht darin ein Geschenk Gottes. Gott ist den Menschen so nahe, dass sie alltägliche Phänomene als Zeichen der Anwesenheit Gottes deuten. Mit irrationalem Wunderglauben hat das nichts zu tun. Schon immer haben Menschen Gottes Wirken im Alltäglichen gespürt. Gott hinterlässt seine Spuren auch heute, in den Erzählungen im Buch des Lebens begegnen wir ihnen in vielen Berichten.

Eine dritte Art Gottes Kraft zu erleben, besteht in der Vision oder Audition, also dem Sehen oder Hören Gottes. Gott erscheint. Er erscheint als Lichtgestalt, als Hauch oder eine Stimme wird als Gottes Stimme erfahren. Nachprüfbar ist das nicht, aber der Glaube der Menschen, die derartige Erfahrungen haben, beeindruckt mich durchaus.

Meist zeigt sich Gott jedoch in anderen Menschen, die Gutes tun. Die Mutter mit ihrem Ratschlag, der die Tochter aus der Lebenskrise hilft, oder der Lehrer, der einen Satz sagt, der den Schüler beflügelt. Immer, so schreiben die Autoren, haben sie Gott dabei gespürt.


Nicht jeder, nicht jede wird sich jede Geschichte zu eigen machen können. Zu unterschiedlich sind sie. Zu verschieden sind die Erfahrungen, Erlebnisse, Deutungen von Widerfahrenem. Manches ist auch für mich Befremdlich. Aber alle Texte lese ich doch mit Respekt und Ehrfurcht, weil sie von Menschen geschrieben sind, die zuinnerst überzeugt sind, etwas von Gottes Leben im eigenen Leben erfahren, erspürt, vernommen zu haben.

Heute, am Ende der Aktion „Buch des Lebens“ freue ich mich nicht nur über die vielen Texte, die wir ihnen hier bei dieser Ausstellung und im „Buch des Lebens“, das ab heute im Buchhandel erhältlich ist, präsentieren können. Sie dokumentieren, wie viele Menschen – entgegen dem Zeitgeist - auf Gottes Kraft und nicht auf die eigene setzen.

Ich freue mich, dass wir alle selbst, die an der Aktion „Buch des Lebens“ mitgewirkt haben, etwas von Gottes Kraft spüren konnten. Wenn ich zurückschaue auf die kleinen, manchmal entmutigenden Anfänge der Aktion und wenn ich nun die Menge, den Ernst und die Offenheit der Texte betrachte, dann scheint es mir, als ob bei dieser Aktion nicht nur viele, viele Helfer mitgewirkt und viele Autoren mitgeschrieben haben. Und mir scheint nicht zuletzt, dass bei dieser Aktion irgendwie auch Gottes Kraft am Werke war, dass all unsere Mühen durch sein Mittun zum Erfolg wurde.

Bei all denen, die zum Gelingen der Aktion beigetragen haben, namentlich bei den Herren Kaifel, Raabe und Winkler möchte ich mich hier herzlich bedanken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen Sie sich nun von den Texten bewegen. Das „Buch des Lebens“ ist aufgeschlagen, lesen Sie darin, finden sie darin die Kraft, die Gott im Leben und über den Tod hinaus schenkt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.