Bischof Dr. Gebhard Fürst: Glaube in öffentlicher Verantwortung - Chancen und Risiken der Mediengesellschaft" 2002

"Glaube in öffentlicher Verantwortung – Chancen und Risiken der Mediengesellschaft"

Als die Tellux vor vierzig Jahren gegründet wurde, konnten sich wohl nur einige Visionäre vorstellen, welche gesellschaftliche Bedeutung die Medien am Ende des Jahrtausends haben würde. Niemand konnte 1962 ahnen, dass man vierzig Jahre später gar von der Mediengesellschaft reden würde und es spricht für die Sensibilität, die Weitsicht und die Weltoffenheit der kirchlichen Medienverantwortlichen, dass sie sich auf das Abenteuer einließen, eine katholische Filmgesellschaft zu gründen.

Die in dieser Zeit entstehenden Massenmedien spielten bei der Öffnung der Gesellschaft durch den Blick über die Grenzen eine entscheidende Rolle. Wer immer heute vor den Gefahren der Massenmedien warnt, darf die Chancen nicht übersehen, die in ihnen liegen. Medien – das sagt schon das Wort – verbinden, vermitteln, stellen einen Kontakt her zwischen Dingen, die zuvor getrennt waren, sie ermöglichen Nähe über Grenzen hinweg: Medien führen Menschen zusammen und sind so ein wichtiger Bestandteil der sozialen Wirklichkeit. Sie sind für viele Menschen das Fenster zur Welt.

In einer Welt, in der die gewachsenen Verbindungen von Familie und Verwandtschaft sich immer mehr auflösen, spielen Medien eine immer größere Bedeutung. Wie kaum etwas anderes haben die modernen Massenmedien das Verhältnis der Menschen zur Welt dramatisch und nachhaltig verändert. Die Weise der Wahrnehmung von Welt und damit auch des Denkens über die Welt, die Bestimmung der eigenen Lebensmitte zwischen Provinz und Globus, zwischen lokalem Handeln und globalem Denken hat sich in den letzten vier Jahrzehnten durch die Medien verschoben. Die Gestaltung unseres alltäglichen Lebens und unserer Freizeit ist durch Film und Fernsehen neu akzentuiert worden, ja, mehr noch, in vielen Haushalten und Familien orientiert sich der Alltag am Fernsehapparat.

Die modernen Medien fordern die Kirchen auf eine radikale Weise heraus, weil sie nicht nur vermitteln und etwas von A nach B transportieren, sondern weil sie unser alltägliches Leben an seinen Wurzeln verändern, denn das heißt radikal im Vollsinn des Wortes: bis an die Wurzel greifend. Die modernen Medien fordern uns als Kirche und als Christen heraus, weil sie unser Leben entscheidend verändern. Die Bilder von Glück und erstrebenswertem Leben, mit denen uns Werbung konfrontiert; die bis ins Irreale gesteigerte Bezahlung der Stars; das Verschieben der Grenze von Realität und Virtualität durch die audiovisuellen Medien; die Versingelung, Segmentierung und Atomisierung der Gesellschaft durch den steigenden Medienkonsum: dies nur einige Aspekte der Medien, die uns herausfordern.

Wenn wir uns als Kirche dieser radikalen Herausforderung der modernen Medien stellen wollen, finden wir uns in einer spannungsvollen Situation wieder. Indem wir die Zeichen der Zeit deuten und wenn wir dies öffentlich tun wollen, wenn wir dem Glauben eine Stimme im öffentlichen Diskurs geben wollen und wenn wir die medialen Möglichkeiten zur Verkündigung der Frohbotschaft Christi nutzen wollen, werden wir selbst Teil der Mediengesellschaft. Die Kirchen finden sich also in der spannungsvollen Situation wieder, dass sie sich auf die Eigengesetzlichkeit der Medien einlassen müssen, wenn sie die Mediengesellschaft mitgestalten wollen. Mit jedem kirchlichen Beitrag in einer Diskussionsrunde, mit jedem in Hörfunk oder Fernsehen übertragenen Gottesdienst, mit jedem produzierten Film stehen wir in spannungsvoller Wechselwirkung mit den Gesetzen der Medien, die wir nutzen. Es ist die herausfordernde Aufgabe, dieses Paradox immer wieder neu wahrzunehmen und praktisch zu gestalten.

Die Gründung der Tellux vor 40 Jahren resultierte aus der Einsicht, dass die Kirchen die Wirklichkeit der Mediengesellschaft nicht durch Zurufe von außen oder Mahnungen von oben mitgestalten können. Wir werden als Kirche und als Christen dem Auftrag, die Zeichen der Zeit zu deuten, nur gerecht, wenn wir uns auf die Chancen und Risiken der Mediengesellschaft einlassen und sie von innen her mitgestalten. Die Gründer der Tellux waren vor 40 Jahren von der Überzeugung getragen, dass die visuellen Medien eine einzigartige Chance darstellen, um den Glauben aus dem privaten Schutzraum herauszuführen, in den ihn viele gerne einschließen wollten. Sie erkannten früh die Chance, dass der Glaube erst dann als kritische Stimme in der Gesellschaft Gestalt gewinnt und gehört wird, wenn er aus dem Bannkreis des Privaten heraustritt und öffentlich wird. Erst wenn der Glaube wagt, sich medialer Möglichkeiten zu bedienen, kann er heute zu dem werden, was er immer auch war: Erst öffentlich kann der Glaube zum Salz in der Gesellschaft werden, erst öffentlich kann er sichtbar und spürbar machen, erst öffentlich kann er aufrütteln. Erst öffentlich kann der Glaube die Zeichen der Zeit hörbar und streitbar deuten und kann eine markante Stimme im politischen und im ethischen Diskurs der Gesellschaft bleiben.

Chancen und Risiken – sie sind im Blick auf die modernen Medien unauflösbar miteinander verbunden. Wenn uns die Mediengesellschaft lange Zeit als einzigartige mediale Chance erschienen sein mag, der kirchlichen Verkündigung neue Horizonte zu eröffnen, so tritt sie uns immer deutlicher als zwiespältige Realität entgegen. Die Medien sind in den letzten Jahrzehnten eine solche gesellschaftliche Kraft geworden, dass es so scheint, als würden sie nur noch nach ihren eigenen Sachgesetzlichkeiten operieren. Mehr noch, die Mediengesellschaft ist so weit fortgeschritten, dass sie teilweise in der Lage ist, den anderen Teilsystemen der Gesellschaft wie Politik und Kultur ihre Eigenlogik und ihre Gesetze aufzudrücken.

Wenn ich heute, an einem Tag, an dem wir nicht ohne Stolz auf 40 Jahre Tellux zurückblicken, von den Chancen und Risiken der Mediengesellschaft spreche, dann tue ich dies in der Überzeugung, dass zwar in jeder Chance ein Risiko innewohnt, jedes Risiko jedoch mit einer Chance verbunden ist. Als Christen, als Kirche und vor allem als kirchliche Medienschaffende sind wir aufgerufen, seismographisch die Risiken der Mediengesellschaft zu registrieren. Wir können dies, weil wir mit dem Evangelium und dem gelebten Zeugnis von Christen über einen reichen Fundus von Bildern und Visionen über ein Leben in Fülle verfügen. Mit diesem Fundus können wir Gegenbilder schaffen, die sichtbar machen, welcher Verlust von Sinn und welche Verarmung an Lebensfülle mit der Mediengesellschaft verbunden sind. Es ist unsere Aufgabe, diesem Verlust Worte und Bilder zu geben.

Lassen Sie mich die Risiken der Mediengesellschaft, die untrennbar mit ihrer Chancen verschmolzen sind, an zwei Aspekten beleuchten, der Logik medialer Gewalt und dem Verlust der Erzählkultur in den Medien.

A. Die Logik medialer Gewalt

Eine Auswahl aus dem Fernsehprogramm der Woche von Fronleichnam präsentiert folgende Titel: "Tödliche Route, Kopfjagd", "Ein tödliches Wochenende", "Lebende Ziele", "Den Aasgeiern eiskalt serviert", "Das tödlichste Spiel der Zukunft", "Tot gefällst Du mir am besten", "Besessen bis zum Tod", "Mord in den Wolken", "Todesangst im Hochhaus", "Vom Bösen berührt – Der Schänder hinter der Maske", "Blackmail – Blutige Abrechnung", "Stirb härter" und "Der Killer ist zurück".

Haben wir wirklich verstanden, was wir tun, wenn wir der Darstellung von Gewalt im Fernsehen einen solchen Platz einräumen, wenn wir das Fernsehen der Gewalt überlassen? Es gab in der letzten Zeit wohl kein Ereignis, das uns diese Frage auf bestürzendere Weise gestellt hat, als das Attentat von Erfurt. Mit Erfurt hat sich ein Riß aufgetan, durch den wir in einen Abgrund an Verrohung und Gewalt geblickt haben, der sich mitten in unserer Gesellschaft befindet und der uns vor die Frage stellt, wie wir die Bedingungen menschlichen Zusammenlebens bewahren.

Zu lange haben wir uns in Unentschiedenheit oder gar Sicherheit bewegt, und haben uns an die Studien der Medienforscher gehalten, dass es keine direkte Kausalität gebe zwischen dem Konsum von gewaltverherrlichenden Medien und der Steigerung der eigenen Gewaltbereitschaft. Doch so lange wir diese Frage auf diese Weise stellen, werden wir dem Problem der Gewalt in den Medien nicht gerecht, weil wir uns nur an den oberflächlichen Aspekt dieser Frage halten. So lange wir nach direkt meßbaren Kausalitäten suchen, und die Frage auf eine Entweder-oder-Alternative verkürzen, gehen wir der Frage letztlich aus dem Weg. In einer solchen Verkürzung auf ein Entweder-oder können wir nämlich nicht mehr erkennen, dass Erfurt und die Darstellung von Brutalität und Gewaltexzessen in Filmen und in Computerspielen nicht in eine logisch zwingende Kausalkette zu bringen ist, sondern dass sich beide aus einer gemeinsamen Quelle speisen.

Wenn wir einen Augenblick nicht auf die bloße Tatsache schauen, dass Medien Gewalt darstellen, sondern darauf schauen, aus welchen Konstellationen und Zusammenhängen diese Gewalt filmisch hergeleitet und erklärt wird, dann läßt sich ein allgemeines Muster erkennen: die Reduktion der Wirklichkeit mit Hilfe des Schemas von Gut und Böse. Die Darstellung und der Einsatz von Gewalt als filmisches Mittel resultiert in der Regel aus der starren Gegenüberstellung von Guten und Bösen. Sei es, dass die Bösen Gewalt anwenden, oder sei es, dass die Guten sich versuchen, mit den gleichen Mitteln einem absolut und unmenschlich Bösen Einhalt zu bieten und es letztlich auszumerzen.

Es ist weniger die Tatsache, dass in den Medien Gewalt dargestellt wird, die uns als Christen auftrütteln muß: es gibt Gewalt in der Welt und wir können unsere Augen nicht davor verschließen, die Nachrichten berichten uns täglich davon. Auch in der Bibel wird von Gewalt berichtet. Was uns Christen mehr beunruhigen muß, ist die Logik, mit der Gewalt in den Medien eingesetzt wird. Unzählig die Filme und Videospiele, in denen der Feind, das schlechterdings Böse zu vernichten ist. Diese Logik der Gewalt zwingt uns ein Denk- und Gefühlsmuster auf, das in völligem Gegensatz zu dem steht, was uns Jesus von Nazareth vorgelebt hat. Das Leben Jesu führt uns aus dem Denkmuster von gut und böse heraus und lehrt uns, das Gute im Bösen und das Böse im Guten zu erkennen, lehrt uns den Balken im eigenen Auge wenigstens zu suchen.

Ich will hier nicht dafür plädieren, dass die Medien Gewalt nicht mehr darstellen sollten, das wäre meines Erachtens zu kurz gegriffen, ich plädiere aber dafür, immer wieder aus der Logik von gut und böse, mit der Gewalt filmisch erklärt und benutzt wird, auszuscheren und immer wieder Geschichten zu erzählen, in denen die Zuschauer fragen müssen, wie Gewalt entsteht und wie nahe sich dabei das angeblich Gute und das angeblich Böse kommen können. Nur solche Filme schlagen Funken in der Medienlandschaft und setzen Gegenakzente gegen die Apotheose von Gewalt, Krieg und Rache, wie sie uns aus vielen Produktionen entgegenspringen. Es ist eine Herausforderung an die Medienschaffenden, sich den vereinfachenden Denk- und Handlungsmustern zu entziehen, wie sie viele erfolgreiche Hollywood-Produktionen auszeichnet, die ökonomisch und ästhetisch als Trendsetter gelten.

Damit nehmen Sie, die Medienverantwortlichen in der Gestaltung des Programms, und Sie, die Medienschaffenden in der Produktion von Medien, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr. Denn es ist nicht zuerst die mediale Gewalt, die Jugendliche gewalttätig werden läßt, sondern zuerst die immer wieder eingeübten Denk- und Fühlmuster. Denn bevor ein Mensch zur Waffe greift, muß er denen, die er tötet, das Menschliche ausgetrieben haben, muß er sie ihres einzigartigen Antlitzes beraubt haben, muß er ihre Augen geschlossen haben, die ihn auf unverwechselbare Weise anschauen und erkennen können. Erst wenn ein Mensch einen anderen Menschen in seiner Einzigartigkeit nicht mehr wahrnimmt, kann er ihn töten. Wie viele Filme haben wir schon gesehen, in denen die Entmenschlichung des Anderen so weit fortgeschritten ist, dass wir kaum mit der Wimper zucken müssen, wenn er denn stirbt. Vielleicht hätten wir früher eine Grenze des Menschlichen benennen müssen und stärker die öffentliche Auseinandersetzung um die lustvoll und zynisch inszenierte Gewalt suchen müssen.

Es gibt keine einfachen Anworten. Die Gewalt in den Medien fordert uns alle heraus, als Eltern, als Freunde, als engagierte Bürger. Und doch liegt Ihre ganz besondere Aufgabe als Medienverantwortliche und Medienschaffende darin, sich die Sensibilität für die Folgen ihrer Produkte nicht von der Logik des Marktes austreiben zu lassen. Wir brauchen Ihre Sensibilität und Ihr professionell geschultes Gespür für die Weltbilder und Denkmuster, die offen oder verdeckt mit Filmen und Videospielen befördert werden.

Erst ein solcher Blick schafft einen "Garten des Menschlichen", in dem weder schön geredet wird noch auf Gewalt als Mittel zur Konfliktbewältigung zurückgegriffen wird. Auch die Medien dürfen sich ihres Gesellschaftsauftrags nicht entledigen, am Garten des Menschlichen mitzuarbeiten, indem sie das menschliche Leben und die menschliche Würde immer wieder als das darstellen, was es letztlich ist: ein fragiles und bedrohtes Gut.

Damit ein Zusammenleben der Menschen in Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden möglich ist, müssen bestimmte grundlegende Werte beachtet werden: Hier ist zuallererst die Achtung vor der jedem Menschen innewohnenden Würde zu nennen. Dabei haben die Medien die Aufgabe, der Menschenwürde dadurch zu dienen, dass sie dem Menschen helfen, ein gutes Leben zu führen und als Person in Gemeinschaft zu leben. Als Grundprinzip gilt dabei, dass der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen Ziel und Maßstab für den Umgang mit den Medien sind. Der einzelne Mensch hat eine unveräußerliche Würde und darf nicht im Namen kollektiver Interessen geopfert werden. Bei der Gestaltung und Organisation der Medien und bei der Suche nach Problemlösungen muss aus Sicht des christlichen Glaubens deshalb immer die der Menschenwürde dienende Funktion der Medien mit beachtet werden.

Zu den Bedrohungen der Menschenwürde zählen etwa die Desintegration und Desorientierung des Menschen durch die Medien, die Fremdbestimmung menschlichen Handelns, die fortschreitende Einschränkung eigenverantwortlichen Handelns durch eine immer schwerer zu steuernde Eigendynamik der Mediensysteme. Zu den Gefahren gehören aber auch die Herabwürdigung von Menschen zu Objekten eines öffentlichen Voyeurismus und die Weiterentwicklung der Medien im Interesse der industrialisierten Welt, ohne die Kommunikationsbedürfnisse und Möglichkeiten der Zwei-Drittel-Welt zu berücksichtigen.

Ich hatte gesagt, dass Risiken immer auch Hinweise auf Chancen enthalten. So entsprechen ethische Orientierungspunkte den genannten Bedrohungen: Hier gewinnt neben einer an Identitätsbildung und Verständigung orientierten Förderung und Entwicklung bestimmter Medien die journalistische Arbeit besondere Bedeutung. Die kürzlich ausgestrahlte Tellux-Produktion ‚Operation Rubikon‘ um die Verwicklungen von Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität wäre ein gutes Beispiel dafür, wie man sorgfältig Nachrichten nicht nur beschafft und sichtet, sondern einzelne Informationen verantwortet auswählt, gewichtet und präsentiert. Weiter geht es angesichts immer komplexer sich entwickelnder Kommunikationsformen darum, Selbständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und Kompetenz im Umgang mit Medien zu stärken. Die Vernetzung globaler Kommunikationssysteme darf sich nicht so entwickeln, dass verantwortliches Handeln in ihnen nicht mehr möglich ist und sie sich ethischer Normierung und rechtlicher Steuerung entziehen. Auf der politischen Ebene müssen Privilegien abgebaut, Transparenz und Begrenzung von Medienmacht hergestellt und eine möglichst breite Zugangsmöglichkeit zu den Medien gesichert werden. Dabei muß immer die Intimität und Würde des Menschen auch in den Medien respektiert werden.

B. Der Verlust der Erzählkultur

Die Logik der Gewalt, das vereinfachende Schema der Gegenüberstellung von gut und böse ist nur eine, wenn auch die dramatischste Facette dessen, was ich den Verlust der Erzählkultur nennen will. Kein anderes Medium kann solche fesselnde Geschichten erzählen wie der Film, keines kann uns mit einer solchen Kraft in eine Geschichte hineinreißen wie der Film. Unsere Kultur wäre um so vieles ärmer, gäbe es die großen Filme nicht, die opulenten Bilder, die Dramen, Tragödien und Komödien großer Filme. Es braucht viel für einen großen Film, Sie wissen es besser als ich. Unbenommen braucht es Geschichten, Schauspieler, Regisseure, Produzenten und Geld und noch vieles mehr. Aber es braucht für gute Filme etwas, was immer knapper wird: Zeit. Filme brauchen Zeit, sowohl im Erzählen einer Geschichte, wie in ihrer Herstellung selbst.

Ich möchte für eine Entdeckung der Langsamkeit plädieren, für die Genauigkeit und Geduld, eine Geschichte so zu erzählen, dass sie sich nach ihren eigenen Gesetzen und in ihrer eigenen Logik entfalten kann. Sie alle kennen die Ungenauigkeiten in vielen Serien, die keine wirkliche Geschichte erzählen, sondern nur noch Klischees und Handlungsschablonen zu einer 60-minütigen Bilderkollage zusammensetzen. In wie vielen Filmen läßt sich schon am Gesichtsausdruck und an der Kleidung der Protagonisten sagen, wer zu welcher Seite gehört. Und in wie vielen Filmen läßt sich schon an der Eröffnung sagen, wie sie enden werden? Je berechenbarer Filme werden, umso banaler werden sie. Die Mediengesellschaft steht mit ihrem immensen Bedarf an Filmen in der Gefahr, die Kultur des Erzählens und damit auch die Kultur des Zuhörens zu verspielen, indem sie genau das produziert, was die Zusehen erwarten und sehen möchten: industrielle gefertigte Massenware.

Ich sehe eine besondere Chance kirchlicher Medienschaffender darin, dass sie Geschichten erzählen, die unberechbar sind, dass sie keine filmische Meterware produzieren, sondern Filme, deren Geschichten man zuhören muß, weil in ihnen Zwischentöne vorkommen. Der schmale Grat zwischen Profit und Profil ist der richtige Ort kirchlicher Medienschaffender. Wir verfügen als Christen über einen Fundus an Erzählungen und Überlieferungen, in denen das Leben in seiner ganzen Fülle, aber auch seiner ganzen Zwiespältigkeit Platz hat. Das verleiht uns eine gewisse Resistenz gegen banale Geschichten. Dieser Vorrat an Geschichten ist eine der kostbarsten Ressourcen kirchlicher Medienschaffender.

Religion stiftet eine Kultur des Unverfügbaren, sie hält den Horizont des Menschen offen vor der Vereinfachung und der Banalität. Sie stellt die Frage nach dem Woher und nach dem Wohin und gibt sich mit keiner einfachen Antwort zufrieden. So steht eine kirchliche Mediengesellschaft vor der besonderen Herausforderung, auf filmische Weise jene unberechbaren Fragen immer neu ins Spiel zu bringen, die die Würde des Menschen ausmachen: wie der Mensch glücklich wird, woraufhin er lebt und wie er im Anderen ein Geschöpf Gottes erkennen lernt. Diese Fragen immer wieder neu stellen und Geschichten zu erzählen, in denen von Verantwortung und Schuld, Tod und Schmerz genauso wie von Glück und Hingabe von Liebe und Solidarität die Rede sein kann, ist ein heilsamer und notwendiger Kontrapunkt zur Erlebnis- und Spaßgesellschaft. Es geht nicht darum, als kirchliche Medienschaffende ausschließlich religiöse Geschichten zu erzählen, es geht vielmehr darum, solche Filme und Medien zu produzieren, die den Zuschauer herausfordern, weil sie ihm eine Geschichte zumuten. Denn jede gut erzählte Geschichte rührt letztlich an das Geheimnis und den Abgrund des Lebens.

Meine Damen und Herren,

die Medien sind ein spannendes und herausforderndes Feld, in dem Chancen und Risiken untrennbar miteinander verbunden sind. Wer hier arbeitet, begibt sich in eine Welt, die auf den ersten Blick nichts von der Religion und vom Christentum wissen will und die doch in hohem Maße von religiösen Gehalten lebt. Seit 40 Jahren leistet die Tellux in dieser Welt Übersetzungsdienste. Die Tellux ist für uns seit 40 Jahren eine hervorragende Lehrerin, wie wir unsere Scheu vor der Welt der Medien ablegen können und müssen, um sie mit zu gestalten.

Die Tellux hat die Herausforderungen der Mediengesellschaft angenommen und schafft es seit 40 Jahren, mit Kreativität, Esprit und Verantwortungsgefühl die Aufgabe zu bewältigen: Sie schafft es immer wieder, anspruchsvolle Filme zu produzieren, die sich nicht an die Logik des Medienmarktes verkaufen. Gleichzeitig hat sie sich eine finanzielle Autonomie verschafft, die sie auf gleicher Augenhöhe mit ihren Konkurrenten auf diesem umkämpften Markt stehen läßt. Die Tellux ist eine der wenigen kirchlichen Mediengesellschaften, die schwarze Zahlen schreibt, gleichzeitig wurde ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen und Anerkennungen gewürdigt. "Löwengrube", "Spinnennetz" und "2000 Jahre Christentum" sind nur drei der ausgezeichneten Produktionen. Die Tellux ist ein Beleg, dass man auch im Medienbereich gut, verantwortungsvoll und erfolgreich arbeiten kann.

40 Jahre - Heute ist nicht nur ein Tag des Feierns über 40 erfolgreiche Jahre Tellux, heute ist auch ein Tag des Dankes und des Abschieds. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Schuler gibt seine Aufgabe in die Hand von Dr. Grote.

Lieber Dr. Schuler,

sie begleiten und prägen die Tellux seit 40 Jahren, davon 20 Jahre als Mitgeschäftsführer, 20 Jahre als Aufsichtsratvorsitzender. Von uns Schwaben wird gesagt, dass wir erst mit 40 "gscheit" werden. Sie haben die Tellux, die einige schwäbische Gene in sich trägt, an die Schwelle der Klugheit geführt, indem sie eine Verbreiterung der gesellschaftsrechtlichen und ökonomischen Basis der Tellux geschaffen und außerdem für qualifiziertes Personal und effiziente Führung des Unternehmens gesorgt haben. Nun geben sie einen Teil ihres Lebenswerks in die Hände anderer. Die Tellux hat sich maßgeblich unter ihrer Handschrift zu einer lebendigen, inspirierenden Firma entwickelt, um deren Zukunft man sich keine Sorgen machen muß. Dabei war ihre Arbeit stets getragen vom Anliegen, die kirchliche Botschaft in den Medien weiterzugeben und die kirchliche Position in der Öffentlichkeit zu stärken. Ich möchte Ihnen im Namen der Diözese Rottenburg-Stuttgart, aber auch im Name der Kirche insgesamt dafür danken.

Um die Tellux mußten wir uns in der Vergangenheit wenig Sorgen machen, weil wir sie in Ihren guten Händen wußten und vielleicht haben die kirchlichen Medienverantwortlichen der Tellux zu wenig gezeigt, wie sehr wir ihre Arbeit brauchen und welche Bereicherung sie für die kirchliche Medienlandschaft bedeutet. Wir brauchen die Tellux, wenn wir als Kirche eine prägnante, professionelle und nachhaltige Anwort geben wollen auf die Herausforderungen, die mit der Mediengesellschaft in Zukunft auf uns zukommen. Die Digitalisierung der Medien braucht kirchliche Positionen, Stimmen und Gegenstimmen und ich wüßte keinen besseren Ort, an dem diese Positionen Gestalt gewinnen können als die Tellux.

Sehr geehrter Dr. Grote, auf Sie als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden kommen viele Herausforderungen zu. Seit vielen Jahren arbeiten Sie erfolgreich als Autor, Regisseur und Produzent. Mit zahlreichen, vielfach prämierten Produktionen haben Sie sich in der Fachwelt einen Namen gemacht. Ich wüßte keinen Kompetenteren, der die Tellux auch in Zukunft auf dem Grat zwischen Profil und Profit halten könnte, denn in ihrer journalistischen Tätigkeit verbinden sich auf gute Weise künstlerische, produktionstechnische und ökonomische Talente. Immer geht es Ihnen neben der soliden Information um Orientierung und Weisung im besten Sinne. Ich bin froh, dass Sie sich für diese verantwortungsvolle Aufgabe bereit erklärt haben und danke Ihnen dafür.

Ich möchte an dieser Stelle auch dem Aufsichtsrat danken, der Sie Dr. Grote in Ihrer Aufgabe unterstützt und der in engagierter Weise die Arbeit der Firmengruppe trägt, berät, kontrolliert und überwacht.

Sehr geehrter Prof. Haase, Sie übernehmen den Vorsitz der neuen Geschäftsführung. Lange Jahre waren Sie Mitgeschäftsführer der Tellux-Gruppe und sind bekannt geworden durch Ihre Kinofilme. Sie wissen, woraus Sie sich da einlassen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich diese Aufgabe übernehmen. Auch Ihnen, Herr Malmedi und Herr Choroba, die Sie mit in der Geschäftsführung sitzen werden, möchte ich herzlich für Ihre Bereitschaft danken, der Kirche in der Mediengesellschaft eine Stimme zu geben.

Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute in Ihrer Arbeit und wünsche Ihnen etwas von der Hoffnung Paulus, als er seine Briefe an die jungen christlichen Gemeinden schrieb. Denn für Theologie und Kirche ist das Medienthema ja nicht neu. Das Christentum wurde als Schriftreligion in ihrer Verkündigung wesentlich auch über Texte vermittelt. Deshalb hat sich die Kirche in ihrer gesamten Geschichte auf sehr unterschiedlichen Ebenen immer wieder mit Fragen des Umgangs mit diesen Texten, also der Frage nach einer angemessenen Medienkultur beschäftigt. Die Briefe des Paulus sind insofern mit die ersten medial vermittelten Zeugnisse des Glaubens, und sie haben unsere Welt ein Stück verändert. Auch wenn sich seitdem die Medien selbst in fast allem verändert haben, sollte uns die paulinische Hoffnung nicht ganz verlassen, mit Hilfe der Medien unsere Welt zu verändern, der Welt unsere Hoffnung mit zu teilen, sie zu vermitteln.

Ich danke Ihnen.