Bischof Dr. Gebhard Fürst: Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2003

In Gesten und Zeichen Momente unvermuteter Gottesnähe

Liebe Schwestern und Brüder,

in unserer von Bildern und Reizen überfluteten Zeit erstaunt mich immer wieder, wie sensibel und offen wir für Gesten und sprechende Zeichen geblieben sind. Wir kommunizieren neben Worten besonders über Zeichen und Signale, die wir aussenden und empfangen. Eine Geste sagt oft mehr als Worte. Entscheidend ist häufig die Körper- oder auch die Gebärdensprache zwischen Menschen. So sind wir füreinander sicht- und hörbar, spür- und erfahrbar, ohne viele erklärende Worte zu machen: ein bittender Blick, ein Lachen in den Augen, eine offene Hand. Gesten und Zeichen sind sichtbarer Ausdruck einer inneren Stimmung. Sie wirken abweisend oder einladend, machen glaubwürdig oder unglaubwürdig.

In unserem alltäglichen Miteinander haben sich sprechende Zeichen entfaltet, die es uns ermöglichen, uns auszudrücken und mitzuteilen, was uns wichtig ist. Als Menschen mit Leib und Seele schaffen wir uns Zeichenhandlungen, die sichtbar machen, was wir sonst nicht sehen können, was wir aber wissen müssen, um uns zu verständigen und verstehen: Durch eine Einladung zeigen wir jemandem unsere Freundschaft; mit einer Rose drücken wir unsere Liebe aus; wir versöhnen einander per Handschlag; wir legen jemand die Hand auf die Schulter und zeigen ihm so unsere Nähe und Sympathie.

Diese Zeichen bewirken und vertiefen gleichzeitig, was sie ausdrücken: Freund-schaft, Liebe, Sympathie, Nähe. Ohne solche Zeichen wäre eine Orientierung im Miteinander schwer möglich.

Auch im religiösen Bereich wählen wir Gesten und Zeichen, die eine Wirklichkeit zum Ausdruck bringen. In unserer kirchlichen Überlieferung besitzen wir einen großen Reichtum an solchen heiligen Zeichen: Am bekanntesten sind sicher Kreuz-Zeichen und Segens-Zeichen, aber auch das Ineinanderlegen der Hände beim Gebet. Heilige Zeichen und Gesten stützen unser alltägliches Glaubensleben ohne große Worte. Sie ermöglichen gemeinsames Tun, eröffnen Kommuni-kation miteinander und so gemeinsames Gedenken und Feiern.

Liebe Schwestern und Brüder, geben wir acht auf solche heilige Zeichen in unse-rem Glaubensleben! Sie formen, erinnern und erhalten unseren Glauben - oft mehr als wir ahnen. Verlieren wir sie, kommt uns mehr abhanden, als uns lieb sein kann. Heilige Zeichen in unserem Alltag geben unserem Leben christliche Form.

Auch die vor uns liegenden Tage und Wochen der Fastenzeit, der österlichen Bußzeit und des Osterfestes sind an sprechenden Zeichen reich: Das Aschenkreuz zur Eröffnung der österlichen Bußzeit bezeichnet Vergänglichkeit und die Bereitschaft zur Umkehr; das Mahl am Gründonnerstag wird zum Zeichen der bleibenden Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern und uns Menschen; das Kreuz am Karfreitag ist aufgerichtet als Zeichen der Selbsthingabe Jesu; das Licht in der Nacht des Osterfestes leuchtet für das Leben, das den Tod besiegt.

Von der Asche am Anfang bis zum Licht des Osterfestes öffnet sich ein reicher Schatz an liturgischen, das Leben Jesu Christi und das Leben der Christen deutenden Zeichenhandlungen. In diesen heiligen Zeichen vergegenwärtigt sich Jesus Christus in dem, was er für uns bedeutet und was er an uns und durch uns bewirkt.

Denn Jesus Christus selbst ist das große heilige Zeichen Gottes für uns Men-schen. Alle Signale, die Menschen aus ihrem Glauben einander geben und voneinander empfangen können, erhalten von der Gestalt des Jesus von Nazareth und seinem Handeln für uns ihre endgültige Deutung. In der Gemeinschaft der Christen lebendige Zeichen sind so immer auch Christus-Zeichen – sie weisen hin auf Christus Jesus selbst.

Dass Jesus in Begegnungen mit Menschen wirksame, heilsame Zeichen setzt, können wir immer wieder in den Evangelien lesen. An einer Begegnung Jesu mit einem erkrankten Menschen möchte ich zeigen, wie Gesten zugleich wirkmäch-tig werden (vgl. Mk 1,29-31).

Jesus geht ins Haus des Petrus zu einer fiebernden, schwerkranken Frau. Der E-vangelist Markus beschreibt die zeichenhafte Begegnung so: Jesus 'ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr' (Mk 1,31). Schauen wir gemeinsam darauf, wie Jesus heilt, denn ich glaube, wir kön-nen lernen für unsere menschlichen Begegnungen in Zeichen und Gesten.

‚Er ging zu ihr’: Jesus sucht sie auf, geht zu ihr, er wartet nicht, bis sie kommt, sondern er macht sich auf den Weg zu ihr hin. - Machen auch wir uns auf und warten nicht darauf, dass die anderen den ersten Schritt machen. Wir wissen jeder selbst, wie schwer ein solcher Schritt ist. Das Zugehen auf den anderen ist das Zeichen des Anfangs.

‚Er fasste sie an der Hand’: Jesus hat keine Berührungsängste, er kommt, sieht, was nötig ist und fasst an. Dieses spürbare Signal an die schwache Frau ist schon unendlich viel wert. Sie weiß: Da ist jemand, der für mich da ist, greifbar, auf den kann ich zählen. Spürbare Zeichen vermögen oft mehr als Worte und Erklärungen.

‚Er richtete sie auf’: Jesus geht zu der Frau hin, reicht ihr seine Hand und gibt ihr so neue Kraft. Sie kann nun aufrecht leben, er macht sie so stark, dass sie fortan als Mensch gut leben kann.

Mehr wird von Markus nicht erzählt, aber auch nicht weniger. Denn das ist unsere Frohe Botschaft: Die Begegnung mit Jesus verschafft Aufatmen und Heilung. Hier wie in vielen anderen Begegnungen erweist Jesus seine heilsame Kraft, in dem er sich nicht scheut, den Menschen in wirksamen Zeichen nahe zu kommen. Ich könnte auch anders herum sagen: Jesus macht durch sein Handeln die heilsame Nähe Gottes leibhaftig erfahrbar.

Liebe Schwestern und Brüder, eben darum geht es auch in den Riten und Gesten der Kirche: Sie sollen Zeichen der heilsamen Nähe Gottes sein, sie sollen für uns Menschen verdeutlichen und sichtbar, ja spürbar machen, was Gott mit seiner heilenden Kraft für uns Menschen tut und wie Menschen in ihrem Leben Heil erfahren.

Damit wir heil werden und Heil erlangen, ist Gott uns Menschen nahegekommen. Das wird in Jesus Christus deutlich, denn die Nähe zu den Menschen ist wie ein Grundmuster seines Lebens. Das oft zerrissene und verletzte Leben soll ganz werden, gelingen und heil sein – hier und heute, aber auch durch den Tod hindurch im Leben in Gottes Gegenwart. Aus dieser Botschaft können Menschen leben und im eigenen Leben und durch ihr eigenes Handeln Gott und den Men-schen nahe sein! Aus der heilsamen Erfahrung Gottes können wir den Menschen nahe sein und ihnen unsererseits Gottes Nähe in sichtbaren Zeichen erschließen.

Christen sind ‚Täter des Wortes’ (Jak 1,22), das heißt doch auch: Durch unsere Taten bekommt der Glaube an Jesus Christus und sein Reich Gottes Hand und Fuß. Auch nach einer alten chassidischen Weisheit ist „der Mensch die Sprache Gottes“. Gott braucht Menschen! Er wirkt durch unsere menschlichen Zeichen und Gesten. In einem Lied unseres Gesangbuches singen wir von Gott: in „menschlichen Gebärden bleibt er den Menschen nah“ (GL 639,4).

Dies ist der innerste Gehalt dessen, was wir mit Sakramenten meinen. Hier ver-dichtet sich in besonderen Situationen eben das: Menschen erfahren Gottes Nähe in heilsamen Zeichen und Gesten. Seit langer Zeit schon hat der Mensch den Knotenpunkten des Lebens eine bedeutungsreiche Form gegeben. Geburt, Erwachsenwerden, Heirat, Krankheit und Tod sind Ereignisse, bei denen der Alltag für eine besondere Zeit unterbrochen wird und der Mensch sich Formen schafft, die zeigen sollen, was das Dasein eigentlich ist. Eben solche Feiern des Lebens sind die Sakramente.

Den Mittelpunkt all dieser Zeichen hat Jesus selbst vor seinem Tod gestaltet, indem er die gemeinschaftliche Mahlzeit nutzte, seine Einheit mit uns zu zeigen und gleichzeitig wirklich werden zu lassen. Aber nicht nur in der daran anschließenden Eucharistie ist Jesus Christus und durch ihn Gott selbst unter uns. Die Taufe bezeichnet einem Menschen diese treue Nähe Gottes und die Gemeinschaft mit der ganzen Kirche. Für das Erwachsenwerden als Christen, das Mündigwerden im Glauben kennen wir die Firmung. Auch wenn zwei Menschen ihr Ja-Wort sprechen, wird das als Zeichen seiner treuen Nähe verstanden. Bei der Übertragung der Hirtenaufgabe geschieht die Weihe durch die Gebärde der Handauflegung von Christus. Selbst bei Sünde und Schuld sind wir mit dem Sakrament der Buße nicht ohne das wirksame Zeichen der Lossprechung. Durch die Krankensalbung erfahren wir auch in leibhafter Not in Zeichen der Berührung Gottes heilsame Nähe.

Aus dem Christus-Zeichen gedeutete Handlungen erschließen also jene Nähe un-seres Gottes und lassen sie gleichzeitig spürbar anbrechen.

Es ist bedeutsam, die Nähe Gottes erfahren zu können durch Gesten von Mensch zu Mensch. Denn besonders heute, in einer beziehungsärmer werdenden Gesell-schaft wird die Bereitschaft, heilsame Nähe zu schenken, immer wichtiger. Zu-dem müssen wir wissen, dass unser Glaube an Überzeugungskraft verliert, wenn die Nähe zueinander und die Nähe der Dienste und Ämter zu den Menschen verloren geht. Deshalb müssen wir Ausschau halten, wie unser Glaube und seine Sprache die heilsame Dimension wieder neu entdecken kann. Als Kirche Jesu Christi müssen wir unser Handeln und besonders jene verdichteten Zeichen, die Sakramente, danach ausrichten, dass in ihnen wirklich die heilsame Nähe Gottes erfahrbar werden kann. In der Nachfolge Jesu tragen wir Christen die Kraft zur heilsamen Verwandlung in uns: Eine großartige Zusage, aber auch ein großer Auftrag!

Das Motto unseres Jubiläumsjahres lautet ‚Gott und den Menschen nahe’. Es faßt das Geheimnis unseres Lebens und Glaubens zusammen: Dem Menschen nahe sein, heißt Gott nahe kommen, und Gott nahe sein führt in die teilnehmende, Anteil gebende Nähe zum Menschen. Hören wir das Leitwort auf dem Hintergrund dieses Briefes, können wir sagen: Gott ist uns nahe gekommen und deshalb sind auch wir eingeladen, einander heilsam nahe zu sein. In menschlichen Gesten aus Jesu Geist, in heiligen Zeichen, die in unserer christlichen Überlieferung lebendig sind und schließlich in besonderer Weise in den heilsamen Zeichen der Sakramente erfahren wir beides: Gottesnähe und Menschennähe.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine österliche Bußzeit, in der wir dem Geheimnis unseres Glaubens in der Feier der zeichenhaften Liturgie neu auf die Spur kommen und zeichenhaft zu leben beginnen.

Ich grüße Sie von Herzen und erbitte für Sie den Segen Gottes,

Ihr Bischof

 

+ Dr. Gebhard Fürst

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