Bischof Dr. Gebhard Fürst im Rahmen des Spitzengesprächs "Kirche und Sport" 2005

Stuttgart

Lieber Herr Landesbischof Maier, sehr geehrter Herr Präsident Tappeser, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr darüber, dass nach längerer Pause wieder ein Spitzengespräch der evangelischen Landeskirche, der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Württembergischen Landessportbund "Kirche und Sport" zustande gekommen ist.
Das letzte Gespräch dieser Art fand 1999 in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Stuttgart-Hohenheim. Damals war ich noch Akademiedirektor. Thema des damaligen Treffens war die gemeinsame Sorge um die Kultur des Sonntags, ein Anliegen, dessen Aktualität auch heute noch brisant ist. Denn die Kommerzialisierung des Sonntags schreitet voran.

Nun mögen sich vielleicht manche wundern: Denn im öffentlichen Bewusstsein ist ein gemeinsamer Auftritt von Kirche und Sport keine Selbstverständlichkeit. Und doch verbindet die beiden mehr als man denkt: Die Kirchen erkennen und schätzen die Bedeutung des Sports für die Gestaltung des menschlichen Miteinanders. Und sie bemühen sich gemeinsam mit den Sportverantwortlichen um einen freudigen, menschengerechten und menschenwürdigen Sport.

Die Verbindung liegt aber noch tiefer. Denn das Engagement für die Menschen verbindet beide. "Der erste Weg der Kirche ist der Mensch" (Johannes Paul II., 1979) lautet ein programmatischer Satz. Und diese Aussage gilt für den Menschen, so wie er ist als geistig-leibliche Einheit und Ganzheit. Der christliche Glaube versteht das Leben in ganzheitlicher Weise mit all seiner Vitalität als ein Geschenk Gottes. Er ermutigt dazu, seine Fähigkeiten und Talente zu entdecken, anzunehmen und zu entfalten. Sportliche Aktivitäten gehören dazu. Der Sport eröffnet dem Menschen die Möglichkeit, sich zu bewegen und zu spielen. Er fördert die Gesundheit. Sportliche Aktivität vermittelt Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Anerkennung und Erfolgserlebnisse. Die entscheidende Verbindung zwischen Kirche und Sport also sind die Menschen selbst.

Und dies lässt sich auch statistisch belegen: Immerhin gehören mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung einem Sportverein an. Davon sind in Südwestdeutschland über 80% Mitglied der evangelischen oder der katholischen Kirche. Wo der Sport der menschlichen Entfaltung und Entwicklung der Persönlichkeit dient, weiß sich die Kirche mit ihm einig. Ebenso begrüßen wir es natürlich, wenn der Sport die Gemeinschaft und Verständigung zwischen Menschen, Staaten und Völkern fördert, unabhängig von Status, Rasse, Nation und sozialer Position. Sportvereine und sportliches Miteinander sind in unserem Land von großer integrativer Bedeutung!

Viele werden es heute vermutlich nicht mehr wissen: Die 1950 erfolgte Gründung des Deutschen Sportbunds, dem heute über 27 Millionen Einzelmitglieder angehören, geschah unter maßgeblicher kirchlicher Beteiligung. Katholischerseits war Prälat Ludwig Wolker treibende Kraft. Er war Vorsitzender des 1920 gegründeten katholischen Sportverbands DJK. Und dieser Verband zählt heute bundesweit 530.000 Mitglieder, an die 15.000 Mitglieder allein in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die in 33 Vereinen und Sportgruppen organisiert sind.

Seit 1950 gibt es verbindliche Strukturen für den Dialog zwischen Kirche und Sport, so z. B. in den Landesarbeitskreisen Kirche und Sport. An dieser Stelle möchte ich den Mitgliedern des Württembergischen Landesarbeitskreises für seine Arbeit und seine Organisation des Gesprächs herzlich danken. Weitere Kooperationsformen sind die zahlreichen gemeinsamen Werkwochen, die seelsorgliche Begleitung der Olympischen Spiele, Akademietagungen, wissenschaftliche Kommissionen, Studienkurse und anderes mehr.

Einen Meilenstein des Dialogs der Kirchen mit dem Sport stellt die 1990 von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegebene "Gemeinsame Erklärung der Kirchen zum Sport" dar. In dieser Erklärung werden die Chancen, aber auch die wunden Punkte des Sports offen angesprochen. Ich nenne hier z. B. die Stichworte Leistungsmanipulation, Kommerzialisierung und Gewalt. Solche Probleme haben sich teilweise sogar verschärft, wenn wir nur an die jüngsten Wettskandale denken. Hier hat Kirche im Dialog mit dem Sport, seinen Aktiven, Verantwortlichen und Funktionären durchaus eine wichtige Rolle als kritischer Partner und Mahner.

Gestatten Sie mir daher hier noch einen weiteren Gedanken: Denn der tiefgreifende Wandel des Sports bedarf heute der besonderen Beachtung und Bewertung: Neben dem in Vereinen und Verbänden organisierten Sport ist eine regelrechte Sportkultur entstanden, die zugleich die Beweggründe für das Sporttreiben veränderte.

"Sportlichkeit" oder "Sportivität" haben sich zu einem Leitmuster unserer Alltagskultur entwickelt. An die Stelle von Übung, Fairness, Wettkampf und Vereinsengagement treten oft ganz andere Werte: Körpererfahrung, Körperästhetik, Wohlbefinden, Erlebnis, sportliches Outfit.

In mancher Hinsicht trägt die heutige Sportkultur geradezu Züge eines Sportkults. Dabei ist nicht nur an sportliche Großveranstaltungen und deren Ritualisierung zu denken. Ich denke hier vor allem an die übersteigerten Heilserwartungen, die unzählige Menschen mit den Begriffen "Fitness" und "Wellness" verbinden. Fitness-Center sind wie moderne Tempel! Die Zahlen sprechen für sich: Es gibt inzwischen 5 Millionen Fitness-Studio-Besucher in Deutschland. Alle fünf Tage wird im deutschsprachigen Raum ein Wellness-Zentrum eröffnet. 25 Milliarden Euro werden alleine in Deutschland jährlich in solchen Einrichtungen ausgegeben.

Das beherrschende Motiv für diesen Trend ist nachweisbar die Sorge um die Gesundheit. Mein Eindruck ist, dass man vieles, was man heute für die Gesundheit tut, früher aus religiösen Motiven tat - Wallfahrten, Pilgerreisen, Fasten usw. Unsere Gesellschaft hat geradezu eine neue Religion: die Gesundheitsreligion, mit verschiedenen selbst ernannten Gesundheitsaposteln und unzähligen Gläubigen. Sie alle verkünden als ihre Botschaft: Gesundheit geht über alles.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, nichts gegen Fitness und Wellness, nichts gegen entsprechende Einrichtungen. Sorge um die Gesundheit des Leibes ist ein hohes Gut. Niemand wird sich ernsthaft gegen eine gesundheitserhaltende Lebensweise aussprechen. Das Geschenk des Lebens auch in seiner Leibhaftigkeit ist zu bewahren und zu pflegen.

Doch auch Gesundheit ist letztlich eben ein Geschenk. Sie ist nicht einfach herstellbar oder beliebig erhaltbar durch menschliches Tun. Wo dieses Missverständnis vorherrscht, werden "Fitness" und Gesunderhaltung zwanghaft und angstbesetzt, zumal dann, wenn Gesundheit mit körperlicher Vollkommenheit gleichgesetzt und darauf reduziert wird. Wer unfit und unsportlich ist, gerät unter Legitimationsdruck. Mangelnde Fitness erscheint in diesem Denkmuster als Verantwortungslosigkeit gegenüber sich und der Gesellschaft.

Ich möchte in diesem Gedankengang noch weitergehen. Denn oft steckt hinter den genannten Entwicklungen eine unkritische Gleichsetzung von Gesundheit und menschlichem Heil. Nicht zufällig geht eine Überbewertung des Gutes "Gesundheit" und der körperlichen Fitness mit der Diesseitsorientierung unserer Zeit einher. Das Leben wird in diesem Zusammenhang zur einzigen Gelegenheit. Es zu erhalten und endlos zu verlängern zur Entscheidung darüber, ob ein Leben gelingt oder missglückt.
Hier hat Kirche auch die Aufgabe, verständlich zu machen, dass Gesundheit zwar eine wichtige Dimension und Erfahrung von menschlichem Heil ist, dass das Heil, das Ganzsein des Menschen, aber nicht in Gesundheit und Wohlbefinden aufgeht. Wäre dem so, dann wären Gebrechlichkeit, Krankheit und Hinfälligkeit identisch mit Heilsverlust. Stellen Sie sich vor, jemand ist behindert oder chronisch krank. Ihm gegenüber ist die Aussage ´Hauptsache gesund´ diskriminierend und beleidigend. Hier muss die christliche Botschaft in einen kritischen Dialog mit den im Sport Verantwortlichen eintreten.

Das christliche Verständnis von Heil ist weiter und von größerer und nachhaltigerer Qualität. Nach christlichem Verständnis wird der Mensch heil, wenn er sich ganz angenommen weiß. Deshalb gehört zum Heil des Menschen das menschliche Miteinander in Fairness und die Solidarität unter den Menschen. Deshalb gehört nach christlicher Überzeugung zum Heilsein aber des Weiteren das vorbehaltlose Vertrauen, auch dort angenommen und geborgen zu sein, wo menschliche Annahme und Solidarität an ihre Grenzen kommen. Gott ist es, der mich ohne Leistung ganz annimmt.

Der christliche Glaube befreit deshalb von einer zwanghaften Selbsterlösung. Er befreit zu echter Lebensfreude, zur spielerischen Freude an den eigenen Möglichkeiten und Talenten. Und an diesem Punkt wird der christliche Glaube, hier wird Kirche zu einem wirklichen Partner des Sports. Gottes-Glaube kann damit auch die Freude nähren an Sport und Spiel. Denn er bewahrt vor einer Überhöhung und Überforderung von Fitness und Sportlichkeit sowie vor einer oft gnadenlosen Funktionalisierung von Sport und Spiel im Zeichen eines krampfhaft-verbissenen Willens zur Erhaltung von Leistung und Gesundheit.
Die Vermittlung dieser ganzheitlichen, befreienden Sicht vom Menschen ist die zentrale Aufgabe der Kirchen. Gerade in einer Leistungsgesellschaft und angesichts zunehmender Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist die aufgezeigte Dimension des christlichen Glaubens von enormer, befreiender Bedeutung für das Miteinander der Menschen.
Ein vorzüglicher und unverzichtbarer Ort für die Vermittlung des christlichen Menschenbilds ist das Bildungswesen, insbesondere die Lebenswelt Schule. Deshalb garantiert unser Land den von den Konfessionen verantworteten Religionsunterricht an staatlichen Schulen.
Auf der Grundlage ihres ganzheitlichen Verständnisses vom Menschen spricht sich Kirche auch dafür aus, der Bewegung, dem Sport und dem Spiel an der Schule ausreichend Raum zu geben. Kirchen und Sportverbände sind wichtige Partner für eine Schule, die einer ganzheitlichen Entwicklung und Entfaltung der Schülerinnen und Schüler zu selbständigen, lebensfreudigen Persönlichkeiten dient.