Bischof Dr. Gebhard Fürst: Menschwerdung in Zeiten der Gentechnik 2002

Rheinische Post

Im Anfang Sprachliches

‚Im Anfang war das Wort‘: Diesen alten Satz aus dem Johannesprolog notiere ich in einer Zeit, die auch als Kommunikationszeitalter bezeichnet wird, in der wir durch Medien und Globalisierung soviel technische Möglichkeiten des Austausches von Daten und der Verständigung haben wie nie zuvor.

Neben allen inhaltlichen Diskussionen während der Sitzungen des Nationalen Ethikrates machte mich die Erfahrung besonders nachdenklich, wie durch unterschiedlichen Gebrauch der Sprache bereits erhebliche inhaltliche Vorentscheidungen getroffen sind. Da wird von menschlichen Embryonen und immer seltener von embryonalen Menschen gesprochen. Eine fast unmerkliche Akzentverlagerung: Auf dem Weg eines sprachlichen Tausches verliert der Embryo seine Haupteigenschaft, nämlich 'Mensch' im vollen Sinne zu sein. Ähnlich verhält es sich bei der Bezeichnung 'werdender Mensch' für den Embryo.

So wird allein schon sprachlich suggeriert, dass ein Embryo eben noch nicht ganz Mensch ist. Abgesehen noch von der inhaltlichen Frage, ob es denn sinnvoll möglich und vor allem human angemessen ist, zwischen ‚ganz‘ Mensch und ‚noch nicht völlig‘ Mensch zu unterscheiden, wird hier allein auf der sprachlichen Ebene eine Vorentscheidung getroffen, die aufmerksam registriert werden will. Denn wie dringend Wachsamkeit erforderlich ist, zeigt mein drittes Beispiel, bei dem verharmlosend von verbrauchender Embryonenforschung gesprochen wird.

So wird – wieder rein sprachlich - verschleiert, dass es sich schlichtweg um die Tötung menschlichen Lebens zu Forschungszwecken handelt. Ich denke, dass eine Religion, die in einem ihrer Grundtexte zu Weihnachten 'Im Anfang war das Wort' (Joh 1,1) stehen hat, radikal und ständig dazu aufgerufen ist, höchst aufmerksam mit der Sprache und deren Verwendung umzugehen. Tendenzen einer unmerklichen Aushöhlung oder gar Verschleierung in der Alltagssprache sind dabei entsprechend auszuwerten. Wo dies nötig ist, sollte auch hier schon kritischer Widerstand geleistet werden.

 

 

Adam Nash

 

Es ist wie mit der Büchse der Pandora: Wir wissen noch nicht, auf welche Wege und Abwege, in welche Weiten oder auch welche Abgründe uns die Möglichkeiten von Genforschung und Biotechnologie führen. Oft scheint es mir, dass die Wissenschaftsreportagen und die grellsten Science-Fiction-Szenarien sich mehr und mehr annähern und schließlich ineins fallen. Dabei jedoch geht jedes Mass, was der Mensch ist, verloren – und damit letztlich der Mensch sich selbst. Ich möchte eine Geschichte erzählen, die mir immer wieder durch den Kopf ging in den letzten Wochen. Die reale Geschichte eines kleinen Jungen, so einfach erzählt wie eindrucksvoll, durch die die teilweise theoretischen Diskussionen um den Import embryonaler Stammzellen, um das Recht und die Fragwürdigkeit von PID oder die Frage nach den Möglichkeiten heutiger Gentechnik ein 'Gesicht' bekommt.

 

Molly Nash, ein kleines Mädchen, litt an einer Knochenmarkkrankheit, für die es nur eine Therapie gab: Molly brauchte einen Knochenmarkspender. Doch da Knochenmark ein kompliziertes Material ist, sind solche Spender schwer zu finden. Damit eine Übertragung gelingt, muß vieles zwischen Spender und Empfänger übereinstimmen. Gut ist ein Spender aus der eigenen Familie, am besten Bruder oder Schwester, die Molly aber nicht hatte. Eine schlimme Situation, aus der die Eltern Nash aber einen Ausweg wußten: Wenn es den idealen Knochenmarkspender nicht gibt, so dachten sie, dann wollen wir ihn eben zeugen. Sie ließen also ein Dutzend Eizellen künstlich befruchten, von Spezialisten untersuchen und - ein Embryo erwies sich tatsächlich als der ideale Spender. Ein Retter war in Sicht, wurde ausgetragen, geboren und auf den Namen Adam getauft.

 

Die Geschichte dieses Jungen löst in mir zwiespältige Gefühle aus. Nicht, dass ich der kleinen Molly keine Heilung wünschte, nein, wer von uns wird nicht gerührt und erschüttert vom Schicksal eines kranken, womöglich tödlich erkrankten Kindes. Natürlich wünsche auch ich so sehnsüchtig wie wohl jeder Mensch, dass Krankheiten geheilt werden. Doch schon hier frage ich: 'Wie hoch ist der Preis?'

 

Ich hörte von Bekannten, die ihren kleinen, nicht einmal zweijährigen einzigen Sohn Paul nach langem Kampf gegen eine heimtückische Stoffwechselkrankheit verloren. Der Tag seines Todes war wohl für die Eltern und auch die engsten Wegbegleiter einer der schwerstdenkbaren. Sie haben Ärzte, Kliniken gewechselt, alles unternommen, gehofft, gebetet, gefleht, vergebens. Wie gern hätte ich ihnen diesen schweren Tag erspart. Aber wie? Etwa um den Preis, dass Kinder wie Adam Nash zum Gebrauchsgegenstand gemacht werden, zum 'Medikamentenschrank auf zwei Beinen'? Denn, erinnern wir uns, Adam verdankt seine Existenz nur seinen Blutwerten. Für sich selbst scheint er keine Lebensberechtigung zu haben. Fast scheint es da eine Ironie des Schicksals, dass dieses Kind Adam heißt.

 

Vielleicht ist dies aber auch über den Zufall hinaus ein Fingerzeig, wie sehr sich Schöpfer Gott und Schöpfer Mensch voneinander unterscheiden. Denn Gott erschuf den Adam –nach der Schöpfungsgeschichte- als eigenständiges Wesen, das seinen einzigen Zweck darin hat, es selbst zu sein. Gott riskierte dabei sogar, Adam so eigenständig zu schaffen, dass dieser sich gegen Gott entscheiden konnte. Menschenwürde kam Adam zu, weil er Mensch war, einfach so. Adam Nash dagegen ist nicht um seiner selbst willen wichtig, Menschenwürde wird vertauscht durch Materialwert. Der kleine Adam ist nur wichtig, wert-voll für die notwendige Organspende. So gut wir die Eltern vielleicht verstehen können, es bleibt unübersehbar, dass der Mensch Adam Mittel zum Zweck der Heilung von Molly ist. Der kleine Adam Nash steht hier als Menetekel für den Umgang mit menschlichem Leben gerade in seinen hilflosesten Phasen. Denn dieser Junge ist für mich im Grunde ein Bote aus einer kommenden Zeit, einer Zeit, in der Kinder vielleicht nicht aus Liebe gezeugt, nicht dem Zufall verdankt sind, sondern wie Adam Nash geplant, vom Reißbrett weg erschaffen werden.

 

 

Weihnachten heißt Menschsein annehmen

 

Wenn wir nun wieder einen Blick auf die Weihnachtsgeschichte werfen, so erscheint mir diese wie eine zweite Schöpfungsgeschichte. Die Geschichte von Adam Nash wird gerade auf der Folie von Weihnachten brisant. Denn dort wird erzählt von einem Gott, der selbst Mensch wird, weil er das Leben aller Menschen will. An Weihnachten geht Gott sogar noch über die Schöpfung unendlich hinaus, weil er es wagt, in Jesus selbst Mensch zu werden. Die Schöpfungsgeschichte sagte uns: Ich erschaffe dich Mensch als Krone der Schöpfung und lasse dich -welch großes Zutrauen, aber auch welch fatales Risiko- in die Freiheit und Würde der Geschöpfe Gottes. Weihnachten geht da noch einen entscheidenden Schritt hinaus: Ich liebe dich, du Welt und Mensch, so sehr, dass ich bis hinab in die tiefste Tiefe deines Menschseins hinabsteige. Der menschenfreundliche Gott hat in Jesus von Nazareth selbst Fleisch und Blut angenommen. Gottes Wort zu unserem Heil, Gottes menschenliebendes Wort an uns ist Fleisch geworden: Ich nehme dich an, konsequent, radikal, dieses menschliche Leben, Geschick, Glück und Elend. Deshalb ist im Holz der Krippe das Kreuz schon mit riskiert, ist in der Geburt auch der Tod mit in Kauf genommen. Weihnachten, Menschwerdung Gottes heißt eben gerade für die Menschwerdung des Menschen auch: Ich liebe dich, Mensch, nimm auch du dich an – mit deinen Grenzen, deiner Endlichkeit, ja mit Krankheit, Sterben und Tod. Es ist nicht zu trennen: Die Krippe verweist uns in die tiefste Auseinandersetzung mit unserem Ende hinein. Unsere engen, so schmerzhaften Grenzen als Mensch können wir aber gerade hier annehmen lernen.

 

 

Menschenwürde ist kein Mehrwert

 

Ich hatte den Anfang des Johannesevangeliums zitiert, und wir alle kennen die Fortsetzung: 'Im Anfang war das Wort - und das Wort ist Fleisch geworden'. Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes. Gott wird Mensch, damit auch der Mensch ganz Mensch werden kann. Wie aber ist die gegenwärtige Situation? Durch aktuelle Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft wird der Mensch als Person und in Beziehung zu anderen Menschen nicht nur gestärkt, nein, er verkommt allmählich zum Spielball seiner eigenen Experimente. Inzwischen sind wir beim sich selbst produzierenden Menschen angekommen. So wird der Mensch zu einem austauschbaren, x-beliebigen Ding, die Frage der Menschenwürde wird ganz langsam und unauffällig in die nach dem Wert eines Menschen verschoben. Nicht zufällig drängen sich in die zuletzt so forcierte Debatte um Biotechnologie auch ökonomische Fakten und der Druck, ‚Menschenwürde‘ gegen den ‚Spitzenplatz‘ abzuwägen. Unbestritten: Gerade angesichts schwieriger wirtschaftlicher Situation kann eine ausgelassene ökonomische Gelegenheit ein –auch sozialethischer- Fehler sei. Aber zurückgefragt: Gilt denn deshalb schon der suggerierte Umkehrschluß, die Ökonomie bestimme fortan die moralische Grundrichtung? Der Begriff ‚Wert‘ ist belegt von der Welt von Wirtschaft, Geld und Macht, er hängt von Bewertungen und Kriterien ab, er kann sich verändern und - gegen Null tendieren. Würde dagegen hat mit diesem Denken und Reden in Bewertungsmaßstäben nichts zu tun. Sie kommt einem Menschen zu, eben weil er Mensch ist. Würde des Menschen bedeutet gerade, dass der Mensch sich nicht selbst bewerten muß und kann, dass er aber vor allem auch der Bewertung durch andere entzogen ist. Deshalb ist es höchst bedenklich, Menschen in Kategorien von Wert einzuordnen.

 

Als ein amerikanischer Reproduktionsforscher kühn ausrief, das ‚Klonen sei der erste ernsthafte Schritt, wie Gott zu werden‘, benannte er im Grunde einen Anspruch, der implizit hinter vielen Heilserwartungen an Biotechnologie und Genforschung steht. Der Mensch maßt sich an, das Schicksal für andere Menschen bestimmen zu können, eine erschreckende Maßlosigkeit, eine Allmachtsphantasie, die die Realität des Menschen, seine Möglichkeiten und Grenzen nicht annimmt. Jeder Mensch und alle Menschen gleich sind Gottes Ebenbild! Darin liegt die Würde des Menschen so unverdient wie unantastbar! Weil der Mensch durch diese Gottebenbildlichkeit bleibend auf Gott bezogen bleibt, ist er dem Zugriff anderer Menschen entzogen. Wo aber, sei es politisch oder medizinisch, sei es gesellschaftlich-juridisch oder gen-technisch, diese Grenzen der Menschenwürde und Unantastbarkeit aufgeweicht, angetastet oder gar verletzt werden, sind wir alle aufgerufen, entschieden Widerstand zu leisten – um Gottes und der Menschen willen.

 

 

Ganz Mensch

 

Gott wird Mensch, heißt: Menschenwürde ist unteilbar und nicht zu kalkulieren. Im Menschen Jesus von Nazareth ist Gott selbst Mensch geworden. In der Geburt dieses Menschen zeigt sich uns die Menschenfreundlichkeit Gottes. Der Mensch und die Erde, seine Größe und Versuchungen, seine Möglichkeiten und seine Grenzen hängen zusammen. Seine Größe zeigt zugleich auch seine Fallhöhe an, Weihnachten läßt den Menschen daher auch neu lernen, niederzuknien und in Respekt vor dem Menschen und seiner Würde neu demütig zu werden.

 

Menschenwürde ist unteilbar, unantastbar und nicht nach Katalog bewertbar. Wo das Lebensrecht des Menschen unter den Vorbehalt seines aufweisbaren Wertes gestellt wird, verliert der Mensch bald seine Würde.

 

Lassen wir uns zu Weihnachten neu diese konsequent wert-lose Wahrheit sagen! Vor allem: Lassen wir uns von ihr in die Pflicht, beim Wort nehmen!

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