Bischof Dr. Gebhard Fürst: Neujahrsansprache 2002

Rottenburg

„Wahrnehmungen und Zeitansage“

Verehrte liebe Damen und Herren!

Vor einem Jahr wünschte ich Ihnen von hier aus ein gesegnetes und glückliches Jahr. Wenn ich Ihnen heute ein gesegnetes Jahr 2002 wünsche, so wehrt sich doch das Jahr 2001 ebenso sperrig wie nachhaltig dagegen als vergangen abgehakt zu werden. Allzu Dramatisches hat sich ereignet. Das monströse Ereignis des 11. September, deren Betroffene wir alle ‚just in time im global village‘ Erde geworden sind, liegt wie das Datum einer neuen Zeitrechnung quer zu unseren fortschrittsgläubigen Optimismen. Immerhin war dieses Jahr nichts weniger als das erste Jahr des so emphatisch begrüßten 3. Jahrtausends. Aber diesem Anfang wohnt kein Zauber inne..., im Gegenteil: „Das Grauenvollste ist die rohe Verachtung des Wertes eines menschlichen Lebens, das durch diese Taten ausgedrückt wurde“, schreibt eine Journalistin am 15. Sept. 2001.

Verachtung menschlichen Lebens und Verletzung der Menschenwürde sind al-lerdings nicht nur Signaturen des schockierenden Attentats. In vielen Ereignisse und Entwicklungen, die wir im letzten Jahr miterleben konnten, erwies sich die Würde des Menschen als fragiles und bedrohtes Gut, das es weiterhin und verstärkt zu verteidigen gilt. Dem Ausblick auf das neue Jahr 2002 bleibt deshalb die rückblickende Perspektive konstitutiv. Der redliche Wunsch, Sie mögen in ihrem Leben von Hoffnung und Zuversicht auch im Jahr 2002 bestimmt und ge-leitet sein, muss sich bewähren vor dem, was geschehen ist.

Ich stelle meine Neujahrsansprache deshalb in diesem Jahr unter die Überschrift: ‚Wahrnehmungen und Zeitansage‘. Auf dem Hintergrund dessen, was sich im vergangenen Jahr - allerdings nicht nur am 11. September - ereignet hat und sich auswirkt, frage ich möglichst konkret: „Was bedeutet unser christlicher Glaube, unsere christliche Religion und unsere christliche Verkündigung für unser heutiges Leben und das Zusammenleben der Menschen?“ Einige Facetten dieser Frage möchte ich herausgreifen und damit Anregungen und Akzentsetzungen für unser Tun im Jahr 2002 auch und besonders in unserer Diözese verbinden.

1. Bedrängende Fragen an unser Glaubenszeugnis:

Das Evangelium von Gott neu zur Sprache bringen

Angesichts der Terroranschläge in den USA sind bei vielen Menschen - neben zahlreichen anderen Problemen, die auftauchen - Fragen von existentiellster Tiefe neu aufgebrochen: Fragen nach uns selbst, nach dem, was wir sind und was uns bestimmt. In einem der Kondolenzbücher, die in den Tagen nach den Attentaten in vielen Kirchen unserer Diözese auslagen, fragt ein Unbekannter: „Was aber treibt Menschen zu solchen Gräueltaten?“ Wie gehen wir mit der neuen Dimension des Bösen um, die sich gezeigt hat? Ein anderer vertraut dem Kondolenzbuch seine ihn bedrängende Glaubensnot an: „Gott sag uns, wie wir diese schrecklichen Bilder vom 11. September verkraften sollen? Gott sag uns, wo ist der Sinn des Todes von Manhattan? Gott sag uns, wie du so etwas zulassen konntest? Gott sag uns, wie wir den Glauben an diese Welt nicht verlieren und nicht irre werden? Gott, sag uns, ob dies der Anfang ist von einer neuen Erde voller Blut und Leid? Gott, sag es uns, sag es uns.“ Und ein dritter fügt hinzu: „Ich hoffe, dass niemand wegen des Anschlags den Glauben an Gott verliert.“

Der sich hier angesichts schrecklicher Erfahrungen artikulierenden Not der Men-schen können und dürfen wir uns als Gemeinschaft von Glaubenden, als Kirche, nicht entziehen. Zumal sich in diesen Worten auch viele unserer eigenen Sorgen und Ängste wiederspiegeln. - Wie reden wir vom Vertrauen in den treuen Gott angesichts solcher Ereignisse? Wie verkünden wir glaubwürdig Hoffnung und Liebe? Alle, die in Verkündigungsverantwortung stehen, die Liturgie feiern oder einfach im Gespräch mit anderen Menschen sind, bitte ich, diese bedrängenden Fragen nicht auszuklammern. Bringen wir das Evangelium von Gott zur Sprache, das den Menschen Trost und Rettung bringt; Trost und Rettung von Gott, der uns in seiner Hand hält, uns Orientierung schenkt und uns treu ist in allem und über alle negativen Erfahrungen hinaus; das Evangelium von Gott, der für uns wahres und ewiges Leben bereithält. - Als Christen sind wir neu herausgefordert, glaubwürdig Zeugnis abzulegen in Wort und Tat von der Hoffnung, die in uns angestiftet ist durch den uns geschenkten Glauben.

2. Diskussion um die Biotechnologien:

Das Evangelium des Lebens neu erschließen

Auch in einem zweiten Bereich haben sich 2001 dramatische Entwicklungen vollzogen. Neben unbestreitbar großen Fortschritten und positiven Aussichten in den sogenannten Lebenswissenschaften und Biotechnologien, droht doch auch durch sie auf ganz andere Weise die Missachtung menschlichen Lebens und sei-ner Würde. Die Lebenswissenschaften ermöglichen uns tiefe Einblicke in Entstehung und Zusammenhänge des Lebens des Menschen und die Biotechnologien eröffnen möglicherweise Therapien schwerer Krankheiten. Aber auch ihre Entwicklung wirft fundamentale Fragen nach dem auf, was denn der Mensch eigentlich ist, was er soll und was er nicht soll, ja was er nicht darf angesichts von Entwicklungen, die vor uns liegen:

Wir stehen in Deutschland kurz davor, die Tötung embryonaler Menschen billigend in Kauf zu nehmen, um die Grundlagenforschung an Stammzellen voran-zutreiben.

Wir stehen weltweit vor dem sogenannten therapeutischen Klonen, bei dem Embryonen lediglich zum Zweck therapeutischer Verfahren erzeugt und getötet werden.

Wir stehen vor einer selektierenden Präimplantationsdiagnostik, die über lebens-wertes und lebensunwertes Menschenleben entscheidet.

Wir stehen vor der Bildung von Chimären durch Verschmelzung tierischer und menschlicher Erbanlagen im Reagenzglas.

Insgesamt befinden wir uns schon mitten im Entstehen einer Reproduktionsindustrie, die dazu führt, dass menschliches Leben zur Handelsware wird. Das Leben als Schöpfung wird zum Produkt der Industrie.

Es liegt mir fern, Horrorszenarien an die Wand zu malen. Aber es ist unbestritten, dass die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der künstlichen Reproduktion und anderer Biotechnologien extreme Kräfte entfesselt und sich in der Phase einer revolutionären Dynamik befindet, die gegenwärtig an Unübersichtlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt!

Die Wiederaufrichtung des Heiligen

Ohne die Dimension des Unverfügbaren, von den Religionen als das Heilige gehütet, liefern wir Menschen uns an uns selbst aus, versuchen, unser eigener Gott zu werden und - zerstören die Würde des Menschen. Der jüdische Philosoph Hans Jonas befasste sich bereits 1979 in seinem vielbeachteten Buch ‚Das Prinzip Verantwortung‘ mit Spannungen, Widersprüchen und Wunden, die unser technologisches Zeitalter prägen. Seine darin entwickelte Ethik formuliert Ein-sichten, die mitten hinein in die derzeitigen Diskussionen passen. Jonas fordert uns eindringlich auf, die anstehenden ethischen Fragen nachhaltig zu bedenken und Antworten zu finden, „bevor wir uns auf eine Fahrt ins Unbekannte einlas-sen“ . Das größte Problem fasst er präzise in folgenden Satz: „Die ‚Zukunft‘ (...) ist in keinem Gremium vertreten; sie ist keine Kraft, die ihr Gewicht in die Waagschale werfen kann. Das Nichtexistente hat keine Lobby und die Ungeborenen sind machtlos.“ Hellsichtig fordert Jonas eine Ethik, die in der Lage ist, den enormen Möglichkeiten, die wir heute besitzen, standzuhalten. Dabei kann er sich eine solche Ethik ohne die Kategorie des nicht vorstellen. Ich darf ihn nochmals zitieren: „Es ist die Frage, ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, die am gründlichsten durch die wissenschaftliche Aufklä-rung zerstört wurde, eine Ethik haben können, die die extremen Kräfte zügeln kann, die wir heute besitzen und dauernd hinzuerwerben und auszuüben beinahe gezwungen sind. (...) Nur die Scheu vor der Verletzung eines Heiligen ist unab-hängig von den Berechnungen der Furcht und dem Trost der Ungewissheit noch ferner Folgen.“ Seine abschließenden, in beschwörendem Ton formulierten Sätze lauten: „Die Ehrfurcht allein, indem sie uns ein ‚Heiliges‘, das heißt unter kei-nen Umständen zu Verletzendes enthüllt (und das ist auch ohne positive Religion dem Auge erscheinbar) wird uns (...) davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen.“ Um einer unsicheren Zukunft therapeutischer Möglichkeiten willen die Gegenwart schän-den? Genau hier liegen die zentrale Frage und das große Dilemma der derzeitigen Diskussion.

Einmütigkeit des deutschen Katholizismus

Bei zahlreichen Gelegenheiten habe ich selbst - nicht zuletzt als Mitglied des Nationalen Ethikrates - die präzise, klare und in sich stringente Haltung der Katholischen Kirche zu diesen Fragen in der Öffentlichkeit vertreten. Ich danke dem Diözesanrat für seine einschlägigen eindeutigen und unmissverständlichen Stel-lungnahmen und als sein Geistlicher Assistent auch dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken ausdrücklich für dessen ebenso klare und unmissverständ-lichen Verlautbarungen. Ich bin für diese gemeinsam und offensiv vertretene, eindeutige Position des deutschen Katholizismus zum Schutz des Lebens des Menschen sehr dankbar. Ich sehe weder in unserer Gesellschaft in Deutschland noch in anderen Teilen der Weltkirche Vergleichbares!

Wir lösen damit die uns aus unserer christlichen Botschaft und dem Ethos unse-rer Kirche erwachsende Verpflichtung ein, uns als Christen kompetent, sachkundig, entschieden und auf Augenhöhe in den gesellschaftlich politischen Dialog ü-ber gesetzliche Regelungen biotechnologischer Verfahren einzumischen.

Gegen graduellen Lebensschutz

Die Gottebenbildlichkeit des Menschen und seine ihm eigene Menschenwürde gelten bedingungslos und dürfen nicht zur Disposition gestellt werden. Es darf deshalb keine Abstufung im Lebensschutz des embryonalen menschlichen Lebens geben. Wer am Anfang den Lebensschutz abstuft und konditioniert, der tut es auch am Ende des Lebens eines Menschen. Und wer am Anfang und am Ende menschliches Leben nur graduell schützt, der tut dies auch angesichts extremer durch Krankheiten oder Unfälle erzeugter Situationen des Lebens von Menschen.

Politische Einflussnahme

Bürgerinnen und Bürger sollten wissen, wie ihre Abgeordneten in den Zukunftsfragen der Ethik der Biotechnologien denken und abstimmen und ob sie sich von den jeweiligen Positionen verantwortungsvoll vertreten sehen. Ich ermuntere alle Christen, parteiübergreifend all diejenigen Frauen und Männer mit Aufmerksamkeit zu begleiten, die sich im Wahljahr 2002 zur Wahl stellen und sie danach zu fragen, von welchem Verständnis des Menschen sie sich leiten lassen.

Christliches Verständnis vom Leben

Neben der eindeutigen Positionierung für das Leben müssen wir als Christen dem naturwissenschaftlichen Begriff vom Leben in den Biowissenschaften das viel umfassendere und sinnstiftende christliche Verständnis von Leben ergänzend an die Seite und - wo es sein muss - kritisch gegenüber stellen. Ein lediglich naturwissenschaftlicher Lebensbegriff führt zu weniger als einem halbierten Leben. Denn „wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, sind unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt.“ Die biblische Botschaft vom „Leben in Fülle“ (Joh 10,10b) ermöglicht und verpflichtet uns zugleich einem zunehmend unter materialistischen Gesichtspunkten gesehenen Lebensentwurf heilsam entgegenzuwirken. Das Evangelium des Lebens, das Sinn und Orientie-rung vermittelt, begegnet uns leibhaft in Jesus Christus. („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ - Joh 14,6) An ihm können wir uns immer wieder neu orientieren, wenn wir nach dem suchen, was wahres Leben im Vollzug bedeutet.

Die Verkündigung ewigen Lebens ist keine Vertröstung, sondern die Verheißung erfüllten Menschseins, die allein vom Menschen her nicht erreichbar ist. Die Botschaft vom ewigen Leben hat auch ein irdisches Ziel. Sie ist auch die Behauptung eines wesentlich Menschlichen, das sich dem Zugriff der ökonomischen Verwertung und einer wie auch immer gearteten Vergesellschaftung entzieht.

3. Die Herausforderung wachsender Armut:

Das Evangelium der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit konkretisieren

Meine Lateinamerikareise im Oktober des vergangenen Jahres hat mir wieder in einem anderen Bereich, nämlich in dem der weltweit wachsenden sozialen Ungerechtigkeit, eine weitere Facette der Missachtung menschlichen Lebens und seiner Würde eindringlich vor Augen geführt.

Die Schulden und Zinslasten von Entwicklungsländern sind gigantisch. Das abfließende Kapital zur Schuldentilgung und Zinsfinanzierung fehlt dort für die Entwicklung von Bildung und den Ausbau des Sozialwesens. Ein Blickwechsel ist nötig: Die Zinsschulden, die solche Länder uns Reichen zu bezahlen haben, sind unsere Sozialschulden und Bildungsschulden an diese Länder. Zu welchen sozialen Erschütterungen es kommt, wenn die Schere zwischen Reichen und Armen immer weiter auseinander geht, zeigt die augenblickliche explosive Lage in Argentinien. Die Forderung der beiden Kirchen nach einem an Bedingungen geknüpften Schuldenerlass für arme Länder hat von ihrer Aktualität nichts verloren.

Was uns als Diözese das angeht? Wir können heute nicht mehr von uns reden, ohne von dort zu reden und nicht von dort, ohne von uns. In der globalisierten Welt hängt alles miteinander zusammen. Und gerade die katholische Kirche mit ihren bis in die entlegensten Dörfer der armen Länder hineinreichenden, ganz selbstverständlichen Basis-Vernetzungen hat hier ebenso große Chancen wie Verpflichtungen. Das Evangelium der Solidarität mit den Armen und der sozialen Gerechtigkeit kennt keine Grenzen.

Partnerschaften mit Kirchengemeinden armer Länder

Ich bin dankbar, dass es in unserer Diözese bereits 300 Partnerschaften zu Gemeinden, Projekten und Einrichtungen von Ländern der sog. Dritten Welt gibt, die von katholischen Kirchengemeinden getragen werden. Ich danke allen, die sich hier engagieren! Unsere Antwort als Diözese auf die sich verschärfende weltwirtschaftliche Situation wird die Stärkung der Partnerschaften mit Gemeinden und Projekten der Dritten Welt sein. Der von mir im vergangenen Jahr gestiftete Partnerschaftspreis soll die Zusammenarbeit weiter vertiefen und verbreitern.

Allianzen gegen die Bildungsarmut

Armut in Lateinamerika hat viele Gesichter. Sie ist vor allem auch Bildungsarmut und Armut an Zukunftschancen für die Menschen. Die Stiftung Katholische Freie Schule der Diözese Rottenburg-Stuttgart und auch einzelne katholische Schulen pflegen seit vielen Jahren Kontakte zu Schulen in Südamerika, die sie mit erheblichen Geldbeträgen und Sachspenden unterstützen. Dies sind nachhaltige Investitionen in angesehene katholische Schulen, die in dieser Gesellschaft Teile der späteren Eliten des Landes ausbilden. Eine Kooperation mit den Ka-tholischen Schulen unserer Partnerdiözese Santiago del Estero in Argentinien, hat der Stiftungsrat der Schulstiftung im Dezember 2001 in die Wege geleitet. Dabei geht es vor allem auch um die inhaltliche Gestaltung Katholischer Schule. Die diözesane Schulkonzeption „Marchtaler Plan“ vermag hier sicherlich wichtige Impulse geben. Die Schulstiftung der Diözese Rottenburg-Stuttgart betrachtet es als genuinen Bestandteil ihres missionarischen Grund-auftrages, solidarisch und subsidiär Katholische Schule auch außerhalb des eigenen Diözesanbereiches zu unterstützen und zu fördern.

Dabei ist diese Allianzen gegen die Bildungsarmut keine Einbahnstrasse. Aus der Begegnung und dem Austausch mit diesen Schulen und der Kenntnis der Bedingungen in denen sie existieren, sollten in die Lehrpläne unserer Schulen Themen wie Globalisierung, Armut, Internationalisierung der Solidarität sowie interkulturelle und interreligiöse Kompetenz aufgenommen werden. Mittel- und langfristig ist dies ein zur wirtschaftlichen Globalisierung komplementärer Beitrag unserer Kirche in Rottenburg-Stuttgart zur Globalisierung von Solidarität und sozialer Gerechtigkeit, damit jedem Menschen ein Leben in Würde möglich wird.

Kirche im global village

Die von Botho Strauß angesichts der negativen Auswirkungen der Globalisierung vorgetragene Forderung: „Wenn aber der Globus ein Dorf, dann bitte auch die Kirche darin lassen.“ , bekommt so aus der starken Motivationskraft unserer christlichen Religion zum sozialen Engagement ein ganz konkretes Gesicht im Interesse des Lebens der Menschen und seiner ihm eigenen Würde.

4. Der Ort der Religion in unserer Gesellschaft

Dieser Gedanke leitet über zum vierten und letzten Punkt, den ich noch ansprechen möchte, zum Ort der Religion in unserer Gesellschaft und ihrer Kultur von heute.

Wiederentdeckung der Religion als Gesprächspartner

Jürgen Habermas hat am 14. Oktober 2001 anlässlich der Verleihung des Frie-denspreises des Deutschen Buchhandels eine vielbeachtete Rede gehalten und darin den notwendigen Dialog zwischen der säkularen Welt und der Religion an-gemahnt. Am 11. September sei – so seine Formulierung - die „Spannung zwi-schen säkularer Gesellschaft und Religion (...) explodiert.“ In diesem Kontext wendet er sich gegen „einen unfairen Ausschluss der Religion aus der Öffent-lichkeit“ . Ein solcher Ausschluss würde „die Gesellschaft von wichtigen Res-sourcen der Sinnstiftung abschneiden.“ Auch die säkulare Seite müsse sich in diesem Dialog „einen Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprache“ be-wahren. Denn: „Die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ist oh-nehin fließend. Deshalb sollte die Festlegung der umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen.“ - Ich formuliere die Konse-quenz daraus mit eigenen Worten: Die säkulare Gesellschaft und Kultur unserer Tage ist nicht auf der Höhe der Zeit, wenn sie und ihre Vertreter nicht in der La-ge oder Willens sind, ihrerseits auf Augenhöhe mit dem kulturellen und huma-nen, dem sozialen und spirituellen Potential der christlichen Religion und zu kommunizieren.

Religion als kulturelles Gedächtnis der Gesellschaft

Um die Rolle der Religion in einer säkularen Gesellschaft ging es auch im Streit um den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, der beim Bundesverfassungsgericht ausgetragen wurde. Als überraschendes Ergebnis des Streites möchte ich mit Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung feststellen: „Der Religionsunterricht hat seinen Platz in der Schule als Teil der öffentlichen Schule, der staatlich gewünschten Wissensvermittlung (...) Weil er das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft schult, das keine Pisa-Studie abfragt, das aber so wichtig ist, wenn es ums Woher und Wohin geht, um Gerechtigkeit und Menschenrechte. Die Wiederentdeckung des Religiösen nach dem 11. September war begleitet von großer Hilf- und Wissenslosigkeit. Die Sprachfähigkeit dort, wo das Leben über das Nächstliegend-Sichtbare hinausgeht, muss bewahrt, wiedergewonnen werden.“

Christliche Religion als alternativloses Angebot

Die Politiker und Kulturschaffenden, die Medienvertreter, die Intellektuellen und die Wissenschaftler möchte ich deshalb fragen: Versäumt ihr nicht Substantiel-les, wenn ihr das Hoffnungs- und Handlungspotential der christlichen Religion und ihre ethosbildende Kraft vergesst oder überseht und in eurem Denken und Handeln außen vor lasst? Seid ihr da wirklich auf der Höhe der Zeit?

Unsere säkulare Kultur ist eingeladen, erneut in den konstruktiven Dialog mit der christlichen Religion einzutreten und auf Augenhöhe mit ihr zu kommunizieren. „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Idee von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Ge-rechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist die-ses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“ Auch das übrigens Sätze von Jürgen Habermas.

5. Dank für das Mitwirken am Aufbau des Reiches Gottes

Ich möchte nicht enden, ohne zu danken. Die mit mir eng zusammenarbeitenden Mitglieder des Domkapitels und des Bischöflichen Ordinariats haben mir auch im vergangenen Jahr viel Solidarität zuteil werden lassen. Die Arbeit, die ich im vergangenen Jahr tun und die Anregungen, die ich geben konnte, werden von ihnen mitgetragen und mitverantwortet. Ja vieles verdanke ich erst ihnen und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Möge dies uns gemeinsam im neuen Jahr er-halten bleiben.

Im vergangenen Jahr fanden in unserer Diözese die Kirchengemeinderatswahlen statt. Die Wahlbeteiligung (27,5%) liegt mit Abstand an der Spitze aller Diözesen in Deutschland. Über 10 000 gewählte Kirchengemeinderäte haben sich zur Ver-fügung gestellt, die Seelsorge in den Gemeinden mitzutragen und mitzuverantworten. Dafür danke ich allen von Herzen. Ich freue mich, dass wir einen Alters-durchschnitt von 43 Jahren und einen Frauenanteil von 46% erreicht haben. 5% der Mitglieder sind zwischen 18 und 27 Jahren. Ganz ähnlich sieht der Altersdurchschnitt und Frauenanteil bei der Zusammensetzung des Diözesanrats aus, der im März neu gewählt wird. Besonders auch dem Diözesanrat und seinem Präsidium möchte ich als Bischof persönlich und für unsere ganze Diözese herzlich danken für das konstruktive Miteinander und das geleistete enorme Arbeitspensum.

Diözesanweit haben viele ein herzliches ‚Vergelt‘s Gott‘ verdient. Ich denke an all die mehreren zehntausend ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an der Auferbauung des Reiches Gottes und besonders an die Tausenden von Jugendlichen, die sich an verantwortlicher Stelle in der Jugendarbeit engagieren. Unser aller Dank geht an die Haupt- und Nebenberuflichen in den kirchlichen Ämtern und Diensten, an die über 1170 Seelsorgerinnen und Seelsorgern, den Priestern und Diakonen, den Pastoral- und Gemeindereferenten. Die 3000 Ordensleute unserer Diözese sind ebenso nicht zu vergessen wie die Religionslehrern, denen heute oft die Aufgabe der Einführung in den christlichen Glauben aufgegeben ist. Denn die Leistung der pflegenden und erzieherischen Berufe können wir nicht hoch genug ansetzen. Ihnen allen gilt unsere Wertschätzung und dankbare Hochachtung.

Sie alle, verehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, bitte ich weiterhin um ein gutes Miteinander im kommenden Jahr und darüber hinaus, wenn wir im Jahr 2003 das 175-jährige Jubiläum unserer Diözese Rottenburg-Stuttgart feiern, das Jahr der Bibel begehen und uns vorbereiten auf den im Jahr 2004 in Ulm stattfindenden Katholikentag.

Ich bitte Gott, dass er uns alle in unserem Tun und Arbeiten für das Evangelium Jesu Christi mit seinem Segen im Jahr 2002 begleite. Ihnen allen ein gesegnetes, erfülltes, gesundes und friedvolleres Jahr 2002!

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