Bischof Dr. Gebhard Fürst: Neujahrsansprache 2005

Stuttgart

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gäste,

liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Immer noch blicken wir fassungslos auf die Katastrophe in Südasien. Wir denken an die zahllosen Todesopfer und ihre Familien, an die vielen Opfer aus Deutschland, aber auch die lebenden Opfer dort, an die drohende Seuchengefahr. Ein weltweiter Hilfseinsatz und viele Spenden sind notwendig. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, allen zu danken, die für die Opfer dieser furchtbaren Heimsuchung gespendet haben. An dieser Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass in unserer Diözese und speziell im Großraum Stuttgart viele Menschen aus Indien, Indonesien, Sri Lanka und Thailand mit ihren Familien leben und derzeit um zahlreiche Angehörige vor Ort bangen. Mitten unter uns leben auch diese Betroffenen, die bei dem Beben ihre Angehörigen verloren haben, die bisher keine Nachricht und nun kaum mehr Hoffnung haben.


In einer Situation, in der die deutsche Öffentlichkeit und auch die meisten Medien über diese Minderheiten hinwegsehen, können und dürfen wir die Präsenz, die Sorgen und Nöte unserer Schwestern und Brüder, die aus dem Katastrophengebiet stammen, nicht vergessen.

 

I. Zusammenleben in der einen Welt


Die Ereignisse bewegen uns alle, nicht nur, weil die ganze Welt durch die Medien zeitgleich sozusagen vor Ort gewesen ist; und bleibt nicht nur, weil zahlreiche Opfer aus Deutschland und auch aus unserer Diözese kommen; sondern auch, weil uns diese Katastrophe bewusst gemacht hat, in welch gefährdeter Weise wir alle in der einen Schöpfung leben.

 

Wir spüren heute alle auch durch die verheerende Flutkatastrophe, dass wir in der einen Welt leben, in der uns alles ganz nahe gekommen ist. Ähnlich habe ich dies im vergangenen Jahr erlebt, als ich die Missionsstationen der Barmherzigen Schwestern von Untermarchtal in Tansania besuchte. Was diese Schwestern aus unserer Diözese dort in Krankenstationen und Schulen leisten, hat mich tief beeindruckt. Die Schwestern aller Orden und Klöster aus unserer Diözese verdienen für ihre Arbeit im Dienst der Verkündigung des Evangeliums durch Wort und Tat in aller Welt, in Lateinamerika, Afrika und Asien unsere dankbare Hochachtung und Unterstützung, nicht zuletzt die Schwestern, die in diesen Tagen und Stunden an der Westküste der Insel Nias und Tello vor Sumatra unermüdlich Hilfe leisten. Sie all verkörpern in besonderer Weise den Geist und das Verhalten einer missionarischen Kirche. Aber wir alle sind aufgerufen, aus christlichem Geist in umfassendem Sinn für das Heil der Menschen einzutreten, durch unser Beispiel tätiger Nächstenliebe die Menschen zu gewinnen und ihnen die frohe Botschaft, das Wort vom wahren Leben zu verkünden.

 

Die Katholische Kirche ist der größte global player, aber auch der größte global prayer der einen Welt. Fast an jedem Ort dieser Erde gibt es katholische Gemeinden, die miteinander vernetzt sind im einen Glauben und durch zahlreiche Partnerschaften und Beziehungen. Ich bin zudem froh und dankbar, dass vieles in ökumenischem Miteinander geschieht. Diese Vernetzung der Kirche mit ihrer Botschaft zum Heil der Menschen ist in der Zeit der hauptsächlich wirtschaftlich geprägten Globalisierung der Märkte und des Handels ein Segen für die eine Welt. Denn sie ermöglicht globale Solidarität und Hilfe auch und gerade für die ärmsten und schwächsten Glieder der Menschheitsfamilie. Für das, was beispielsweise nötig ist, gebe ich Ihnen ein Erlebnis: Bei einem Besuch in einem Kaufhaus in Dar es Salam habe ich festgestellt, dass zwei Drittel aller Nahrungsmittel dort nicht aus dem Land stammen, sondern von international agierenden großen Konzernen geliefert werden und das, obwohl Tansania durchaus landwirtschaftlich erschlossen ist. – Wo bleibt die Entwicklungshilfe zur Selbsthilfe? Müsste sie dort nicht zum Aufbau einer eigenen Nahrungsmittelindustrie dienen, statt Tansania bloß als Markt für Waren großer Konzerne auszunützen? - Und den Blick einmal andersherum gewendet, obwohl unsere Sorgen vergleichsweise gering sind, schlägt eine falsche Art der Globalisierung auch auf unsere Wirtschaft zurück. In Deutschland gehen mehr und mehr Arbeitsplätze auch aufgrund zügelloser Globalisierung verloren.

 

Als Christen haben wir hier Verantwortung und auch Möglichkeiten, die Botschaft der christlichen Nächstenliebe glaubwürdig unter Beweis zu stellen. Das Bewusstsein der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen den reichen und armen Ländern ist für die weltweite Verwirklichung von Frieden und Gerechtigkeit entscheidend. Deshalb fordert Papst Johannes Paul II. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2005 eine neue politische Kultur der weltweiten Zusammenarbeit, bei der der Schutz von Minderheiten, die Hilfe für Flüchtlinge und Asylanten, die Verurteilung jeder Form von Rassismus und die Mobilisierung internationaler Solidarität allesamt nur konsequente Anwendungen des einen Prinzips unserer gemeinsamen Weltbürgerschaft sind.

 

Im Zuge der Globalisierung kam es zu einer Machtverschiebung zwischen Staat und Wirtschaft. Es fehlt an Rahmenbedingungen für eine internatio nal agierende Wirtschaft. Deshalb steht die Wirtschaft in besonderer Pflicht, ökonomisches Kalkül mit gesellschaftspolitischer Verantwortung zu verbinden. Ich bin überzeugt, die katholische Kirche als globale Institution muss hier internationale Rahmenbedingungen einfordern, um die soziale Dimension des Wirtschaftens weltweit durchzusetzen. Es geht um die Globalisierung der Katholischen Soziallehre mit den Kernsätzen der Sozialpflichtigkeit des Eigentums und des Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital. Gelingt dies nicht, wird unsere eine Welt großen Schaden nehmen. Die Starken werden die Schwachen ausbeuten. Gesellschaften und ganze Staaten, aber auch kleinere mittelständischen Unternehmen werden Opfer großer Konzerne und internationaler Geldpolitik.

 

II. Finanzielle Situation der katholischen Kirche

 

Glaubwürdigkeitsproblem der Kirche – der Rottenburger Weg

Nun werden manche sagen: Bevor die katholische Kirche hier gute Ratschläge gibt, soll sie ihr eigenes Haus in Ordnung bringen und z. B. ihre eigenen, derzeit großen Finanzprobleme lösen. Ich möchte hier die öffentliche Kritik aufgreifen, kann aber aus einleuchtenden Gründen nur für die Diözese Rottenburg-Stuttgart sprechen.

 

Die Öffentlichkeit ist der Meinung, den Kirchen beider Konfessionen liefen die Leute davon, weil sie so unattraktiv seien. Das bringe sie in Finanzprobleme und Sparzwänge, mit der sie nicht souverän und zukunftsorientiert umgehen könnten. In dieser Situation würden Unternehmensberater zu Hilfe gerufen, die nicht nach theologisch-pastoralen Kriterien, sondern nur nach unternehmerischen Gesichtspunkten beraten würden. Es komme deshalb zu massivem Stellenabbau und zur Reduzierung der angesehenen sozialen Dienste der Kirche. Das aber beschädige das Ansehen der Kirche noch mehr. Eine Abwärtsspirale sei im Gang: es drohe ein Kollaps!

 

Die gegenwärtigen Kirchenaustritte, so schmerzlich sie sind, sind aber unter finanzieller Perspektive, um nur einen Widerspruch zur gängigen Meinung anzumelden, nicht der entscheidende Faktor für die Finanzkrise.

 

Von anderer Seite wird der Vorwurf der Konzeptionslosigkeit erhoben. Es heißt, man „erkenne bei den Einsparungen vor allem Panik. Jeder kämpfe um den Erhalt seiner Position, ohne dass eine Linie erkennbar sei, die in die Zukunft weist.“ Andere wenden sich gegen „Flurbereinigungen“ insbesondere bei den Laientheologen und kritisieren, dass ein breiter Dialog mit der kirchlichen Öffentlichkeit, den Gemeinden, dem Klerus nicht stattfinde bzw. dass notwendige Konsultationsprozesse nirgendwo zu sehen seien.

 

Ich möchte über diese Meinungen und Kritikpunkte hier in der Öffentlichkeit sprechen, weil vieles, was dazu korrigierend gesagt werden muss, in die kirchliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein kaum vermittelt werden kann, weil gängige Vorurteile das nicht zulassen.

 

Der Rottenburger Weg

 

Ich spreche nun einmal für die katholische Kirche in Württemberg. Wir haben den notwendigen Spar- und Reduzierungsprozess von vornherein in verantworteter Weise angegangen und dies in lebendigem innerkirchlichem Dialog und mit umfassenden Konsultationen durchgeführt. Unser Weg zeichnet sich durch die Verbindung von pastoraler Konzeption und Reduzierungsentscheidungen aus: Zuerst haben wir ein Konzept für die Pastoral der Zukunft entworfen, um dann im Zusammenhang damit die finanziellen Reduzierungsmaßnahmen zu beschließen. Wir haben theologisch, ekklesiologisch, soziologisch und unter pastoralpraktischer Perspektive im wirklichen Dialog miteinander nachgedacht und danach eine Spar- und Reduzierungskonzeption erarbeitet und entsprechende Beschlüsse gefasst. Am Anfang stand also das umfangreiche pastorale Konzept ‚Zeichen setzen in der Zeit’, dann folgten unter dem Titel „Heute für morgen das Nötige tun“ die Beschlüsse über die finanziellen Reduzierungsmaßnahmen. Die Reduzierungsbeschlüsse stehen zu den inhaltlichen Prioritäten nicht in Widerspruch, sie müssen sich vielmehr vor ihnen rechtfertigen.

 

Insgesamt geht es im Reduzierungsprozess nicht darum, sich aus Feldern kirchlichen Handelns zurückzuziehen, sondern Herausforderungen der Seelsorge heute anders anzugehen. Es geht nicht um die Frage, ob sich die Kirche unter den konkreten Finanzbedingungen den Aufgaben der Zeit stellt, sondern wie sie sich ihnen stellt.

 

Lassen sie mich einige konkrete Dinge zu diesem Reduzierungsprozess sagen:

 

1. Ich habe ausdrücklich das sogenannte pastorale Personal – die vier hauptberuflichen pastoralen Dienste und Ämter - von den Reduzierungen ausgenommen. Priester, Diakone, Pastoralreferenten, Gemeindereferentinnen werden wir in gleicher Zahl wie bisher ausbilden und anstellen können. Die Personalplanung für die Seelsorge kann aufrechterhalten und erfüllt werden. Das Studium der Katholischen Theologie in Tübingen ist so auch in dieser Hinsicht künftig offen und sinnvoll. Ich lade zu diesem Studium mit Zukunft ausdrücklich ein!

 

2. Diözese und Bistum werden Immobilien verkaufen, wo sie unter pastoralen Gesichtspunkten von nachrangiger Bedeutung sind. Die Verkaufserlöse werden nicht konsumtiv ausgegeben, sondern für die langfristige Haushaltssicherung angelegt. Eigentlich dringend notwendige Baumaßnehmen für die Verwaltung wurden gestrichen.

 

3. Wir werden entstandene Doppelstrukturen konsequent abbauen.

 

4. Und vieles andere mehr, was ich hier nicht ansprechen kann, was aber öffentlich nachgelesen werden kann.

 

5. Wir werden uns aber auch neue Finanzierungsquellen erschließen müssen und das vor allem das Stiftungswesen ausbauen.

 

Dies alles ist kein einfacher Weg. Auch die Kirchengemeinden unserer Diözese müssen diesen mühsamen und schmerzhaften Prozess mit Entschiedenheit angehen.

 

Meine Damen und Herren, die Verbindung von pastoralem Konzept, Reduzierung und dialogischer Erarbeitung mit den Beratungsgremien hat sich in unserer Diözese bisher bewährt. Diese Art, die Probleme anzugehen möchte ich den Rottenburger Weg nennen. Auf dem Rottenburger Weg: „Erst gemeinsam nachdenken über die Gehalte der Pastoral - dann angemessen reduzieren“ haben wir ein wichtiges Etappenziel erreicht. Ich danke allen, die hier in guter Weise und konstruktiver Zusammenarbeit mitgewirkt haben: den Mitarbeitern des Bischöflichen Ordinariats, dem Diözesan- und Priesterrat, den theologischen Experten und dem Rat der Dekanatsräte und allen an den Konsultationsprozessen Beteiligten. Wir haben einen pastoralen Orientierungs- und einen finanziellen Reduzierungsrahmen für unsere Diözese. Wir haben keine Schulden, keine Zins- und Zinseszinslasten. Wir leben nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen. Sie können verstehen, dass ich dies durchaus kritisch auch mit Blick auf die Haushalts- und Finanzpolitik der Länder und des Bundes sage.

 

Wir haben eine verlässliche Basis für die Pastoral der nächsten Jahre, auf der wir uns als Kirche auch gesellschaftspolitisch einmischen werden und zwar unter der Perspektive besonderer Hilfe für die Schwachen, Bedürftigen und an den Rand unserer Gesellschaft Gedrängten. Wir haben Grund, trotz aller Probleme zuversichtlich zu sein.

 

Vor diesem Hintergrund möchte ich im folgenden dritten Abschnitt zu zwei drängenden gesellschaftspolitischen Fragen Stellung nehmen, zu Arbeitslosigkeit und Familien.

 

III. Gesellschaftspolitisches Handeln

 

In einem dritten Teil werde ich zunächst die Wunde der Massenarbeitslosigkeit ansprechen.

 

Die Wunde der Massenarbeitslosigkeit

 

Obwohl die Regierungen seit Jahren die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als Priorität bezeichnen, steigt sie - scheinbar unaufhaltsam - an. Und zwar in höherem Umfang, als dies in den offiziellen Statistiken ausgewiesen wird. Jüngste Gutachten rechnen mit mehr als 5 Millionen registrierten Arbeitslosen im Februar 2005 , tatsächlich dürfte die faktische Arbeitslosigkeit weitaus höher liegen. Die FAZ schätzt, dass an die 8 Millionen Arbeitsplätze fehlen. Die Arbeitslosigkeit ist aber mehr als ein statistisches Problem. Hinter den Zahlen verbergen sich Schicksale von Menschen. In der Öffentlichkeit aber kommen die Arbeitslosen selbst - wenn überhaupt - nur als Zahlen in den Blick. Verborgen bleibt die Auswirkung auf die Menschen, auf ihre Seelen, ihre Existenzen und auf ihr persönliches Umfeld.

Wer über längere Zeit wider Willen arbeitslos ist, hat nicht nur materielle Einbußen zu befürchten. Der Mensch selbst ist betroffen, sein Selbstwertgefühl, seine Lebensfreude und sozialen Beziehungen. Arbeitslosigkeit betriff nicht nur den einzelnen, sondern auch die Familie und das Umfeld, ja die ganze Gesellschaft. Denn wo sich Verbitterung, Zukunftsangst, Perspektivlosigkeit und Resignation breit machen, da ist auch der soziale Friede gefährdet. Die Arbeitslosigkeit ist eine der tiefen Wunden unserer Gesellschaft und „die wohl bedrängendste politische, wirtschaftliche und soziale Herausforderung“ der Gegenwart. So formulieren dies die Deutschen Bischöfe bereits 1997. Von der Bewältigung dieses Problems hängt die Zukunft der sozialen Dimension unserer Gesellschaft ab. Mir als Bischof sind dabei heute zwei Dinge wichtig:

 

Erstens: Zunächst geht es darum, die Arbeitslosigkeit noch stärker ins Bewusstsein unserer Gesellschaft zu holen. Deshalb möchte ich in diesem Jahr Arbeitslose – diese scheinbar vergessene große Zahl von Menschen - zu einem Treffen mit mir einladen und ihnen damit die Möglichkeit geben, von ihren Erfahrungen zu berichten, ihre Desiderate zu formulieren. Ich möchte über Hilfsangebote und Pläne der Diözese informieren und dadurch zu einer Solidarisierung beitragen. Niemand darf falsche Erwartungen wecken. Ich möchte aber durch dieses Treffens dem abstrakten Begriff ‚Arbeitslosigkeit’ Konturen mit einzelnen Gesichtern geben.

 

Zweitens: Als Diözese sind wir selbst auf dem Arbeitsmarkt präsent. Mehr als 20.000 Arbeitsverhältnisse bestehen mit der Diözese, dazu kommen die Beschäftigten des Diözesancaritasverbandes: Fast 30.000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist so einer der größten Arbeitgeber in Württemberg. Daraus erwächst uns die große Verantwortung für diese Menschen, ihre Arbeitsplätze und auch das, was durch sie für die Menschen Gutes geschieht, zu erhalten.

 

Das Thema Arbeitswelt ist daher auch ein Handlungsziel der Pastoralen Prioritäten „Zeichen setzen in der Zeit“. Ohne hier alle Aktivitäten und Initiativen der Kirche nennen zu können, möchte ich doch auf konkrete Beispiele hinweisen:

 

Die Diözese beschäftigt zehn Betriebsseelsorger. Die katholischen Verbände kümmern sich in vielfältiger Weise um die Belange der Arbeitswelt und um erwerbslose Menschen. In der Diözese engagieren sich viele Initiativen in unterschiedlicher Trägerschaft, die mehr als 1.000 Plätze für Beschäftigung, Qualifizierung und sozialberaterische Begleitung bieten. Ein besonderes Projekt, der Arbeitslosigkeit positiv zu begegnen, ist das Kooperationsprojekt von Diözese und Caritas für Beschäftigung und arbeitsmarktpolitische Dienstleitung, kurz Koka. Ziel von Koka ist es, in den Sozialunternehmen und Bildungseinrichtungen der Diözese Maßnahmeplätze für Arbeitssuchende einzurichten.

 

Hierfür wird derzeit ein Netzwerk von Einrichtungen der Sozialwissenschaft, einem arbeitsmarkpolitischen Dienstleister und den zuständigen öffentlichen Partnern aufgebaut.

Wenn die Kirche selbst eine so große Zahl von Arbeitsplätzen vorhält, versucht, die Arbeitswelt human mitzugestalten, sich für Arbeitslose einsetzt, und Initiativen ergreift, Arbeitslosigkeit nicht als Verhängnis zu sehen, springt sie nicht auf ein gesellschaftliches Modethema auf. Sie handelt vielmehr im Auftrag der eigenen Froh-Botschaft zum Heil der Menschen, aus der Kompetenz der katholischen Soziallehre, für eine humane und zukunftsfähige Kultur unserer Gesellschaft.

 

Unterstützung der Familie

 

Nun zum zweiten Thema: Unterstützung der Familien

 

„Familien wollen wir stärken“ steht als Beschluss in unseren Pastoralen Prioritäten. Denn angesichts der demographischen Entwicklung Deutschlands geht es beim Einsatz für die Familie mehr denn je um eine fundamentale Zukunftsfrage unserer Gesellschaft. Die katholische Kirche betrachtet die Familie als grundlegende Weise des Zusammenlebens, als Lebensform, die dem Grundbedürfnis nach Annahme, Zuwendung, Schutz und Orientierung am meisten entspricht. Familien sind das ‚soziale Biotop’, in dem Mitmenschlichkeit und soziales Verhalten erfahren und eingeübt werden. Dabei beginnt die Stärkung der Familien mit der konkreten, das pastorale Handeln bestimmenden Wahrnehmung von deren tragender Bedeutung für Kirche und Gesellschaft. So erschließen sich Möglichkeiten, ihre Belange, Erfahrungen, Kompetenzen, Nöte und Bedürfnisse in der Kirche zur Geltung zu bringen. Wo dies geschieht, ist die Kirche bereits familienpolitisch wirksam!

 

Die Kirche hat aber nicht nur die Aufgabe, Familien unter den gegebenen Bedingungen pastoral zu stärken und zu unterstützen, sondern auch an der Schaffung familiengerechter Bedingungen mitzuarbeiten. Von besonderer Bedeutung ist, dass wir Familienpolitik als Querschnittsaufgabe begreifen lernen und die politischen Akteure und die gesellschaftliche Öffentlichkeit darauf hinweisen. Familienpolitisch relevante Richtungsentscheidungen fallen in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, in der Renten- und Gesundheitspolitik, Wohnungsbau- und Infrastrukturpolitik ebenso wie in Bildungs-, Medien-, Finanz- und Sozialpolitik und an vielen anderen Orten mehr. Aber ein familienfreundliches Klima einer Gesellschaft ist nicht nur eine Frage strukturpolitischer Maßnahmen, sondern hängt am Grad der Wertschätzung der familiären Lebensform. Diese korrespondiert wiederum mit dem bestimmenden gesellschaftlichen Wertesystem. In allen diesen Dimensionen vermag Kirche in ihrem Einflussbereich bewusstseinsbildend zu wirken. Diese Bewusstseinsbildung wird nicht möglich sein ohne eine wirksamere öffentliche Präsentation der kirchlich verantworteten Ansätze, die leider kaum bekannt sind. Daher möchte ich zwei konkrete Beispiele kurz vorstellen.

Einer Diözese als Dienstgeberin, als Arbeitgeberin eröffnet sich ein eigener Gestaltungsraum für die Entwicklung von Modellen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Erfahrungen, die diesbezüglich derzeit in der Diözese Rottenburg-Stuttgart gemacht werden, sind ermutigend. Das Bischöfliche Ordinariat beteiligt sich erfolgreich am Audit ‚Familie und Beruf’. Ziel ist es zu prüfen, ob die dauerhafte Einrichtung flexibler Arbeitsplätze unter dem Aspekt der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie den beiderseitigen Interessen des Dienstgebers und der Beschäftigten entspricht und wirtschaftlich vertretbar ist. Auch die Personalpolitik einer Diözese ist ein Bereich, in dem sie familienpolitische Signale setzen kann und muss. Gerade in Zeiten rückläufiger Ressourcen und notwendiger Reduzierungen zeigt sich, von welchen familienpolitischen Überlegungen sich eine Diözese in ihren personal- und tarifpolitischen Entscheidungen leiten lässt. Es geht hierbei sowohl um die Glaubwürdigkeit als auch um die gesellschaftspolitische Wirkung kirchlichen Handelns. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde vor einigen Jahren ein familienpolitischer Arbeitskreis eingerichtet, in dem die verschiedenen Akteure aus dem Gebiet der Familienpolitik in regelmäßigen Abständen zusammenkommen, um sich zu informieren und Positionen und Strategien abzustimmen. Mitglieder in diesem Arbeitskreis sind diözesane Dienststellen und Einrichtungen, das Katholische Büro sowie einschlägige Verbände. Der Arbeitskreis hat sich zwischenzeitlich zu einem wichtigen Instrument familienpolitischen Agierens entwickelt und zur Verbesserung wirksamer Strukturen beigetragen.

Auch im Blick auf die Familie gilt - wie bei den Fragen von Arbeit und Arbeitslosigkeit: Familie ist nicht einfach ein kirchliches Steckenpferd, sondern von elementarer Bedeutung für unser Gemeinwesen, seine Humanität und Zukunftsfähigkeit. Wenn sich Kirche hier einsetzt, engagiert sie sich für das Wohl unseres Zusammenlebens, für unser aller gute Zukunft.

 

IV. Woraus wir unsere Hoffnung schöpfen

 

Angesichts vieler Erfahrungen unserer Zeit fragen wir zurecht: Ist nicht unser Tun mehr von Vergeblichkeit gezeichnet denn von Erfolg gekrönt? Manchmal werden wir gefragt, warum wir nicht an dieser Welt verzweifeln, sondern trotz allem aus Zuversicht handeln. Im letzten Jahr fand in Ulm der Katholikentag statt mit dem Leitwort „Leben aus Gottes Kraft“. Wir haben damit die Quelle benannt, aus der Christen ihre Kraft schöpfen, zuversichtlich leben, ihr Leben gestalten und sich zum Heil der Menschen einsetzen. Als Christen leben wir nicht aus eigener Vitalität, sondern aus Gottes Kraft. Oft genug erfahren wir unsere Unzulänglichkeit und Erfolglosigkeit, ja die Ohnmacht in unserem Tun. Diese Erfahrung teilen Christen aller Zeiten miteinander. Sie teilen diese Erfahrung aber nicht in resignativer Weise, sondern unter von Hoffnung getragener und hoffnungsstiftender Perspektive.

 

Um immer wieder aus dieser Quelle der Kraft zu schöpfen, haben wir in unseren pastoralen Prioritäten auf die Stärkung des geistlichen Lebens einen besonderen Schwerpunkt gelegt. Weil wir wissen, dass wir in unserem Tun nicht aus uns selbst leben, wollen wir auch in der Pastoral christliche Spiritualität stärken und so die Kraft gebende Beziehung zu Gott vertiefen.

 

Zu diesen Quellen der Kraft gehört das Hoffnungspotential, das uns die Heilige Schrift bereithält. Zu diesen Quellen der Kraft gehört der Schatz, den die Sakramente öffnen. Insbesondere die Eucharistie erschließt uns diese Quelle der Kraft auf einzigartige Weise durch die Vergegenwärtigung der Heilsgestalt und des Heilshandelns Jesu Christi. Das Jahr der Eucharistie, das wir 2005 begehen, lädt uns ein, uns in dieses Kraft gebende Geheimnis zu vertiefen.

 

Zu unseren Quellen der Kraft gehört schließlich auch das Hoffnungspotential, das Christen aus dem Wissen um ihre Identität und die Einzigartigkeit der christlichen Botschaft erwächst. Wir wissen, dass der Ursprung des frühen Christentums als einer die damalige heidnische Welt prägende Kraft in den Taten der Liebe zu suchen ist und nicht im Schwert der Eroberung: Die überzeugende Kraft des Christentums ist die dem Anderen heilsam zugewandte Lebensweise. In diesem Zusammenhang danke ich dem Bundespräsidenten für seine deutlichen Worte vor wenigen Wochen in Tübingen: dass nämlich mit dem Eintritt des Christentums in die antike Welt die moralische Pflicht zur Hilfe und Fürsorge für den anderen eine Dringlichkeit erhalten habe, die es vorher und anderswo so nicht gegeben hätte. „Das Gebot der Nächstenliebe wurde direkt mit dem Verhältnis zu Gott verknüpft. Und der Nächste, das war potentiell jeder andere, gerade der Ärmste.“

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die großartige Botschaft des Evangeliums Jesu Christi ist – das ist meine Überzeugung - zugleich mit Blick auf die Menschen die aktuellste Botschaft für unsere Zeit. Welche Religion denkt größer vom Menschen? Jeder Mensch genießt als Gottes Geschöpf, als sein Ebenbild höchste Würde. Hieraus ergeben sich Rechte und Pflichten gegenüber sich und der Gemeinschaft, gegenüber seinem Nächsten, der ist wie wir selbst: Gottes Ebenbild auf Erden.

 

Der Philosoph Jürgen Habermas formulierte das so: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“ Soweit Habermas.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor einhundert Jahren revolutionierte ein bis dahin unbekannter Patentamt-Angestellter in Bern mit seiner Speziellen Relativitätstheorie das Weltbild der Wissenschaft. Daher begehen wir 2005 auch das Jahr von Albert Einstein und feiern ihn als großen Wissenschaftler. Ob er wohl auch als der große Kritiker gehört wird? Denn von ihm stammt der Satze: „Perfektion der Mittel und Konfusion der Ziele kennzeichnen meiner Ansicht nach unsere Zeit.“ Wie wahr! Um dieser Konfusion beim Gestalten abzuhelfen, bedarf es der orientierenden Kraft des Christentums.

 

In diesem Sinn ermuntere ich ausdrücklich zu einem offenen und konstruktiven Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft. Ich lade dazu ein, die Chancen zu nutzen, die das humanisierende Potential des Christentums für die Gesellschaft von heute und die Welt von morgen bereithält.

 

Ich wünsche ihnen allen für das Jahr 2005 Freude zu leben, Kraft zu lieben und Hoffnung zu handeln. So vermögen wir, getragen von der Liebe Gottes, Zukunft gestalten. Ein gesegnetes Neues Jahr 2005!