Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am Ersten Weihnachtsfeiertag 2004

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Jes 52,7-10; Joh 1,1-18

Liebe Schwester und Brüder,

Sie sind gekommen zur Feier des Weihnachtsfestes. Wir sind versammelt, zur Freude an diesem großen Fest der Liebe. Es ist gut, unseren geschäftigen Alltag zu unterbrechen und das, was uns belastet, hinter uns zu lassen. Und doch: Jeder bringt sein Leben mit, manch einer seine Sorgen und Nöte, seine Bedrängnis.

Gott ist Mensch geworden - in Jesus von Nazaret in einer bestimmten Zeit. Und wenn wir dieses Geburtsfest des Gottessohnes heute feiern, dann feiern wir Gottes Menschenwerdung heute in unserer Zeit.

Was bedeutet Gottes Menschwerdung in unserer Zeit, in einer Welt, die nicht nur mir immer gnadenloser vorkommt? Mehr und mehr Menschen erfahren sich nicht mehr gerecht behandelt. Mehr und mehr Menschen erfahren sich in ihrer Würde nicht mehr geachtet; fühlen sich unbeachtet und vergessen, ja kommen sich verachtet vor, weil sie zu wenig bringen oder zu gering sind. Ja, es gibt sie, die Verachteten und ungerecht Behandelten in unserer Zeit; die Menschen, die in unseren Tagen in Not und Bedrängnis sind.

Verachtet werden schlägt Wunden. Ungerecht behandelt werden schlägt Wunden. Eine Wunde wird geschlagen, wo ein Mensch sich wie weggeworfen vorkommt, weil er bescheinigt bekommt: du wirst nicht mehr gebraucht und bist zu nichts mehr nützlich. Zu nichts mehr zu taugen, ein austauschbares Etwas zu sein, das ist schlimm. Manche, die arbeitslos sind und werden, erfahren dies so. Und, liebe Schwestern und Brüder, es erscheint ja fast nicht mehr schick, in dieser Stunde von ihnen zu reden von den vielen Millionen ohne Arbeit. Sie stören ja bloß unsere Ruhe. Der Stellenabbau ist weitergegangen in diesem Jahr. Das ist nicht gerecht.

Eine Wunde wird geschlagen, wo ein Mensch sich bloß noch auf andere angewiesen erfährt, wo andere ihn seine Abhängigkeit spüren lassen, wo er sich überflüssig und belastend verkommt. Manche, die heute krank werden, oder anderer Hilfe bedürfen, oder alt geworden sind: manche von ihnen erfahren sich so und werden des Lebens überdrüssig. Das ist der Menschen nicht würdig. Wo solches geschieht, das ist der Mensch kein Mensch mehr. Er wird sich selbst ein Fremder und heimatlos. So kann keiner leben.

Aus solcher Entfremdung seiner selbst wieder ins Leben geführt werden, wieder zum Leben erweckt werden: das heißt gerettet, erlöst, geheilt werden.

Und Gott ist Mensch geworden, um uns zu erlösen, von den unmenschlichen Mechanismen, denen wir ausgeliefert sind und nach denen wir selbst handeln.

Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten, um uns aus dem Leben der Entfremdung zu führen in das Land heilen Lebens. Gott ist Mensch geworden, um die Wunden zu heilen, die Menschen einander zufügen.

Heute ist euch der Heiland geboren, der Retter aus Not und Bedrängnis, der Erlöser der Welt. „Gottes Sohn ist Mensch geworden, damit ER uns rette“ sagt der Heilige Vinzenz von Paul. - Und „Gottes Sohn wurde Mensch, damit der Mensch seine Heimat finde in Gott“ sagt Hildegard von Bingen, die große Mystikerin. In Gott Heimat haben, das rettet und heilt.

In unserer Zeit, in der es mehr und mehr ungerecht zugeht, wir vielen Menschen nicht mehr gerecht werden und ihre Würde verletzen, da brauchen wir neu diese Heimat in Gott, der uns zum Retter und Heiland wird.

Als das Weihnachtsfest als letztes der großen Feste in den Festkreis aufgenommen wurde, hat die Kirche das getan, um damals im römischen Reich der vergöttlichten Kaiser Gerechtigkeit und Würde gegen das herrschende Unrecht und die Würdelosigkeit der Zeit aufzurichten. Gerechtigkeit und Würde des Menschen, die ihm von Gott kommen. Die Christen haben sich besonnen, das Christus nach der alttestamentlichen, prophetischen Verheißung die wahre Sonne der Gerechtigkeit (Mal 4,2) ist. In der Geburt des Gottessohnes als Menschenkind ist in der Zeit, Gerechtigkeit für die Menschen und einzigartige, unverlierbare Würde für jeden erschienen.

Aus Unrecht und Verachtung sind wir gerettet durch das Kind, das heute geboren wird. Gott nimmt sich unser an. Als Mensch zeigt Jesus in seinem Leben, dass Gott gerecht ist, ein Helfer zu Würde und Gerechtigkeit – so ist Jesus den Menschen begegnet, deshalb sind sie ihm nachgefolgt, deshalb haben die ersten Christen aus seinem Geist gehandelt und Menschen in Not und Bedrängnis gerettet, geheilt, befreiend behandelt: würdig und gerecht.

Vinzenz von Paul setzt seinen Satz fort. „Gottes Sohn ist Mensch geworden, nicht nur, damit ER uns rette, sondern dass wir selber Retter würden wie Er, indem wir mitarbeiten am Heil der Menschen.“

So ist die Geburt des Gottessohnes uns ein Impuls zum Handeln: Zum Mitarbeiten am Heil der Menschen: dass Menschen Gerechtigkeit geschieht, dass sie Achtung erfahren und ihre Würde wiederhergestellt wird und sie gerecht behandelt werden. Arbeiten wir mit am Heil der Menschen! Werden wir Mitarbeiter des menschgewordenen Gottes: Wunden unseres Zusammenlebens heilen, wo Menschen spüren, dass sie unersetzbar und einmalig sind. Dass sie gebraucht und als einzigartige Menschen geachtet und wertgeschätzt werden. So werden wir ihnen gerecht.

Wunden unseres Zusammenlebens werden geheilt, wo alle, die Verantwortung tragen, Menschen wieder in Arbeit und Brot bringen, damit sie in Selbstachtung und Würde ihr Leben in die Hand nehmen können. Das ist gerecht.

Die Wunde eines Menschen wird geheilt, wo ein Mensch, der auf andere angewiesen ist, nicht den Eindruck haben muss, dass er bloß noch zur Last fällt. Wo die heute Kranken, die alt und pflegebedürftig gewordenen, ja die Sterbenden, unsere Nähe als hilfreich und heilsam erfahren. Das ist des Menschen würdig.

Wo solches geschieht, werden Menschen wieder zu Menschen. Da ereignet sich Menschwerdung in unserer Zeit: sich wieder selbst bejahen und seine Situation annehmen können. Da fühlt ein Mensch sich im Leben wieder zu Hause. So kann er wieder leben, so kann er gerettet, erlöst, geheilt werden. So kann er wieder Aufstehen zum Leben.

„Gottes Sohn ist Mensch geworden, damit ER uns rette, und dass wir selber Retter würden wie Er, indem wir mitarbeiten am Heil der Menschen.“ Dieses Wort des Heiligen Vinzenz von Paul gebe ich ihnen mit zum Weihnachtsfest, zum Fest der Menschwerdung.

Amen.