Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt am Fest der Erscheinung des Herrn 2005

Stuttgart, Konkathedrale St. Eberhard

Schrifttexte: Jes 60,1-6; Mt 2,1-12

Liebe Schwestern und Brüder,

‚Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihn anzubeten!’ Mit dieser Begründung und Absichtserklärung kommen die Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem. Und als sie das Kind finden, fallen sie vor ihm nieder und huldigen ihm. Das ist die Botschaft des Festes Erscheinung des Herrn: Gott erscheint vor den Kennern und Könnern, vor der Weisheit der Welt, im kleinen Kind im Stall.

So entsteht vor unseren Augen ein wunderbares Bild: Hirten und Könige sind an der Krippe versammelt, die einfachen Menschen und die Deuter der Zeichen der Zeit, Menschen aus allen Schichten erkennen in der Geburt in der Krippe von Bethlehem die entscheidende Zeitenwende und brechen deshalb dahin auf.

Die Erscheinung des Herrn, das Kind in der Krippe war für die Hirten wie für die Weisen der Morgenstern, der ihr Leben veränderte. Aber die Lesung weist uns darauf hin, dass dieses scheinbar private Ereignis in einem großen Zusammenhang steht. "Auf Jerusalem, werde Licht" ruft der Prophet der heiligen Stadt zu, die nach den Jahren der Vertreibung wieder besiedelt wird, "denn die Herrlichkeit Gottes erstrahlt über dir". Gott schenkt seinem Volk Licht, neuen Anfang, Zukunft.

Bewegung und Begegnung. Darauf kommt es in der Geschichte von den Sterndeutern an. Mit der religiösen Hoffnung des Volkes Israel hatten diese Weisen aus dem Osten bislang nichts zu tun gehabt. Doch dann ließen sie sich von einem himmlischen Zeichen in Bewegung setzen, ein Licht war ihnen aufgegangen. Ihr Weg führte aus weiter Ferne herbei, über Grenzen hinweg und durch Wüsten hindurch. Sie suchten ein Ziel, das ihnen nicht mehr genommen werden konnte. In ihnen brannte die Sehnsucht nach Sinn und Erlösung, nach einer neuen Qualität ihres Lebens, nach einer Freude, die sie sonst von nichts und von niemandem erhalten hatten. Die Sterndeuter aus dem Osten verharren daher nicht im Begrenzten, Engen. Das gedeutete Zeichen ermutigt sie zum Aufbruch in die Weite.

Und wie ist das bei uns? Kleben wir nicht manchmal am Boden, wenn doch nur ein kleiner Schritt uns in die Weite des Friedens, in die Möglichkeit der Begegnung, in den Lebensraum der Versöhnung führen würde? Wir hocken in den Löchern unserer Erdenschwere, ohne es zu wagen, in die Freiheit aufzubrechen, in die Freiheit der Liebe, die wirklich alles verändert.

Nicht so jene Sterndeuter aus dem Osten, sie gehen auch dann weiter, als sie das Königskind nicht im Palast des Herrschers finden, als ihnen für ihre Schritte nur Unaufrichtigkeit und Abneigung entgegengebracht wird, als ihnen der Hass entgegenlodert. Sie geben auch dann nicht auf, als sie das Kind armselig im Stall finden, nicht mächtig, nicht angesehen, nicht bestaunt und verehrt von den Vielen. Doch gerade im engen Stall erfahren sie es und wir alle können es mit ihnen spüren: In welche Weite hat sie das Zeichen und hat sie der Aufbruch geführt! Alle Engherzigkeit ist überwunden.

Aus ihren Händen geben sie, was dem König zugedacht ist. Vor dem kleinen Kind neigen sie sich und bringen ihm ihre Gaben. Fühlen wir uns angesprochen? Mit den Sterndeutern sind Menschen gemeint, denen bewusst ist, dass Erfolg, Ansehen und Wohlstand, auch gute Beziehungen nicht genügen; Menschen, die unbeirrbar suchen und überzeugt sind, dass ihre Sehnsucht erfüllt werden wird.

Sind wir selber solche Menschen? Haben wir eine Aussage wie die eben genannte verinnerlicht, lässt sie uns aufhorchen und staunen, oder behält uns unser Stehvermögen unbeeindruckt? Spüren wir in uns so ein königliches Bemühen um eine intensive Begegnung mit Jesus Christus? Ich bin froh und dankbar, dass der diesjährige Weltjugendtag eben an diesem Impuls anknüpft und so die Möglichkeit bietet, aufzubrechen und Jesus Christus neu zu finden. Das Motto des Weltjugendtages ist denn auch dem heutigen Tagesevangelium entnommen und lautet: ‚Wir sind gekommen, um ihn anzubeten.’

Um wie die Sterndeuter aus gesicherten Lebensumständen aufzubrechen, alles hinter sich zu lassen und auf unbestimmte Zeit in ein ungewisses Land zu ziehen, braucht es eine starke Motivation. Neugier oder die Lust auf einen kurzen Kick reichen da nicht aus. Vielmehr bedarf es einer großen Leidenschaft, ja einer Sehnsucht, um wirklich aufzubrechen und neu zu finden.

Was aber, liebe Schwestern und Brüder, könnte es größeres geben, als die Leidenschaft für Gott, die Sehnsucht nach einem Leben mit Gott? Ein Leben, das von der Kraft Gottes geprägt ist und sich von seiner Liebe ziehen lässt, könnte den Satz der jüdischen Dichterin Nelly Sachs Wirklichkeit werden lassen, die sagt: Alles beginnt mit der Sehnsucht.

Antoine de Saint Exupéry beschreibt in seinem Buch "Stadt in der Wüste" diese Sehnsucht so: "Mensch - du hast nichts zu erhoffen, wenn du blind bist gegenüber jenem Licht, das nicht von den Dingen, sondern vom Sinn der Dinge kommt. Ich finde dich vor deiner Tür und frage dich: Was treibst du? Und du weißt es nicht und klagst über das Leben. Kind ohne Spiel, das du nicht mehr zwischen den Zeilen zu lesen verstehst. Ich setze mich zu dir. Die Angst hält dich gefangen, dass du nicht mehr werden könntest. Du wirst den Frieden nicht finden, wenn du nichts verwandelst. Wenn du nicht Weg wirst und Gefährt. Du willst der Welt etwas entreißen, damit es für dich sei. Aber so wirst du nichts finden. Denn ich habe bemerkt, dass einer nicht mehr derselbe ist, der sich auf den Weg gemacht hat. Denn du bist nichts als Weg - und du kannst nur von dem leben, was du verwandelst."

Sehen, deuten und aufbrechen, das ist auch die Botschaft für unser Leben. Dieser Weg führt uns ins Weite, lässt uns „Weg sein und Gefährt“ und lässt uns das Ziel finden, das Kind in der Krippe, den herunter gekommenen Gott. Wir finden Gott nur, wenn wir ihn da suchen, wo er zeichenhaft da sein will. Als Stern, der uns erinnert, dass wir mit unserem Leben nicht stehen bleiben, sondern aufbrechen. Als Menschen neben uns, der unsere Schwester, unser Bruder ist. Im Sakrament, in dem in Brot und Wein Jesus der Christus für uns greifbar gegenwärtig ist.

Amen.