Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt anlässlich der Bussenwallfahrt

Uttenweiler

Schrifttext: Apg 10,34-48; Eph 4,1-6; Joh 15,26-16,15

Liebe Wallfahrer und Wallfahrerinnen!

"Aufstehen für das Leben!" steht als Motto über der diesjährigen Wallfahrt der Männer mit ihren Familien auf den Bussen, den heiligen Berg Oberschwabens. Ich grüße Sie alle und danke Ihnen, dass Sie sich aufgemacht haben aus allen Himmelsrichtungen an diesen Pfingstmontag und aufzustehen für das Leben! Sie wissen, dass dieses Wort auch die Überschrift ist über einer unser pastoralen Prioritäten: Aufstehen für das Leben, ein zentrales Thema unserer Tage, das mehr als wir auf den ersten Blick ahnen mit dem Fest zu tun hat, das wir feiern: Pfingsten, Herabkunft des Gottesgeistes. Es ist nämlich der gottesgeist, der uns befähigt und stärkt, für das Leben in seinen ganz bedrohten Phasen einzustehen. "Komm Heilger Geist der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft." (GL 241) So beginnt eines unserer großen Pfingstlieder. Und wahrhaftig, Gottes Geist schafft Leben und gibt uns die Kraft aufzustehen für das Leben. Ein pfingstliches Motto also über diesem Jubiläum von 1200 Jahren Bussen – heiliger Berg im Herzen Oberschwabens. Lassen Sie uns über diesen Zusammenhang nachdenken.

Die Apostelgeschichte berichtet uns – wir haben das in der Lesung von heute hören können - wie Petrus von Jesus Christus Zeugnis gibt. Und dann steht da: ‚Noch während Petrus sprach, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten.‘ - Durch das Hören der Botschaft, die Jesus Christus uns gebracht hat, kommt Gottes Geist auf die Hörer herab und ergreift von ihnen Besitz: damals wie heute hier bei uns. Aus Jesu Botschaft, aus seinen Worten und durch sein Handeln an uns Menschen spricht Gottes Geist zu uns. Denn "Gott hat Jesus von Nazaret gesalbt mit dem Heiligen Geist und mit Kraft." (Apg 10,38) Aus Jesu Worten und Taten, aus der Art, wie er den Menschen begegnete und an ihnen handelte spricht also der Gottesgeist, der Heilige Geist. An Jesus selbst können wir ablesen wie der Gottesgeist wirkt.

In den Evangelien hören wir wie Jesus zu Menschen spricht und was er ihnen gutes tut. Und wir erfahren, dass es allermeist solche Menschen sind, die es nötig haben, dass einer für sie eintritt. "Nicht die Gesunden, die Kranken brauchen den Arzt!" sagt er selbst über seine Sendung. So tritt Jesus ein für solche Menschen, die anderen schutzlos ausgeliefert sind, oder arme Menschen, die nichts haben, die von anderen missachtet werden. Er tritt ein für die ungebildeten, für Menschen, die keine Beziehungen haben und keine Lobby. Da sind die Menschen die betrübt sind, die trauern und verzweifelt sind, Menschen voller Angst zu versagen oder solche, die große Schuld auf sich geladen hatten und deshalb von allen gemieden werden. Solche Bedürftigen, Betrübten und Bedrückten aller Art hilft Jesus durch Wort und Tat auf. Heute würden wir sagen, es sind die Schwachen, für die er eintritt und die er schützt. Gottes Geist gibt durch Jesus den Schwachen Kraft und Mut. Ihnen hilft Gottes Geist auf.

Viele solche Schwache und Bedrängte aller Art gibt es auch heute. Zu den Allerschwächsten in unseren Tagen gehören die Kinder. Wer würde das nicht besser verstehen als Sie hier an diesem Ort, wo soviel für Kinder und um Kinder gebetet wird. Der Schutz des Lebens von Menschen ganz am Anfang ist heute durchlöchert. Der Mensch im Werden, ganz schutzlos, ist bedroht, durch Forschungsinteressen, die Embryonen zu manipulieren und zu töten, um damit Forschungs- und Experimentiermaterial zu gewinnen. Der Mensch im Werden ist bedroht, weil man beginnt, ihn zu kopieren, zu klonen, aus Gottes einmaligem Geschöpf Duplikate, Klone, identische Kopien zu machen. Die Originalität und Einzigartigkeit des Geschöpfes Mensch wäre zerstört. Mich gibt’s reihenweise, gleichzeitig zu mir und nacheinander. Welch eine Vorstellung! Im Reagenzglas werden die gezeugten Embryonen gestestet, nur die perfekten werden am Leben gelassen oder die die sich die biologischen Eltern wünschen, das Leben anderer wird abgebrochen. Liebe Schwestern und
Brüder auch im Leib von Müttern wird vielen kleinen Menschen ganz am Anfang ihr Leben geraubt, noch bevor sie es erahnen können. Wer aus Gottes Geist lebt und die Schwächsten schützen will, den kann dies nicht tatenlos lassen. Stehen wir hier auf für das Leben, stehen wir ein für das Leben. Komm Heil’ger Geist, der Leben schafft.

Für uns Christen ist das menschliche Leben heilig, auch wenn es nicht perfekt ist, auch wenn es nicht gelegen kommt oder sich ungeplant einstellt. Nichts geht über die Würde menschlichen Lebens: jedes Leben eines Menschen ist heilig und seien es die Schwächsten und Unansehnlichsten und am wenigsten Leistungsfähigen. Diese Würde des Menschen gilt es heute zu verteidigen: für die Heiligkeit des Lebens einstehen, Lobbyisten des Lebens zu sein, das ist eine der Früchte des "Heiligen Geistes, der Leben schafft!"

Noch auf eine andere Weise ist das Leben bedroht. Immer weniger Frauen und Männer schenken in Europa Kindern das Leben: besonders bei uns in Deutschland. In Skala der wohlhabendsten Länder stehen wir an siebter Stelle aller Nationen dieser Erde. In der Geburtenzahl der Kinder stehen wir auf dem 172sten Platz, dem letzten Platz. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich aus vielerlei Gründen gegen Kinder, immer weniger Menschen entscheiden sich für Kinder. Was auch immer die Gründe sind, wir sind ein von der Einstellung her und im Ergebnis kinderfeindliches Land geworden. Viel mehr als alle Wirtschaftsprobleme, die wir haben macht mir dies Sorge. Ein Land, das keine Kinder mehr hat, hat keine Zukunft mehr. Immer weniger Kinder und dann Jugendliche und dann Erwerbsfähige und immer mehr Alte, Pflegebedürftige. Eine immer kleiner werdende Zahl nachwachsender Menschen muss eine immer größer werdende Zahl von Menschen finanziell tragen. Wir leben heute als kinderarme Gesellellschaft auf Kosten der Zukunft. Denn dann noch übrigen Kindern bürden wir ungeheure Lasten auf – uns als Alte zu pflegen und zu versorgern, zu finanzieren. Das Verhältnis der Generationen wird gestört und schließlich zerstört. Das ist die Folge davon, dass wir Kinder beiseite schieben, sie nicht mehr wollen.

Eine Wirkung des Gottesgeistes, der in ihm lebt wirkt sich so aus, dass Jesus den Jüngern, die die Kinder beiseite schieben, weil sie angeblich stören in die Hand fällt und sagt: "Lasset die Kinder zu mir kommen!" – Er stellt die Kinder in die Mitte! – Wer aus Gottes Geist lebt, der ist nicht kinderfeindlich, sondern kinderfreundlich. Ja, liebe Schwestern und Brüder, sich für Kinder zu entscheiden und Kinder zu lieben, das ist nicht zuerst eine Frage des Geldes, sondern der inneren Einstellung, die lebt aus dem Vertrauen auf den Schöpfergeist. Wer hätte für diese Zusammenhänge von Religion, Gottesglaube und Zukunfts-Hoffnung nicht mehr Verständnis als Sie an diesem Ort, auf diesem Heiligen Berg, wo so viel zu Gott gebetet wird, auch und besonders für und um Kinder. Solche Beter bitten und beten um eine Zukunft für uns alle. Ich danke allen Frauen und Männern, Vätern und Müttern, die bereit sind Kindern das Leben zu schenken und das Leben der Kinder von Anfang an zu schüzten. Sie, die oft von anderen belächelt werden, sind die wahre Zukunftssicherung unserer Gesellschaft, sie sind die verdienstvollsten Menschen. Sie, liebe Eltern von Kindern stehen tagtäglich auf für das Leben, für unsere Kinder, für unsere Zukunft, auch für die Zukunft derer, die einmal später von ihren Kindern leben und versorgt werden.

Aufstehen für das Leben: Der Geist Jesu Christi braucht Begeisterte, die ihn mit Feuer so bezeugen, dass andere angesteckt und mitgerissen werden. Der Geist Jesus Christi ist der Geist, der Leben schafft. Auch durch uns. Die oft kleinen Taten von Liebe und Verzeihung, ein liebevoller Blick oder der Verzicht auf eine billige Rache, eine hilfreiche Hand oder das gemeinsame Tragen einer schwierigen Situation, eine tröstende Geste oder eine Aufmerksamkeit können solches Zeugnis sein. Aber Aufstehen für das Leben heißt eben auch in den zentralen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit Stellung zu beziehen und einzutreten für die unabdingbare Würde jedes Menschen. Aufzustehen für das Leben von seinem allerersten Beginn bis hin zu seinem letzten Atemzug. Auch an Ende des Lebens ist die Würde des Sterbenden bedroht.

Das Brauchtum unserer Wallfahrt hier auf den Bussen an diesem Pfingstmontag erinnert uns an diese erste und letzte Wahrheit christlichen Glaubens. Christsein heißt Menschsein für den anderen, Frohe Botschaft ereignet sich da, wo wir füreinander und für die, die es nötig haben, aufstehen für das Leben, das ereignet sich meist in den kleinen Taten und Gesten des Alltags, aber auch und heute ist dies besonders wichtig, dort wo wir uns gesellschaftlich einmischen und dem lebensfeindlichen Geist mit dem Heiligen Geist entgegentreten.

Amen.

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