Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt bei der Feier der Wiedereröffnung des renovierten Doms

Rottenburg, Dom St. Martin

Schrifttexte: Jer 31, 31-34; Joh 12, 20-33

„Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Hause des Herrn wollen wir pilgern!“ (Ps 122,1)

Liebe Schwestern und Brüder!

Viele von ihnen mögen sich von Herzen gefreut haben, als sie heute morgen zur Wiederöffnung des Domes zu Rottenburg aufbrachen. Denn nun können wir uns wieder an diesem Ort des Glaubens und des Gebetes versammeln, der für viele Menschen in Jahrzehnten des Mitfeierns der Gottesdienste zur geistlichen Heimat geworden ist.

Heute sehen wir diesen Kirchen-Raum ganz verändert und in neuem Glanz wieder. Der Innenraum der Domkirche hat ein neues Gesicht erhalten. Heller, freundlicher, moderner, zeitgenössischer ist er geworden: Ein Raum voller Licht im Innern. Aber auch von außen strahlt - gebrochen in bunter Farbigkeit - das Licht durch die Fenster. Eine offene Atmosphäre voller Ausstrahlung.

Aber: Ist das nicht zu schön um wahr zu sein? Steht dieser lichte, glanzvolle Raum nicht in Kontrast zu den schwierigen Zeiten, die wir erleben?

Der Krieg im Irak und das vielfache Sterben von Menschen wühlt uns alle auf! Wir erfahren, was Zerstörung vermag. Aber auch das Leben und Zusammenleben in unserer Gesellschaft sind – wenn auch auf ganz andere Art - durch viele Entwicklungen bedroht. Der Zusammenhalt wird geringer, die soziale Temperatur sinkt und die Bedrohung des Lebens steigt. Die Kräfte der Beschädigung, ja der Zerstörung des Lebens nehmen zu. Und das obwohl – oder gerade weil? – uns Menschen heute durch Wissenschaft und Technologien wie nie zuvor extreme Gestaltungs-Kräfte zur Verfügung stehen. Wie aber können wir diese zum Guten, zum Heil der Menschen, zum Heil der Welt nützen?

Angesichts dieser Situation zugewachsener Verantwortung ruft uns ein der Kirche nicht Nahstehender zurecht zur Verantwortung, wenn er schreibt: „Ohne die Wiederherstellung des Heiligen, d.h. des Unverfügbaren und Unantastbaren, werden wir keine Ethik haben können, die die extremen Kräfte zügeln kann, die wir heute besitzen und dauernd hinzuerwerben.“ (Hans Jonas)

Unser Martins-Dom ist ein Ort des Heiligen; ein lichter Raum, der zugleich eine Ahnung vom Unverfügbaren vermittelt, in besonderer Weise in der neuen Sakramentskapelle. Gleich feiern wir zum erstenmal wieder miteinander Eucharistie im neuen Dom. Die Liturgie ist die Feier des Heiligen und stellt Christus in seiner liebenden Hingabe als Heil der Welt und Brot des Lebens in die Mitte. Nach der Kommunion, liebe Schwestern und Brüder, bringen wir dann die eucharistischen Gaben, den Leib des Herrn, das Brot des Lebens in den Tabernakel der Sakramentskapelle. Diese Kapelle ist so der Ort des Allerheiligsten: Ort der Christusgegenwart im Sakrament des eucharistischen Brotes.

Und über der Sakramentskapelle erhebt sich der Turm und verweist auf dieses Allerheiligste. Wann immer wir diesen Turm sehen, werden wir daran erinnert: Gott ist uns Menschen nahe. Der Domturm ist so im wörtlichen Sinn zum Wahr-Zeichen für die Anwesenheit des Heiligen mitten in der Welt.

Einer, der aus dem Heiligen gelebt und Heiliges getan hat, ist der Heilige Martin. Sein Biograph berichtet über ihn: „Er half den Kranken, unterstützte die Unglücklichen, nährte die Bedürftigen, bekleidete die Nackten und behielt von seinem Lohn nur so viel für sich, als er für seine tägliche Nahrung brauchte.“ In Martin zeigt sich, dass das Heilige und das Menschliche ineinander verwoben sind. Wo immer das Leben v^on bösen Mächten beeinträchtigt, niedergedrückt und zerstört wird, trat er für Menschen ein, da steht er unermüdlich auf für das Leben. Für Martin war jeder Mensch heilig, in seiner Würde unverfügbar und unantastbar! Die bekannte Mantelteilung vor den Toren der Stadt Amiens ist die sprechendste, anschaulichste Tat seiner Liebe zum Nächsten.

Martin ist Patron unserer Domkirche und unserer Diözese, seine Gestalt gibt uns Orientierung, ja Weisung für unsere Zeit: Wendet euch den Schwachen und Bedrückten aller Art zu, unterstützt die Unglücklichen! Er erinnert uns unablässig daran: Die Kirche ist eine diakonische, eine helfende und heilende Kirche. Wo wir reichlich geben, was wir haben, wo wir teilen und so scheinbar ärmer werden an Zeit, an materiellen Gütern oder an Ansehen, da werden wir in Wirklichkeit reicher. In Martins Traum, dass er im Bettler Christus mit dem Mantel bekleidet hat, offenbart sich uns: Im Nächsten begegnen wir Christus, der Arme ist Christus! Das Wort der Schrift „Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, erlebt Martin hautnah - uns zur Verheißung, wo wir unsere Nächsten lieben.

Deshalb freue ich mich sehr, dass der Erzbischof von Tours uns heute eine Reliquie dieses Heiligen Martin überbringt. Denn dieses - sichtbar aufgestellte - An-Denken an Martin wird uns immer erinnern an seine Taten und an die Botschaft, die von ihm ausgeht.

Viele von uns tragen ja ein Andenken bei sich, ein Zeichen, das sie erinnert an einen geliebten Menschen. So verstehe ich die Martinsreliquie: Als Zeichen der Verbundenheit mit ihm, als Zeichen der Erinnerung an den Heiligen. Indem wir uns sein Leben und seine Taten der Nächstenliebe vergegenwärtigen, wird seine Gestalt, sein Tun und Handeln in uns lebendig. Von ihm geht Motivation aus, Kraft zu handeln nach seinem Geist und Vorbild. So ist das Reliquiar ein „Denk-mal!“ an Martin.

Zudem ist Martin mit seinem Lebenslauf, geboren in Ungarn – begraben in Tours, ein europäischer Heiliger. Auch deshalb ist Martin für uns heute so bedeutungsvoll. Denn ich habe die Sorge, dass das größere Europa an dieser zutiefst christlichen, sozialen Dimension Schaden nimmt. Wie kaum ein anderer versinnbildlicht er die soziale, caritative Dimension unserer Kultur und Gesellschaft. Martin ist und bleibt eine Mahnung an uns, dass die Caritas unter uns lebendig sein und bleiben muss.

Aber Martin ist nicht nur ein Mann tätiger Nächstenliebe, sondern auch ein Mann des Friedens. Als junger Mann zum Militärdienst gezwungen, verlässt er das Heer des römischen Kaisers mit den Worten: „Bis heute habe ich dir gedient, erlaube mir, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt zu kämpfen.“ Martin zieht nicht in den Krieg, sondern macht sich auf den Weg der Nachfolge Christi. Er stellt sich in den Dienst Christi und legt deshalb die Waffen nieder! Martin ist ein Friedenszeichen für unsere Zeiten, das Reliquiar ein Friedensmal in unserem Dom.

So wird die Reliquie für uns zur heilsamen Er-Innerung: Indem wir uns an sein Leben und die Praxis seiner Nächstenliebe erinnern, wird seine Gestalt, sein Tun und Handeln in uns lebendig. Der Heilige Martin kann uns eine wirkmächtige Motivation dazu sein, in seinem Geist zu leben, zu glauben und zu handeln. Dies alles – seine tätige Nächstenliebe, seine Christusbegegnung im Bettler, sein Vorbild für caritatives Handeln, seine Ablehnung von Waffen-Gewalt, dies alles meinen wir, wenn wir nachher beim Hereintragen des Reliquiars in unserem Diözesanlied ‚Sankt Martin, dir sei anvertraut’ zurecht auch singen: ‚Sei nun zur Hilf für uns bereit, dass die Gemeinde sich bewährt und Hoffnung trägt in unsre Zeit.’

Martin ist Impuls für unsere ganze Diözese zur Erneuerung nach seinem Vor-Bild.

Amen.