Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt beim Auftaktgottesdienst der Misereor-Solidaritätswanderung 2002

Weingarten

Schrifttexte: 1 Sam 16, 1b.6-7.10-13; Joh 9, 1-5

Liebe Schwestern und Brüder,

 

"Fülle dein Horn mit Öl und mach dich auf den Weg!". Natürlich, wie sollte es hier und heute anders sein, konfrontiert uns die Lesung gleich zu Beginn der heutigen Solidaritätswanderung mit der Aufforderung, aufzubrechen und sich auf den Weg zu machen. Oft ist es nicht leicht, uns für einen Weg zu entscheiden, zu viele Möglichkeiten und Angebote lassen zweifeln, in welche Richtung loszugehen sinnvoll, menschenfreundlich und friedensstiftend ist.

Da ist es gut, mit dem heutigen Evangelium einen regelrechten Kompaß für den Weg zu erhalten, eine vertrauenswürdige Karte, die Orientierung verschafft. Lassen wir uns also von dem an die Hand nehmen, der sich selbst als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnete. Falten wir die Karte der Frohen Botschaft nochmals auf und entnehmen ihr den Weg.

Da steht im ersten Vers: ‚Jesus sah unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.‘ Die Begegnung Jesu mit dem Blinden ist wie ein Schlüssel für unsere Art und Weise der Begegnung mit fremder Not und fremdem Leid. Wie –ein Beispiel- unserer Wahrnehmung der kolumbianischen Straßenkindern. Der in seinen Sinnen schwer Geschädigte, der Benachteiligte, der keine Chance hat, der Außenseiter, an dem alle Welt achtlos vorbeiläuft, er wird wahrgenommen. Jesus sieht gerade den Menschen, der von anderen übersehen wird. Und er sieht ihn so, dass auch seine Begleiter nun auf ihn aufmerksam werden. Also: Durch Jesu offenen Blick und seine wache Sensibilität für die Randfiguren rücken die, die vergessen sind und übersehen wurden, die Blinden oder die Straßenkinder von Kali, wieder ins Blickfeld. Schon hier ist Ungeheures geschehen: Durch Aufmerksamkeit und Empfindlichkeit für den anderen wird ein Mensch erst existent und bedeutsam. Jesus gibt denen, die mit ihm auf dem Weg sind, eine neue Blickrichtung. Er richtet seinen Blick und unsere Aufmerksamkeit auf die, die übersehen werden. Auch der Rückschluß ist möglich: Wer Menschen anblickt, an denen andere vorbeischauen, der ist in der Spur Jesu. Wen sehen wir an? Wen übersehen wir dagegen?

Die Szene geht weiter, das nächste Quadrat unserer Geländekarte: Der Blinde ist im Blick der Jünger, sie machen sich Gedanken über seine Sünden, die fraglos hinter seiner Behinderung stehen werden. Ein typisches, allzu menschliches Denkmuster: Blindheit kommt als Strafe für Sünde, Krankheit als Folge der bösen Tat. Am Leid –oder auch an der Armut- ist man selber schuld, jeder ist seines Glückes Schmied. Ein solches Denkmuster erweist sich hier als schablonenhaftes Gitter, das eine wirkliche Begegnung zwischen dem Blinden und den Jüngern verhindert. Die Jünger halten Not und Elend auf Distanz und wollen eine Diskussion anfangen. Jesus weist sie zurück: ‚Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.‘ Eure Alternative ist völlig falsch, eure Denkmuster sind unangemessen, die Art, so auf das Leid, auf Not und Armut eines Menschen zu reagieren, ist von Grund auf verkehrt. Jesus nimmt seinen Jüngern die gewohnte Möglichkeit, auf solch billige Weise mit fremdem Leid fertig zu werden. In der Begegnung mit einem, der in Not ist, hilft nicht das Herumdisputieren, um dann früher oder später ‚gute Gründe‘ zu finden, das eigene Gewissen zu entlasten und weiter seiner Wege ziehen zu können. Solange es fremdes Leid gibt, sollt ihr nicht fertig werden damit. Nein, ihr sollt es vielmehr zu eurem eigenen Leid machen, mitleiden und die Situation so spürbar verändern. Ein zweiter Lernweg, die Blickrichtung zu wechseln: In der Begegnung mit dem Notleidenden geht es darum zu fragen, was mit ihm geschehen soll? Welche Aufforderung ist sein Leid an mich? Nicht die Frage: Wie konnte er in solche Situation geraten, sondern vielmehr, was bedeutet seine Not für mich? Jesu neue Blickrichtung verwickelt mich in das Leben dessen, der mich braucht.

Und dann noch ein letzter, schwieriger Satz im Evangelium mit dem Blinden: ‚Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.‘ Was ist das Wirken Gottes? Es ist das, was Gott am Menschen tun will: Wirken Gottes ist das, wie Jesus handelt. In seinen Taten wird für uns anschaubar, was Gott am Menschen tun will. Jesus übersieht nicht den, der im Leid ist, sondern schenkt ihm Aufmerksamkeit und Zuwendung. Er blickt ihn an, rückt ihn ins Blickfeld anderer, verleiht ihm Wichtigkeit, ja überhaupt erst Existenz. Er läßt ihn spüren, dass er jemand ist. Und statt Schuld aufzurechnen hilft er, heilt er, gibt dem anderen Menschen, was er wirklich braucht zum Leben. Jesus lehrt die Jünger in seinem Umgang mit dem Blindgeborenen den neuen Blick, er öffnet den Horizont des Reich Gottes: Das Wirken Gottes soll an den Menschen, die es nötig haben –z.B. die Straßenkinder-, offenbar werden. Und Jesus weitet diesen Blick sogleich von sich auf seine Jünger: ‚Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat.‘ Jetzt ist der Tag! Durch Männer und Frauen, die mit Jesus gehen, sollen Werke Gottes getan werden, auf dass das Licht tatsächlich auch Licht der Welt werde. Was für ein letzter Blickwechsel: Jesus hat uns die Augen geöffnet, wir haben neu sehen gelernt, jetzt ist die Karte für den Weg klar!

Liebe Schwestern und Brüder, Glauben hat mit dem Handeln in der Welt und für die Welt zu tun. Wenn Jesus den Anbruch des Reich Gottes verkündet, bricht er es in seinem Erzählen und Handeln gleichzeitig an. Das ist das Glaubwürdige an ihm, dass in ihm Reden und Handeln ganz eins werden, dass die Menschen spüren, der redet nicht nur von der heilsamen Nähe Gottes, sondern er handelt so, dass Gottes Nähe erfahrbar wird.

Christsein ist ein Tu-Wort, Christen sind Menschen der Tat: Das heißt: Die Blickrichtung ändern, losgehen, für die Menschen aufmerksam werden, für die wir die Nächsten sind. Das soll heute im Solidaritätslauf der Misereorfastenaktion geschehen. Der Weg entsteht im Gehen, so heißt es. Christsein wird so ganz konkret und nur so ist es glaubwürdig: Reich Gottes bricht an im Handeln für die vielen Nächsten, die es nötig haben.

Das Thema der diesjährigen Fastenaktion lautet: "Frieden ist TATsache", ein provokatives Wortspiel. Doch nicht, dass Frieden schon überall verwirklicht sei, wird hier verkündet, sondern dass er etwas ist, was die Tat, was entschlossenes Handeln erfordert. Frieden ist ein langer Prozess, und wer Frieden will, der schaffe Gerechtigkeit für die Notleidenden. Frieden ist eine TATsache, die wir nur gemeinsam tun können. Er hat dann eine Chance, wenn immer weniger "tatenlos" zusehen und immer mehr "tatkräftig" anpacken. Der Lohn für unsere Anstrengung ist groß: Denn eine Welt in Frieden bedeutet ein Leben in Gerechtigkeit und in Menschenwürde nicht nur für die Reichen und Starken, sondern für alle Menschen dieser Welt.

Gehen wir los, verändern wir vermeintliche Fakten dadurch, dass wir als Menschen der Tat auskundschaften, was wir tatkräftig bewirken können. "Fülle dein Horn mit Öl und mach dich auf den Weg!" Amen.