Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt beim Diakonentag 2002

Bad Mergentheim

Schrifttext: Jes 5,1-7; Mt 21,33-44

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir alle haben dieses Gleichnis schon oft gehört und kennen seine gängigen Deutungen: Jesus erzählt eine alltägliche Geschichte, aber an jeder Stelle ist spürbar, dass es dahinter um viel mehr, um alles geht.

Die Worte vom ‚bösen Ende für die bösen Menschen’, der zweite Vergleich mit dem Stein, der verworfen wird, schließlich das Endszenario im Satz: ‚Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben, das die erwarteten Früchte bringt.’ Die Hörer damals und wir Hörer heute spüren: Die jesuanische Alltagsgeschichte spricht vom Gericht Gottes und davon, welche Maßstäbe da gelten werden. Schauen wir genauer hin: Der Gutsbesitzer bezeichnet Gott, der angelegte Weinberg sein auserwähltes Volk. Diejenigen, denen das Weingut anvertraut ist, sind religiöse Führer des Volkes, Hohepriester und Älteste, das religiöse Establishment.

Sehen wir hinter den ausgesandten Knechte die Propheten, dann können die eingeforderten Früchte des Weinberges mit der prophetischen Kritik so übersetzt werden: Fesseln des Unrechts, Strukturen der Ungerechtigkeit auflösen, jede Art von Joch zerbrechen, an Hungrige Brot austeilen, Obdachlose und Arme ins Haus aufnehmen, Ernstmachen mit eingeforderten Radikalität diakonischen Lebens. Aber was geschieht: Diese Früchte wollen oder können die Winzer nicht abliefern, im Gegenteil missachten und töten sie die Gesandten Gottes. Denn sie wollen nicht Diener des Heils sein, sie wollen selbst bestimmen, Herren sein statt Treuhänder der Verheißung.

Selbst vor dem letzten Gesandten, dem Sohn des Eigentümers, macht ihr Egoismus, ihre Ich-Sucht nicht Halt. Er wird getötet, weil sie selbst Besitzer und Herren des Weinberges sein wollen. Die Winzer, die den anvertrauten Weinberg hegen und pflegen sollten, verkennen ihre Situation. Sie machen sich selbst zu Herren, wo sie doch Diener des Heils, Mitarbeiter des verheißenen Reich Gottes sein sollten. Die Treuhänder verwerfen den Sohn, weil er ihnen nicht ins Konzept passt, weil er ihnen verquer kommt, weil er unangenehme Wahrheiten ausspricht.

Er erinnert sie an die große Verheißung, aber auch an die entsprechende Praxis. Er fragt sie kritisch nach der Frucht des Verzeihens ohne Ende, nach der Frucht der Befreiung aus Zwang und Angst, nach der Frucht der Barmherzigkeit gegenüber den Sündern, der Frucht der Solidarität mit Schwachen, Armen, Behinderten, Kranken und Ausgegrenzten. Und diese unangenehmen Fragen werden bald mundtot gemacht, der Sohn des Besitzers wird umgebracht, der Stein des Anstosses verworfen.

Die Adressaten des Gleichnisses sind die Zuhörer, damals wie heute. Und nun gilt es uns, sind wir die Hörer seines Wortes. Uns gilt die Anfrage, und hören wir sie wirklich?

Fühlen wir uns als Pächter oder als Besitzer des Reich Gottes? Sind wir selbstherrliche Eigentümer, die nach Gutdünken Heil verwalten und dadurch viel Unheiles anrichten? Oder leben wir als Menschen, denen ein Gut anvertraut ist von Gott, um es in seinem Sinn zu verwalten und zu gestalten? Wollen wir nicht selbst die Herren sein und bestimmen, welche Maßstäbe, nämlich unsere, gelten? Oder sind wir wirklich ‚Hörer des Wortes’, verstehen wir unsere Aufgabe, unseren Dienst an der Verheißung? Leben wir so, wie es dem Zeugnis unserer Hoffnung entspricht?

Gottes Volk zu sein wird im Gleichnis daran gebunden, ‚seine Früchte zu bringen’. Die Propheten hatten immer wieder eingefordert, wie ein solcher Dienst an der Verheißung zu gestalten ist. Zuletzt und ein für allemal hatte Jesus vorgelebt, wie eine radikal diakonische Existenz aussieht. In Jesus können wir sehen, wie das konkret aussieht. Wir können sehen, dass diakonisches Leben immer ganz konkret ist. Wir sehen seinen Umgang mit Ausgestoßenen, Zöllnern, Sündern, Armen, Ungebildeten, mit denen, die ein Makel ausgrenzt. Wir sehen sein heilsames Eintreten für Schwache, sein Antreten gegen versklavende Dämonen, gegen ungerechte Isolation, sein Aufstehen für das Leben in jeder Dimension. In Jesus Christus, seinem Leben und Sterben, seinen Reden und Taten erweist sich die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes. Jesus zeigt Gottes diakonisches Handeln zum Heil des Menschen.

Und wir selbst sollen als diejenigen, denen das Gut Gottes anvertraut ist, diese Früchte bringen, Nachfolger und Nachfolgerinnen dessen sein, der sich zum Diener aller machte. Das Gleichnis gilt uns, und es gilt, liebe Schwestern und Brüder, es gilt! Und wer sollte das besser wissen und spüren als Sie, denen diese diakonische Grundeigenschaft in den Namen hineingeschrieben ist? Sie sind bis in den Begriff hinein der leibhaftige Ausdruck des Grundauftrages an uns alle, sie stehen in besonderer und ausgezeichneter Weise für eine Kirche in der Nachfolge Jesu Christi ein.

Hier und heute geht der Ruf an uns, an jede und jeden von uns, Früchte zu bringen, wie sie der Verheißung des Reich Gottes entsprechen: Früchte eines Lebens in der Nachfolge, Früchte durch unseren konkreten Dienst. Der heutige Tag erinnert uns an diese Grundbotschaft, wir sind eingeladen und aufgefordert. Der Tag möge aber zugleich Ermutigung für uns alle sein, im Geiste Jesu für die Menschen, die es nötig haben, zu handeln. Der Weinberg ist da, er ist uns anvertraut, zuerst und zuletzt zählt nur, ob wir angemessene Früchte bringen, ob wir Diener der Verheißung, Diakone des Heils sind.

Amen.

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