Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt im Festgottesdienst anlässlich der 150-Jahr-Feier des Katholischen Sonntagsblatts 2002

Stuttgart, St. Eberhard

Schrifttext: Joh 1,1-14

Liebe Schwestern und Brüder,

Das Wort ist Fleisch geworden! So lautet beim Evangelisten Johannes die Frohe Botschaft überhaupt. Knapp, geheimnisvoll und hintergründig: Ein Satz von minimaler Kürze und doch von einer Weite, die zum Zerreißen gespannt ist. Das Wort ist Fleisch geworden.

Von einem Wort ist die Rede, aber was meint Johannes?

Worte gibt es viele, zu viele, vielerlei. Leichtes und Schweres, Schönes und Wüstes, Wahres und Falsches, Hartes und Weiches, Verletzendes und Heilendes – alles kommt in Worten daher, kommt auf uns zu und in uns hinein. Wir wissen es alle: Worte sind eine gewaltige Macht, sie können Gutes tun, sie können bitter weh tun, sie können beglücken, können erschlagen und töten. Worte können wie lästige Fliegen sein, die sich bevorzugt auf blutenden Wunden niederlassen, Worte können aber auch der Balsam sein, der sanft auf diese Wunden träufelt.

Eine Liebeserklärung besteht aus Worten – aber auch eine Kriegserklärung, eine Versöhnung kommt durch Worte – aber auch die Verleumdung. Worte stellen bloß, aber sie stellen auch klar. Worte bringen Menschen zusammen und können sie abgrundtief entzweien. Worte können bewegen, Worte vermögen die Welt zu verändern. Worte können vernichten, töten und zerstören. Worte erzählen Geschichten vom Leben, Worte verdichten die Wirklichkeit. Mit Worten machen wir uns einen Reim auf die Dinge. Worte sind das Alphabet, mit dem wir unser Leben buchstabieren.

Im Wort gehen wir aus uns selber hinaus, zeigen wir unser Innerstes, zeigen, wer wir sind: Im Wort offenbaren wir uns. Wie nahe wir einander sind, sein wollen, und wie fremd wir uns doch sind. So sind die Worte denn auch: Leise und spitz wie vergiftete Pfeile, schön und schillernd wie Seifenblasen oder wie bunte Schmetterlinge. Worte federleicht oder eiskalt wie Schneeflocken. Worte wie wir, schwer gefüllt und geladen: wie Schatztruhen – wie Zeitbomben.

Dem allen steht nun ein anderes Wort gegenüber. Von dem heißt es in einem Psalm, dass es ‚süßer als Honig sei‘ (Ps 119,103), dass es ‚des Fußes Leuchte und ein Licht auf dem Wege sei‘ (Ps 119,105). Es sei eine Speise, von der man leben und an der man auch gesunden könne (119,25). Gottes Wort wird so charakterisiert, denn Gott redet auch! Gott redet, und es gilt auch für ihn: Mit seinem Reden offenbart er sich selber, er schließt sich auf. Er zeigt, wer er ist, wie er zu uns steht. Er geht aus sich heraus, er offenbart seine Freundlichkeit, seine Sorge, seine heiße Liebe, sein brennendes Interesse, seine grenzenlose Güte. Er offenbart seine Nähe zu uns, seine heilsame Menschenfreundlichkeit.

Von diesem Wort berichtet Johannes nun, es sei Fleisch geworden. Fleisch, das ist das ganz Andere, das sind wir. Wir in dieser unserer Haut, aus der wir nicht können. Wir mit den Höhenflügen und unseren Abgründen, mit unserem Streben und Versagen, mit unserer Hitze und Kälte. Das sind wir: Fleisch. Fleisch, das ist das, was ‚werden und vergehen‘ muß, Fleisch, da steckt Sterben drin.

Und nun die Botschaft des Johannes: Das Wort ist Fleisch geworden. Machen wir uns klar, was das heißt. Das ist unendlich mehr als die Berührung von Gegensätzen. Es geschieht ein Hineindringen, ein Hineinstehen in dieses unser Fleisch, in diese Welt, in unsere Schuhe, in unsere Haut. Das heißt viel mehr als ‚Gott kommt auf die Erde‘, das könnte ja Episode bleiben, Besuch oder Zusammenstoß, mehr oder minder folgenlos. Nein, hier geht es um unendlich mehr. Das Wort ist Fleisch geworden, das ist unerhört, Schöpfer und Geschöpf vereint, weil Er es, weil Er unser Heil will. Das meint Johannes: Das Wort ist Fleisch geworden, und ab da ist alles anders – auch unsere Worte. Es ist das eine Wort, das gilt, das seither Maßstab für unsere vielen Wörter ist.

Ein Wort, das anders ist als alle anderen Worte. Es ist ein Wort, das nicht nur Wort, nicht nur ein Versprechen geblieben ist. Ein Wort, das buchstäblich Hand und Fuß bekommen hat in Jesus Christus. Ein Wort, mit dem die Geschichte der Welt und der Menschen neu geschrieben wurde: Ein Wort, das nicht unwidersprochen blieb, sich aber vielfältig bewahrheitet hat.

Kann dieser Satz des Johannes-Evangeliums so etwas wie ein Programmtext sein, auch und gerade an diesem Tag, zu solchem Anlaß, Programm also für kirchliche Publizistik? Ohne dabei zu einer vorschnellen und unkritischen Aktualisierung zu greifen, die den qualitativen Unterschied zwischen dem einen Wort der Offenbarung und unseren vielen Wörtern einebnet, nehmen wir doch einen Moment, einen Gedanken lang ernst, was es heißt: Das eine Wort wird zum Maßstab für all unsere Worte.

Das Wort ist Fleisch geworden: greifbar, begreifbar, natürlich auch angreifbar. Gemeinde Jesu Christi, Kirche und auch kirchliche Publizistik darf nicht in blutleeren Formeln und abstrakten Spekulationen erstarren. Fleisch – da klingt das ganze volle, schöne, schwierige und schaurige, das süße und bittere Leben mit, jede Faser unserer Existenz, unserer Geschichte. Das Wort ist Fleisch geworden, Gott steckt in unserer Haut. Konkreter geht es nicht. So konkret wünsche ich mir die Kirche und auch die ‚Kirchenpresse‘: Viel Lebenswissen und vor allem Geschichten, Geschichten, die unter die Haut gehen.

Johannes beschrieb das Wort, das in die Welt kam, noch als ‚das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet‘. Ein Licht-Wort ist ein Wort, das die Dinge gewissenhaft und sorgfältig ausleuchtet, das Klarheit schafft und sich um die Wahrheit müht. Ein Wort des Lichts ist eben nicht verschwommen und diffus, sondern lässt ein klares, unverwechselbares Profil aufscheinen. Ein Wort des Lichts: damit der Welt ein Licht aufgeht oder damit das eine Licht mindestens nicht untergeht. Es geht dabei buchstäblich um alles, um Leben oder Tod. Das Wort des Lichts ist das Wort des Lebens, und das Wort des Lebens ist parteiisch. Parteinahme, Sympathie für das Leben so könnte damit auch ein Motto für die kirchliche Publizistik lauten.

Antwort geben auf das eine Wort, das Wort des Lichts und des Lebens; ein Wort, das Fleisch wird und unter die Haut geht; ein Wort, das zur Welt kommt und nicht umgekehrt. Ein Spaziergang ist ein solches Programm nicht, die Umsetzung ist eher schon harte Arbeit, aber sie lohnt die Mühe tausendfach. Denn so werden unsere vielen Worte der Same für eine andere Welt mitten in dieser Welt. Ganz so, wie die jüdische Lyrikerin Rose Ausländer in einem Gedicht schrieb:

Wann ziehen wir ein

ins besamte Wort

Löwenzahnhaus

feingesponnen

im luftfarbnen Licht

Kein Luftschloß

Wortall/jedes Wort

in der Kugel

ein Samen

 

Amen.

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