Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt im Ökumenischen Gottesdienst ‚Leben aus Gottes Geist’

Ulm, 95. Deutscher Katholikentag

Lieber Bruder Maier, liebe Schwestern und Brüder,

was für ein dichter Text, der zugleich wunderbare Zusagen, aber doch auch manche Rätsel aufgibt. Paulus spricht die Christen in Rom auf eine Erfahrung an, die er von sich selbst und aus den anderen Gemeinden kennt: Sie sind vom Zwiespalt angefochten zwischen dem, wie leidvoll sie die Wirklichkeit wahrnehmen, und dem, was sie sich von Gott erhoffen. Sie erleben, wie fern Gott ihnen ist, wie weit der Abstand von ihm ist. Diese Erfahrung bedrängt sie so sehr, dass Paulus sie aufnimmt und auch auf sich bezieht: " Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen." Und das ist ja nun wahrlich auch ein Problem, vor dem wir alle selbst auch immer wieder stehen: Wie können wir Gott erreichen? Erfahren wir nicht allzu oft statt der befreienden Kraft eines Lebens aus Gottes Kraft die bedrückende Eintönigkeit und belastende Enge der Alltäglichkeit?

Paulus antwortet darauf aus seinem Grundverständnis des Glaubens: Alles, was wir zum Glauben brauchen, gibt uns Gott selbst. Wir bekommen es von ihm. Er ist uns immer schon voraus. Das ist unser Heil. Wir sind nicht davon abhängig, was wir vor Gott können. Wir müssen uns seine Gnade , unser Heil und unsere Würde als Mensch nicht erst verdienen. Es ist uns alles längst geschenkt und in Fülle gegeben.

Paulus antwortet der Gemeinde in ihrer Frage so als Seelsorger. Er tröstet sie und macht ihr Mut. Er nimmt die einzelnen ernst: zurecht seufzen sie in ihren Leiden an der Wirklichkeit und ihrer nur schwer zu bewahrenden Geduld, an der Hoffnung nicht zu verzweifeln. Ehrlicher als ein solches Seufzen kann ein Gebet nicht sein. Paulus gibt daher keine Anweisungen für richtiges Beten, er sagt ihnen nicht, was sie tun müssen. Er erklärt ihnen, was Gott tut. Gott gibt Betenden seinen Geist, lässt ihn sie bei sich vertreten. Der heilige Geist ist wie ein Anwalt, er spricht für sie, er spricht für uns. Er gleicht aus, was wir nicht wissen. Wir sollen und können darauf vertrauen: Gottes Geist bringt unser Seufzen zu ihm; was den Betenden unaussprechlich ist, dafür tritt der Geist bei Gott selbst ein. Das ist unsere Verheißung.

Dass der heilige Geist für die Glaubenden bei Gott eintritt, auch diese Hoffnung verbindet uns alle über konfessionelle Grenzen hinaus zu der großen Gemeinschaft der Heiligen, wie wir es im Glaubensbekenntnis sagen. Wir alle dürfen dessen gewiss sein: Ob uns Worte zum Gebet in den Sinn kommen oder ob wir nicht wissen, was wir beten sollen, der Geist spricht bei Gott für uns.

Noch zwei Gedanken hierzu:

Christsein heißt Aufstehen für das Leben, Jesus Christus hat uns konsequent bis zuletzt und mitreißend vorgelebt, was das heißt, für andere zu leben und ganz für sie da zu sein. Für andere beten, ist auch eine Form des Eintretens für sie. Und umgekehrt kann die entschiedene, beherzte Tat für den anderen das angemessene, unausgesprochene Gebet sein. Und je stärker die eigenen Empfindungen von der wahrgenommenen Ungewissheit oder Not bestimmt sind, desto eher wird die Bitte um Gottes Hilfe in ein tiefes Seufzen aufgehen. Aber auch hier gilt die Verheißung, dass Gott sie durch die Vermittlung seines Geistes hört.

Und schließlich noch, dass Seufzen tatsächlich ein angemessenes Gebet ist, gehört zu dieser Zusage hinzu. Selbst aus dem Seufzen, das eben gar nicht mehr auszusprechen ist, kann sich ein Weg in die Freiheit erschließen, einem Menschen hilfreich zur Seite zu sein. Aus Unausgesprochenem, Unaussprechlichem hört Gott das Nötige. Paulus macht Mut zu dem Vertrauen, dass der heilige Geist die Betenden dabei vertritt. Wer eine solche Erfahrung macht, der sieht sich gestärkt in dem Vertrauen auf den heiligen Geist, auf sein Eintreten bei Gott.

So wird immer wieder neu Leben aus Gottes Geist ermöglicht: Gott sei Dank und uns Menschen zum Heil!

Amen.