Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt im Pontifikalamt zum Hl. Martin 2002

Rottenburg, St. Moriz

Schrifttext: Jes 61,1-3a; Mt 25,31-40

Liebe Schwestern und Brüder!

Gestaltlose Schatten begegnen sich nicht, Menschen mit Profil aber hinterlassen eine Spur. Ich bin froh und dankbar, dass wir mit dem heutigen Festgottesdienst gemeinsam Menschen in den Blick nehmen, die auf ganz verschiedene Art Profil entfalten: Menschen, die ihr Talent, ihr Charisma, ihre Gaben als Aufgabe begreifen; Menschen, die anderen Menschen, uns allen, der Welt, in unterschiedlicher Weise Gutes tun.

In einer Zeit, in der wir allzu oft unheile Situationen, Orte und Menschen erleben, in der vielleicht auch bei uns selbst oder unserer nächsten Umgebung manches im Argen liegt, in solchen Zeiten sind solche Menschen mit christlichem Profil eine heilsame Wohltat für uns alle.

Wohl-Taten müssen dabei durchaus nicht im engen Sinne im sozialen Bereich liegen: Für eine unheile, verwundete Seele kann ein schönes Lied, das unter die Haut geht, in die Seele dringt, das Herz berührt, durchaus die Kraft der Genesung enthalten. Und so freue ich mich, dass wir den Sängerinnen der Mädchenkantorei des Rottenburger Domes zu ihrem dreißigjährigen Jubiläum gerade an diesem Tag gratulieren dürfen. Sie tragen mit ihrem Profil dazu bei, unsere Kirche, besonders unsere Liturgie, menschlicher und wärmer zu machen, unsere Welt und Zeit mit ihren Gesängen ein Stück heiler zu gestalten.

Aber denken wir noch ein Stück weiter. Ein Mensch mit Profil spricht mehr an als jeder abstrakte Satz. Martinus der den Mantel teilt, veranschaulicht sprechend den Satz "liebt einander!" Die Geschichte des Martin von Tours wird deshalb bis heute weiter erzählt, weil in ihr der Satz ‚liebet einander, so wie ich euch geliebt habe!’ zur Szene, zum Bild, zur Gestalt wird. Gestaltlose Schatten begegnen sich nicht, so hatte ich begonnen. Wie aber begegnet uns denn die Gestalt des Martin?

Er geht nicht vorüber an der Not, er hält an, teilt seinen Mantel, rettet den Armen vor dem Tod in der Kälte. Aber für uns ist dieses Profil, dieser Gestalt gewordene Satz immer noch weit weg. Wir werden vermutlich nicht in die Verlegenheit kommen, einen Bettler zu treffen, den wir mit der Hälfte unseres Mantels vor dem Erfrierungstod bewahren könnten. Kälte erleben wir heute anders als der Bettler in Amiens. Unsere Mantelteilung sieht deshalb auch anders aus als damals.

Sehen wir im frierenden Bettler den Menschen, der draußen vor der Tür steht und dem es kalt wird: es gibt viele Variationen von schneidender Kälte in unseren Tagen:

Kennen wir Eheleute, die sich langsam entfremden, deren Zärtlichkeit vereist, bis dann ihre Liebe zerbricht - da wird es kalt....

Kennen wir Menschen, die keinen Anschluss finden – denen sich niemand zuwendet ...

Kennen wir alte Menschen, die abgeschoben und wie vergessen in Heimen sitzen, denken wir an Behinderte, die tagtäglich vor oft unzumutbaren Hürden des Alltags stehen und die oft schlicht durch unsere Unachtsamkeit am Rand stehen, denken wir an die ausländischen Mitbürger und Mitbürgerinnen, die mitten in unserem Land leben und oft durch sprachliche und kulturelle Barrieren doch weit draußen bleiben.

Denken wir an Menschen, die mitten drin und doch draußen sind – eine Formulierung der Aktion für psychisch kranke Menschen unserer Caritas.

Denken wir an die Menschen, die nicht mehr glauben können, die ausgebrannt sind: All dies sind Variationen von Kälte....

Für solche Menschen und für viele andere steht der Bettler von Amiens, der uns bittet, unseren warmen Mantel zu geben. Ich bin froh und dankbar, dass wir am heutigen Tag Menschen in den Blick rücken, die solch frierende Menschen wahrnehmen und die entsprechend ihren Mantel teilen. Der Mantel des Martinus heißt heute: der Mantel der Nähe, der Mantel der Annahme, der Mantel des Respekts, der Mantel der Anwaltschaft, der Mantel der Zuwendung, der Mantel der Wertschätzung, der Mantel der Barmherzigkeit, ja auch der Mantel der Arbeit.

In unserem Blick sind heute Menschen, die das Abenteuer Menschlichkeit wagen, Menschen, die einfach beginnen, ein menschliches, ein christliches Profil zu entwickeln, Menschen, die durch solches Profil gute, heilsame Spuren hinterlassen. Wir ehren 19 profilierte Christen-Menschen, deren Engagement mit der Martinusmedaille bedacht wird: Sie haben auf besondere Weise Mitmenschlichkeit in die Mitte ihres Lebens gestellt. Sie haben auf verschiedene Art Ernst gemacht mit unserem Glauben an Jesus Christus. Sie haben Konsequenzen gezogen, sie sind aufgebrochen auf andere Menschen zu, die es nötig haben. Sie geben damit ein hoffnungsvolles Beispiel und zeigen zugleich, worauf es in unserer Gesellschaft ankommt: Die vielen Frierenden, die in unserer Zeit an den Rändern darniederliegen, sie wahrzunehmen und ihnen den notwendigen Mantel zu geben. Wir dürfen froh und dankbar sein über diese profilierten Initiativen und Engagements in der Tradition des Heiligen Martin. Ich danke von ganzem Herzen allen, die wir heute mit der Martinusmedaille ehren. Ich danke aber auch all den Menschen, die sich wo und wie auch immer für den Nächsten und den Fernsten, für unsere Gemeinschaft, die Gesellschaft, die Schöpfung einsetzen. Denn unsere Welt und unsere Zeit braucht dringend solch christliche Spuren gestalteter Liebe!

Schon immer haben sich die Menschen gefragt, wie sie ihr Leben sinnvoll gestalten können: Was ist das Ziel unseres Lebens, wo geht es hin mit unserer Welt? Unser Glaube gibt uns da Antwort: Gott hat sich uns Menschen in Jesus Christus ganz geschenkt. Er ist ‚um unseres Heiles willen’ ganz Mensch geworden, damit auch wir ganz Mensch werden können. Gott verwirklicht in Jesus Christus das Jahr der Gnade, von dem Jesaja gesprochen hatte: ‚in dem die Armen eine frohe Botschaft hören sollen, in dem jene Heilung finden sollen, deren Herz zerbrochen ist, in dem Gefangene entlassen und Gefesselte befreit werden’. All das ist in Jesus Christus konkret geworden.

Gott lebt in Jesus Christus seine Liebe zu den Menschen. Unsere Antwort ist es, ein Leben der Liebe zu gestalten: Liebe zu den anderen, wo immer es nötig ist. Die Antwort auf seine Liebe zu uns ist unsere Liebe. Und wer sich in Liebe den anderen zuwendet, der wird in ihnen Gott selbst finden.

Und wieder ist es so, dass die Geschichte des Martin mehr erzählt als alle oft so dürren Worte: In der Nacht, im Schlaf erschien ihm im Traum Christus. Er war der frierende Bettler!

Wir alle sind eingeladen, mit den Augen des Glaubens sehen zu lernen, wo Menschen am Rand sitzen und frieren. Wir sind aufgerufen, nicht vorbeizugehen, sondern anzuhalten, auszusteigen, Hand anzulegen und das zu tun, was notwendig ist. Die heute Frierenden sind Christus!

Indem Martin Gutes tut, wird er nicht arm, vielmehr begegnet er Christus selbst. Er findet im Geben und Teilen den Sinn, Christus, der seinem Leben Gestalt gibt und geben wird.

Dies ist die Frohe Botschaft des heutigen Tages: Menschen, die geben, verlieren nicht, ihr Leben wird vielmehr reich. Sie gewinnen ihr Leben erst neu. Denn denen gilt die große Einladung, die Jesus im Evangelium überbringt: ‚Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bereitet ist.’ (Mt 25,34)

 

Amen.

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