Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zum Floriansgottesdienst 2002

Zwiefalten

Lesung: 1 Petr. 4, 13-16; Evangelium: Joh. 17, 1-11a

Liebe Freunde von der Feuerwehr, liebe Schwestern und Brüder,

am Donnerstag feierten wir ‚Christi Himmelfahrt‘ und hörten da, wie die staunend und verwundert zum Himmel blickenden Jünger gemahnt wurden: ‚Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?‘ Die Jünger werden zum Blickwechsel aufgefordert, sie werden eingeladen und aufgefordert, nicht zu schwärmerischen Weltflüchtern zu werden, sondern vielmehr als Menschen des Glaubens zu Tätern des Wortes zu werden.

Der Evangelist Johannes hatte dies im heutigen Text so ausgedrückt: ‚Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten.‘ Christen, das sind die, die sich in ihrer Existenz, in ihrem Glauben und Handeln ganz an Jesus Christus festmachen, die sich an seiner Botschaft orientieren, die bereit sind, in ihrem Einsatz für die Welt und die Menschen bis ins Letzte zu gehen, wenn nötig, sogar bis zum letzten Einsatz ihres Lebens. So wie es Jesus von Nazareth vorgelebt hat. Ihm nachzufolgen, sein Leben so zu gestalten, wie es seinem Leben und Sterben, seinem Reden und Handeln, seinem heilsamen Wirken für die Menschen entspricht. Denn, nochmals mit Johannes: ‚Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt.‘ Jesus von Nazareth bestimmt in seinen wie ein Vermächtnis gehaltenen Abschiedsreden den Ort der christlichen Existenz mitten in der Welt, mitten im Handeln für die Menschen.

Szenenwechsel:

Florian war der höchste Beamte des römischen Statthalters von Ufernorikum. In der Christenverfolgung unter Diokletian opferte er um des Glaubens willen seine Karriere. Aus Sorge um seine Glaubensbrüder kam er nach Lauriacum. Hier wurde er verhaftet und zum Tod durch Ertränken verurteilt. Am 4. Mai des Jahres 304 wurde er zusammen mit einer großen Zahl treuer Gefährten von römischen Soldaten in die Enz bei Lorch in Österreich geworfen. Der Heilige Florian und seine Gefährten sind keine erfundenen Figuren einer frommen Legende. Florian ist nicht ohne Grund tausendfach ins Bild gesetzt, in Holz geschnitzt und in Stein gemeißelt worden.

Der Hl. Florian ist nicht nur beliebter Schutzpatron der Feuerwehren, weil die halt auch einen Fürsprecher brauchen und weil volkstümliche Frömmigkeit immer noch bei vielen Menschen einen hohen Stellenwert hat. Florian und seine Gefährten waren nicht Männer, die auf Kosten anderer ihr Heil suchten, die andere statt ihrer in den Tod schickten. Florian und seine Kameraden waren Männer, die Zeugnis ablegten für ihren Glauben, die ihrer Überzeugung treu waren und die den Tod auf sich nahmen. Deshalb führt uns der zweifelhafte Haussegen: "O heiliger St. Florian, beschütz mein Haus, zünd andere an!", der jedermann zuerst einfällt, wenn er den Namen des Heiligen hört, genau in die falsche Richtung.

Der letzte Szenenwechsel führt uns an den Ort, an den wir alle immer wieder denken, wenn heute über Feuerwehr gesprochen wird: ins World Trade Center nach New York.

William Feehan, der ranghöchste Feuerwehrmann von New York, der 42 Jahre lang Feuerwehrmann mit Leib und Seele war und schon in unzähligen, lebensgefährlichen Einsätzen seine Lebenseinstellung bewiesen hatte, hatte einmal in einem Interview gesagt: "Mit Geld können sie niemanden zu dieser Arbeit bewegen, es ist mehr als Geld, was einen dazu bringt." Das Wort Nächstenliebe bis ins Letzte wäre William Feehan wahrscheinlich zu pathetisch gewesen, doch dürfte es dem schon ziemlich nahe kommen. Denn Feehan und mit ihm 343 Feuerwehrkammeraden starben am 11. September da, wo sie ihr Leben verbrachten: im Feuer, sie starben in den Trümmern des World Trade Centers, während sie versuchten, das Leben wildfremder Menschen zu retten.

Viele Menschen gaben an diesem Tag ihr Bestes, um zu helfen. Der Kaplan der Feuerwehr wird zum Opfer der Katastrophe, als er sterbenden Feuerwehrleuten beistehen wollte. Angestellte des Sicherheitsdienstes des World Trade Centers haben dafür gesorgt, dass Mitarbeiter und dass die Kunden und Besucher unversehrt nach draußen gelangen konnten. Eine Frau im Rollstuhl wurde über endlose Treppenstufen nach unten getragen, ein Blinder und sein Hund wurden zum Erdgeschoß begleitet. Ihnen und 23 Polizisten, die ebenfalls alles taten, um die Menschen aus der Gefahrenzone zu bringen, kostete ihre Hilfsbereitschaft und die Treue zu ihrem Auftrag und Dienst im Augenblick des Einsturzes das Leben.

All diese Menschen wurden der härtesten Probe ihres Lebens ausgesetzt. In der Lesung des 1. Petrusbriefes haben wir gehört, dass wir uns nicht wundern sollen über solch harte Proben, die wir bestehen müssen: ‚Freut euch, dass ihr Anteil habt an den Leiden Christi, denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit jubeln.‘ Der Schreiber des Briefes faßt die Verbindung zwischen bedingungsloser Nächstenliebe und Treue zu Jesus Christus sogar noch genauer: ‚Wenn er aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er sich zu seinem Namen bekennt.‘

Der Hl. Florian und die Menschen, die am 11. September ihr Leben bedingungslos einsetzten, sind leuchtende Beispiele, lebendige Konkretionen für das, was im Evangelium gefordert worden war.

Auch Sie, liebe Feuerwehrmänner und -frauen sind Menschen, die bereit sind, sich bis zum Letzten einzusetzen. Sie sind Menschen, die nicht dem angeblichen Floriansprinzip huldigen, in dem sie sagen:" Laßt uns nur beten und hoffen, dass wir verschont bleiben, wenn’s andere erwischt, was macht das uns aus?" Sie sind Menschen, die sich einsetzen für andere, für deren Leben und Gesundheit und für deren Haus, Wohnung, Hab und Gut. Das ist eine zutiefst menschliche und christliche Aufgabe, ein Zeugnis christlicher Nächstenliebe und niemand weiß, wann und wo er oder sie auf die harte Probe gestellt werden wird.

Aber: Menschen, die die harte Probe bestanden haben, können uns zum Beispiel werden. Weiten wir uns aus in unserer Dienstbereitschaft, seien wir bereit, bis ins Letzte zu gehen in unserer Barmherzigkeit und Nächstenliebe, trauen wir der Verheißung und der Zusage, aufgehoben zu sein in der Herrlichkeit Gottes. Richten wir unser Handeln und Leben schon jetzt an dem aus, was uns Jesus Christus an Heilung und an Leben in Fülle verkündet hat. Wagen wir ein Leben in Liebe, die bereit ist, bis ins Letzte zu gehen: Wie Florian und seine Gefährten, wie William Feehan und seine Feuerwehrkameraden und wie all die Unbekannten, um die vielleicht niemand weint und trauert.

Liebe Freunde in der Feuerwehr, liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Ihnen allen meinen herzlichen Dank sagen und meine große Anerkennung ausdrücken für den Dienst, den Sie für die Gemeinschaft der Menschen leisten. Ich möchte Ihnen danken für Ihre Bereitschaft, jahrelang Tag und Nacht bereit zu sein, auszurücken und zu helfen.

Und ich möchte Ihnen Mut machen, sich vom Geist und der Haltung des Hl. Florian anstecken zu lassen, vom Geist der Nächstenliebe und vom Geist der Gottesliebe. Gottes reicher Segen begleite Sie.

 

Amen.