Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zum Männertag 2002

Spaichingen

Schrifttexte: Röm 8,9.11-13; Mt 11,25-30

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Anfang steht die Zusage: Ich werde euch Ruhe verschaffen! Es ist die große Einladung an alle Mühseligen und Beladenen, und viele von uns können von solchen Lasten eine Menge erzählen: von der Hetze im Alltag, von Krankheit, von denen, die am Rande stehen, von Ausgrenzung, von Problemen in der Beziehung, am Arbeitsplatz, von Einsamkeit, die manchmal schwerer drückt als aller Streß. Kommt her, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt; ich will euch Ruhe verschaffen! Der Tübinger Theologe Fridolin Stier übersetzt diese Stelle sehr gelungen so: ‚Heran zu mir alle, ihr Mühenden und Überbürdeten: Ich werde euch aufatmen lassen.‘

Was für eine Zusage! Wer würde sich da nicht angesprochen und eingeladen fühlen, und allein schon, dass wir spüren, selbst angesprochen und geladen zu sein, verschafft einen Vorgeschmack des Aufatmens und läßt Entlastung spüren.

Aufatmen: Erinnern wir uns doch daran, wie wir das letzte Mal befreit aufgeatmet und wieder Luft bekommen haben. Jesus möchte, dass wir in seiner Nähe Luft bekommen, dass wir nicht panisch und kurzatmig werden vor Angst und Not: Jesus sagt uns selbst Aufatmen zu, mehr noch, er verspricht, dass er selbst unser Aufatmen sein wird.

Und mit solcher Zusage läßt sich auch die Einladung Jesu annehmen, eine Einladung, die zugleich auch Aufforderung ist: Rafft euch auf, nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir! Die zugleich dazugegebene Auskunft, dass sein Joch leicht zu schultern sein werde, macht die Bereitschaft sicherlich größer. Worin die Herausforderung denn bestehen wird, darüber gibt der Text zunächst wenig Auskunft, aber: Jesus zeichnet eine Art Selbstporträt: ‚Ich bin gütig und von Herzen demütig.‘ Mehr ist an dieser Stelle nicht nötig, statt dessen wiederholt er die große Zusage, die hinter der Einladung steht, und die es umgekehrt auch erst so leicht macht, auf die Einladung einzugehen: ‚So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen‘, oder, um nochmals den näher am Original bleibenden Fridolin Stier übersetzen zu lassen: ‚Sanft bin ich und von Herzen niedrig. Und ihr werdet Aufatmen finden für euer Leben.‘

Wenn es aber für Jesus an der Stelle ausreichend ist, als Aufgabe nur seine Grundeigenschaften zu nennen, dann heißt das doch konkret: Von Jesus lernen, heißt lernen, wie Jesus zu sein. Bedeutet das aber nicht eine hoffnungslose Überforderung gegenüberzustehen oder einer Situation, die nur von moralisch Unfehlbaren erfüllt werden kann? Deshalb schließt Jesus mit der Zusage, dass die Last leicht und das Joch nicht drückend sei.

Also nochmals: Von Jesus lernen, heißt lernen, wie Jesus zu sein.

Versuchen wir dies zu konkretisieren, können wir sagen, dass der Inbegriff Jesu das radikale Leben für andere ist. Jesus ist darum im wahrsten Sinne glaubwürdig, weil er die große Einladung nicht nur überbringt, sondern diese Einladung mit seinem Leben und Sterben, mit seinem Erzählen und Handeln, mit seinem Tod und seiner Auferstehung selber ist. Deshalb können Menschen ihm glauben und auf sein Wort vertrauen, dass bei ihm Aufatmen möglich wird. Das stellt die große, die alles entscheidende Wende im Leben eines Menschen dar: Auf Jesus und seinen Weg mit den Menschen zu schauen, seinen Geschichten vom Reich Gottes zuzuhören, von seinem Handeln mitten unter den Menschen zu lernen, dabei oft gerade die Außenseiter, die Zukurzgekommenen und Abgeschobenen wahrnehmen zu lernen.

Wir alle sind davon immer wieder aufs Neue herausgefordert. Und es ist eine Herausforderung im wahrsten Sinn des Wortes: Sie holt uns heraus aus bisherigen Strukturen, Denk- und Verhaltensmustern oder unseren oft so liebgewonnenen Lebensweisen. Und sie fordert uns auf, die Sache Jesu konsequent zur eigenen Sache zu machen. Nachfolge Jesu heißt in seinem Geist zu leben ist, oder wie der Apostel Paulus geschrieben hatte: ‚Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er auch euren sterblichen Leib lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.‘ (Röm 8,11)

Im Geist Jesu zu leben, das heißt: Aufstehen für das Leben, für das Leben in all seinen Dimensionen, für das Leben, gerade da, wo es bedroht und gefährdet ist, wo es an den Rand gedrängt und übersehen wird. Aufstehen für das Leben ganz am Anfang und ganz am Ende; für das Leben als kleine, soeben gezeugte Zelle, für das Leben, wo es behindert, schwach und alt ist. Aber auch Aufstehen für das Leben, wenn es ausgegrenzt, abgeschoben oder benachteiligt wird. ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘

Menschenwürde gilt jedem Menschen in jeder Phase seines Lebens, einfach deshalb, weil er Mensch ist. Menschenwürde gehört zu jedem Menschen, sie ist kein Wert, der einem erst von anderen zugesprochen werden muß, Menschenwürde kann nicht gemessen oder eingestuft werden und in manchem Fall auch gegen Null tendieren. Nein: Menschenwürde ist unantastbar, unteilbar, sie gehört zum Menschen wie sein Atmen. Immer da, wo sie Menschen genommen oder abgesprochen wird, sind Christen in der Nachfolge Jesu gerufen, Stimme zu erheben und zu streiten für das Leben und die Würde des Menschen. Wo Leben und Würde des Menschen am verletzlichsten sind, da muß ihr Schutz am höchsten sein.

Jesus lebt uns dieses erneuerte Menschsein vor, das um Not und Elend keinen Bogen macht, sondern solidarisch und mitleidend Anteil nimmt. Es ist ein neues Leben, das auf Ruhm, Ehre und Titel nichts gibt und auf Menschsein alles. Ein erneuertes Leben, das auch Krankheit oder Behinderung, Leiden, Sterben und Tod nicht ausblenden will, sondern es annimmt, weil es zum Leben dazugehört. Wie überzeugend und mitreißend es bis heute und vielleicht gerade heute ist, das spüren wir alle.

Liebe Schwestern und Brüder, ‚Heran zu mir alle, ihr Mühenden und Überbürdeten: Ich werde euch aufatmen lassen.‘

Christsein hat mit Aufatmen zu tun. Der Gott Jesu Christi lasse uns Aufatmen finden für unser Leben, sein Geist lasse die Kirche zu einer atemreichen Gemeinschaft werden, in der Menschen Luft bekommen für das Leben, in der alles menschliche Leben aufatmen kann. Amen.

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