Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt zur Ehrung der 50-jährigen Priesterjubilare 2002

Ellwangen

Schrifttexte: Kol 1,24-29; Joh 15,9-17

Liebe Mitbrüder,

‚Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat, damit ich euch das Wort Gottes in seiner Fülle verkündige!‘: Ein solcher Satz aus dem Kolosserbrief hört sich nach 50 Jahren Priestersein sicher anders an als beim ersten Lesen. – Jesus hatte in jener wunderbaren Stelle aus dem Johannesevangelium seine Jünger erwählt und dazu bestimmt, sich aufzumachen und Frucht zu bringen. Die Lebenshaltigkeit der Worte und Bilder wird uns aufgrund unserer eigenen Erfahrung unmittelbarer bewusst. Sie, liebe Mitbrüder, haben sich senden lassen, haben unzähligen Menschen die Frohe Botschaft verkündet, die vom auferstandenen Christus ausgeht. Sie haben in Ihrem Leben Sinn gefunden, beglückende Erfahrungen machen können und große Freude erfahren: Pfarrer sind unter allen Berufen nach den Ärzten die angesehenste Berufsgruppe und hoch angesehen. Aber Sie haben auch bittere Erfahrungen machen müssen, die Sie die paulinischen Worte verstehen lässt: Ich kämpfe unter vielen Mühen.

Sie sind 50 Jahre Ihrem Dienst und ihrer Berufung treu geblieben. Dafür möchte ich Ihnen heute als Bischof besonders danken, auch im Namen meiner Vorgänger der Bischöfe Carl Josef Leiprecht, Georg Moser und Walter Kasper! Ich möchte Ihnen danken im Namen unserer ganzen Diözese, die Ihre, unsere Heimat ist. Vielen, vielen Menschen haben Sie das Evangelium verkündet und die Sakramente gespendet. Vielfältiger Dank ist angesagt in dieser Stunde. Deshalb feiern wir Eucharistie – Danksagung, denn Ihr Dank richtet sich in erster Linie an Gott, an Jesus Christus, dessen eucharistisches Mahl und dessen versöhnendes Opfer Sie unzählig viele Male gefeiert und daraus Kraft geschöpft haben.

Ein älterer Priester sagte mir einmal, wie sehr er aus der Freude lebte, täglich die Messe feiern zu können. Und das habe sich vor dem Konzil ausgedrückt im Eröffnungsvers des Stufengebetes der Messe: "Introibo ad altare Dei, ad Deum, qui laetivicat juventutem meam." - Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott der mich erfreut von Jugend auf." - Die Freude an Gott ist unsere Kraft! Liebe Mitbrüder, aus dieser Freude haben Sie sich rufen lassen, Priester zu werden und in den Dienst Gottes und der Menschen zu treten.

1952 wurden Sie von Carl Josef Leiprecht zum Priester geweiht, 50 Jahre liegen hinter ihnen.

Diese 50 Jahre waren eine bewegte Zeit – wenn Sie sie Revue passieren lassen .... Man mag viel über diese Zeit sagen, aber langweilig war sie gewiss nicht.

Ihre Studienjahre fielen in die Nachkriegs- und Aufbauzeit, der Anfang ihres Priester-Berufes lag in den letzten Jahren des Pontifikates Pius XII., das sicher auch das Ende einer großen Epoche der Kirchengeschichte markierte. Ihr sollte ein großer begeisterter Aufbruch folgen, als Johannes XXIII. im Januar 1959 die Einberufung eines neuen Ökumenischen Konzils bekannt gab. Das Konzil 1962 – 1965 führte zu einem erneuerten Kirchenverständnis, stieß Fenster auf zur Welt, brachte die Liturgiereform, Veränderung im Priesterbild, die Mitwirkung der Laien in Räten und kirchlichen Diensten, neue Methoden und Stile in der Leitung. Eine bewegte Zeit, die Ihnen viel abverlangte und uns allen bis heute abverlangt. Und doch werden Sie sagen können: "Hat er nicht durch alle Zeit uns bisher getragen und geführt durch allen Streit? Sollten wir verzagen? Seine Schar verlässt er nicht, und in dieser Zuversicht darf sie’s fröhlich wagen." (GL 268/Singt dem Herrn ein neues Lied)

Der Ruf Gottes am Anfang, die daraus gewordene Berufung hat sich in ihrem Leben ausgewirkt, bewährt und unter immer neuen Bedingungen entfaltet. In ihrer Lebensgeschichte und Glaubensgeschichte ist wirksam geworden, was sie am Anfang versprochen und was Gott entgegengenommen hat. Erst im Laufe eines Lebens wird die Tragweite bewusst, die im Adsum liegt, das Sie an Ihrer Priesterweihe gesprochen haben. Und vieles, was darin umschlossen ist, mussten Sie erst im Laufe ihres Lebens nachbuchstabieren und einholen. Zu meiner Primiz hat mir mein Heimatpfarrer Viktor Locher die drei Bände Geschichte der Diözese Rottenburg, von August Hagen geschenkt. Die Widmung, die er mir ins Buch geschrieben hat, beschäftigt mich bis heute und ich fange erst an zu begreifen, was sie wirklich bedeutet: "Es ist nicht wahr, dass Gott zu viel von uns verlangt. Er verlangt alles!"

Manchmal mag es Ihnen so ergangen sein wie Paulus, der über sein Amt und seinen Weg in einer scheinbaren Paradoxie spricht: ‚Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt. Dafür kämpfe ich unter vielen Mühen, denn seine Kraft wirkt mit großer Macht in mir.‘

Liebe Mitbrüder, heute spüren wir nicht mehr den begeisternden Aufbruch der 60iger Jahre, heute ist Ernüchterung, bei manchen Enttäuschung eingetreten.

Die Zeit der Visionen des Aufbruchs ist eher einer Zeit gewichen, die von Karl Rahner oft mit ‚winterlicher Kirche‘ umschrieben wurde. Aber es gibt auch den Satz: ‚Im Winter wächst das Brot‘, und auch Rahner spricht davon, dass gerade eine solche Zeit zu einer radikalen Konzentration führen kann, in der sich die Kirche dann wieder auf ihre Wurzeln und ihren Grund besinnt. Und dann, ‚wenn die Kirche wirklich jenen Grad an Radikalismus besäße, der von der Sache her eigentlich geboten wäre, dann müßte es Frühling werden in der Kirche.‘

Ein Radikalismus, der von der Sache her eigentlich geboten wäre: Liebe Brüder, fast scheint es so, als habe Rahner hier eine Übertragung des heutigen Evangeliums versucht. Denn die Sache von Christentum und Kirche ist zuerst und zuletzt nichts anderes als Jesus Christus selbst, die Konzentration auf Jesus Christus zu unserem Heil.

Und dieser Jesus, der seine Jünger ruft und sie in seiner Nachfolge auffordert, ein Leben in Liebe für die Menschen zu leben und so Frucht zu bringen, dieser Jesus nennt seine Jünger nicht mehr Knechte, sondern Freunde. Diese großartigere Berufung, die in sich zugleich schon die Zusage in sich trägt, ließ und läßt die Jünger aufbrechen und der Welt die Frohe Botschaft bringen.

Der Auftrag an die Jünger ist durch die Zeiten hindurch bis heute so einfach wie heilsam geblieben und Ihr habt es in fünfzig Jahren verkündet: "Sagt den Leuten, das Reich Gottes ist euch nahe!" (Lk 10,9b)

Und ich kann als Bischof für unsere Diözese mit dem Apostel Paulus heute hinzufügen:

‚Wie können wir Gott euretwegen genug danken für all die Freude, die uns um euretwillen vor unserem Gott erfüllt?‘ (1 Thess 3,9)

 

Amen.