Bischof Dr. Gebhard Fürst: Pressestatement zur Wiedereröffnung des renovierten Rottenburger Doms 2003

Rottenburg, St. Martin

Die Innenrenovation und Sanierung des Rottenburger Doms mit einer tief-greifenden baulichen Intervention ist erfolgreich abgeschlossen. Das „Ergebnis“, das wir Ihnen heute präsentieren wollen, kann sich - so darf ich wohl sagen - wirklich sehen lassen. Die Kathedralkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart erscheint nicht nur wesentlich heller, freundlicher, weiter und großzügiger als in der vorausgegangenen Gestaltung. Sie ist auch klarer gegliedert, lässt deutlicher die Mitte der Kirche hervortreten und wird so unmittelbarer in ihrer Sinnstruktur lesbar.

Gerade heute hungern die Menschen verstärkt nach „Deutlichkeit“. Und es gibt eine „neue Lust am Sakralen“, weil die Kunst ihre Aura verloren hat und zeitgenössische Architekten ihre durchaus profanen Werke (wie Flughafen, Bankenturm oder Museumsneubau) mit einem „sakralen Charakter“ aufzuwerten versuchen. Dank der Öffnung des Unterbaus des mächtigen Kirchturms des Domes zu einer neuen Sakramentskapelle, aber auch dank der neuen Martinsreliquie, die der Erzbischof von Tours beim Eröffnungsgottesdienst überbringen wird, wird die Sakralität der Dom-kirche St. Martin insgesamt verstärkt.

1 Stationen der Renovation

Bevor ich auf die Neuerungen im einzelnen eingehe, möchte ich die Stationen der Renovation kurz Revue passieren lassen. Den Anstoß zu der längst ge-botenen Erneuerung gab ein negativer Bescheid des Kaminkehrermeisters und der Berufsverwaltungsgenossenschaft, die Kaminanlage und die Elektroin-stallation nicht weiter ohne grundlegende Erneuerung zu genehmigen. Das war Anfang 1997, also vor über sechs Jahren. Hinzu kam eine vom Kirchenge-meinderat zusammengestellte Liste mit baulichen Mängeln, Schäden und Unzu-länglichkeiten im Außen- wie im Innenbereich.

Mein Vorgänger im Bischofsamt, Dr. Walter Kasper, beschied nach dem Vor-schlag verschiedener Lösungskonzepte Ende 1998, dass über die bauliche Sanierung und die Durchführung einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen hinaus eine Neukonzeption entwickelt werden soll, um das baugeschichtliche und architektonische Potenzial der Kirche besser zu nutzen und einen stimmigeren Gesamteindruck zu erzielen.

Ein im März 1999 ausgelobtes Gutachterverfahren, zu dem drei bestens ausgewiesene Architekturbüros eingeladen wurden, konnte im Mai 2000 vom Preisgericht, dem Domkapitel und dem Kirchengemeinderat von St. Martin einstimmig zugunsten des Entwurfs der Architekten Hahn-Helten (Aachen) entschieden werden.

Im Juli 2001 wurde mit der Um- und Neugestaltung von Langhaus und Chor samt Neuordnung der liturgischen Bereiche begonnen. Im Februar 2002 konnte dann der Kernpunkt der Neugestaltung realisiert werden: der Durchbruch der über zwei Meter dicken und über 800 Jahre alten Unterkonstruktion des Domturms, des ältesten Bauteils des Domes, der wahrscheinlich noch vom Vorgängerbau aus dem 13. Jahrhundert stammt. Mit dem so eröffneten, etwa 12 m² großen Raum wurde kein neuer Funktionsraum geschaffen, sondern ein Sakraments-haus für das Allerheiligste. Diese Kapelle, die die frühere Engstelle zwischen Chor-raum und Kirchenschiff mit dem „Achssprung“ angenehm weitet, verstärkt den Charakter der Domkirche als Ort des Heiligen auf spürbare Weise.

2 Die Kirche als Ort des Heiligen

„Beten heißt, ein Verhältnis gewinnen zum Angewiesensein auf Unverfügbares“, hat der Schweizer Theologe Hans Weder formuliert. Das Sakramentshaus mit dem Allerheiligsten vor allem, das zur Stille, Ehrfurcht und Anbetung einlädt, qualifiziert und charakterisiert die Kirche als Ort des Heiligen und Unverfügbaren: „Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels“, ruft Jakob nach seinem berühmten Traum von der Himmelsleiter aus, die Erde und Himmel verbindet und eine neue Kommunikation zwischen Gott und Menschen eröffnet (symbolisch ausgedrückt in den auf- und absteigenden Engeln - vgl. Genesis 28,12 - 19).

In seinem Sohn Jesus Christus, in seinem Tod und seiner Auferstehung offenbart Gott seine Liebe, schenkt er der Welt Licht und Leben, also das, was wir zutiefst uns alle ersehnen und erhoffen. Von diesem himmlischen Licht und Leben muss die Kirche, muss ein Kirchenbau Zeugnis geben. Die Kirche ist der Ort, wo sich Himmel und Erde begegnen. Die helle Farbe des Wandanstrichs, die Lichtführung samt indirekter Beleuchtung wie auch die aufgehellten Chorfenster von Wilhelm Geyer vermitteln etwas von diesem himmlischen Licht.

Die Kathedralkirche einer Diözese hat für das liturgische Leben eines Bistums eine herausgehobene exemplarische Bedeutung. Sie soll auf eindrucksvolle Weise bildhaft darstellen, was die Kirche Jesu Christi ihrem Glauben nach ist: der mystische Leib Christi, die Versammlung der Gläubigen, die das Wort Gottes hören, das eucharistische Opfermahl feiern und sich so als „lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ lassen: „zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen“ (1. Petrus-brief 2,5; vgl. Exodus 19,5 f).

Die Kirche aus Stein ist so Bild für eine umfassende Wirklichkeit, die nicht nur zeichenhaft dargestellt, sondern real vergegenwärtigt wird. Im Zentrum der Liturgie steht dabei die Feier der heiligen Eucharistie. Sie nimmt jene Vollendung der Schöpfung sakramental vorweg-, die biblisch „Reich Gottes“ oder „ewiges Leben“ heißt.

3 Den Himmel offen halten

Der Kirchenbau eröffnet somit einen Raum, der vom „Anfang“ der Schöpfung bis zu ihrer Vollendung reicht. Auf der Osterkerze, die bei der Osternachtfeier in zwei Wochen festlich in den erneuerten Dom hineingetragen wird, stehen die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, die den auferstandenen Christus als Anfang und Ende, als Herrn der Welt zeichenhaft versinnbilden (vgl. Offb 1,8). Die Kerze hat künftig (außerhalb der Osterzeit) ihren Ort beim Taufbrunnen im Eingangsbereich auf der Südwest-Seite des Doms.

Dort sind jetzt auch in einem neu eingerichteten Taufschrein die Heiligen Öle sichtbar aufbewahrt, die bei der Taufe und anderen sakramentalen Handlungen verwendet werden. Die in der Domkirche geweihten und von dort in die Diözese gebrachten Öle (das Katechumenenöl, den Chrisam und das Krankenöl) in kostbar gestalteten Gefäßen sollen insgesamt sinnfällig machen, dass getaufte Christen mit dem Geist „Gesalbte“ sind und im sakramentalen Geschehen mit Christus gleich gestaltet werden, der nach dem christlichen Glauben der Geist-Träger und Geist-Spender schlechthin ist.

Diese vom Geist erfüllte Kirche steht insgesamt im Dienst der Vergegen-wärtigung oder „Repraesentatio“ Christi. Sie hat - wie der Titel eines neuen, unter anderem von Weihbischof Johannes Kreidler herausgegebenen Buches zum Priestersein heute treffend lautet - „den Himmel offen (zu) halten“ . Ohne den Himmel, ohne diese vertikale Dimension des Oben, die das Ziel des Menschseins angibt, auf das hin er sich hoffend und sehnend ausstreckt, kann das menschliche Leben nicht gelingen, verliert es sich im Vielerlei menschlicher Wahlmöglich-keiten, die letztlich alle im Horizont von Tod und Vergänglichkeit verbleiben.

Eine Kirche, zumal eine Kathedralkirche, hat also die Dimension des Oben, des Ziels des Menschseins und der Welt, architektonisch-sinnbildlich zur Sprache zu bringen. Die großen gotischen Kathedralen haben dies durch Betonung der vertikalen Linienführung versucht. In bescheidenerem Maße geschieht dies auch hier im Dom. Die Säulenbildung und Pfeilerstruktur mit ihrer vertikalen Dynamik tritt jetzt stärker hervor, nicht zuletzt auch durch den abstützenden Pfeiler vor der Sakramentskapelle, die im spätgotischen, 55 Meter hohen Turm ihre Fortsetzung findet. Der Turm in seiner ganzen Höhe als weithin sichtbares Zeichen über der Stadt verweist so auf das Allerheiligste in der Sakramentskapelle.

4 Die Liturgie als Schule des Lebens und des Sehens

Leben braucht immer einen Mittelpunkt, ein „Herz“, von dem es ausgeht und zudem es zurückführt. Diese Mitte ist im Kirchenraum symbolisch der Altar. In der jetzigen Neugestaltung tritt der nach vorn gerückte Kalksteinaltar auf der Altarinsel in schwarzem Granit deutlicher als bisher in Erscheinung. Er ist der Ort, wo das eucharistische Opfer Christi dargebracht und die Christusgläubigen, die ihn aufnehmen, zu „Kindern Gottes“ werden (vgl. Joh 1,12).

Recht verstanden ist in diesem Sinn jede Liturgie eine wirkliche Schule des Lebens und des Sehens, wo es nicht bloß um Wissensvermittlung, sondern um die Bildung von Herz und Gewissen geht. Die Aufgabe der Liturgie ist, Geist und Sinne aufzuschließen für den Sinn des Lebens, der in der heiligen Handlung vergegenwärtigt und vollzogen wird, also Orientierung zu schenken. Orientierung bedeutet wörtlich: sich am „Oriens“, dem Aufgang der Sonne im Osten, auszurichten. Deshalb sind die Kirchen ursprünglich geostet, auch der Rottenburger Dom. Denn nach der christlichen Tradition ist Christus die wahre „Sonne der Gerechtigkeit“ (Maleachi 3,20) und das vollkommene „Bild Gottes“ (Kolosser 1,15, vgl. Weisheit 7,26), geht mit ihm das „aufstrahlende Licht aus der Höhe“ (Lk 1,78) auf. Jeder Sonntag und jede Eucharistiefeier ist eine Erinnerung und Vergegenwärtigung dieser Erfahrung des Osterlichtes, die der Apostel Paulus sogar auf das Urlicht der Schöpfung im „Anfang“ zurückführt (vgl. 2. Korintherbrief 4,6).

5 Gegründet auf das Zeugnis der Apostel und der Heiligen

Der schon genannte erste Petrusbrief spricht nicht nur von den Gläubigen als „lebendigen Steinen“ des Hauses Gottes, sondern auch von Christus als dem auserwählten Eckstein oder Schlussstein (1 Petr 2,6f). Dieser Schlussstein ist zum einen im Altar versinnbildet, zum anderen aber auch in der Kathedra des Bischofs. Der Bischofsstuhl ist im Dom jetzt auch optisch in die Mitte auf die Achse des Chorraumes unter den Gewölbescheitel der Apsis gerückt worden und schließt die Gemeinschaft der Gläubigen mit Domkapitel und Alumnen des Priesterseminars im Chorraum zusammen.

Bei aller notwendigen Vielfalt im Glauben die Einheit zu ermöglichen und darzu-stellen, ist ja die vornehmste Aufgabe des Bischofsamtes. Ich bin froh und dankbar, dass es in der Frage des Standortes der Kathedra zu einer über-zeugenden Lösung gekommen ist. Sie unterstreicht einerseits die herausgehobene Stellung des Bischofsamtes, bindet es andererseits aber auch zugleich in die Gemeinschaft der Gläubigen ein. Zudem ermöglicht sie einen unver-stellten Sichtkontakt zwischen Bischof und Gottesvolk.

Die katholische Kirche gründet bekanntlich im Bischofsamt, das selbst wieder auf das Zeugenamt der Apostel zurückgeht. Neben den apostolischen Osterzeugen sind es die Heiligen, die die Kirche tragen und zu allen Zeiten und Epochen mit ihrem Ursprung in Christus verbinden.

Einer dieser Heiligen ist unser Diözesanpatron, der heilige Martin von Tours. Ich bin außerordentlich froh darüber, dass der Erzbischof von Tours, André Vingt-Trois, am Eröffnungsgottesdienst am kommenden Sonntag teilnehmen und eine Reliquie des heiligen Martin von Tours mitbringen wird. Für diese Reliquie wurde eigens ein modernes Reliquiar geschaffen, das einen herausragenden Platz zwischen Chor und Sakramentshaus mit dem Allerheiligsten finden wird. Die Reliquie ist ein „Erinnerungs-Zeichen“ und „Denk-mal!“ des Martin, der seinen Mantel teilte, um einen frierenden Bettler zu bekleiden. Martin ist so die herausragende Gestalt, die uns alle an die Mitte des christlichen Glaubens erinnert: die tätige Nächstenliebe und das Teilen.

6 Ganzheitliche Sinn-Erfahrung in Fest und Feier

Reliquien als leiblich-sinnfällige Zeichen der Gegenwart der Heiligen können helfen zu sehen, dass die Kirche wirklich eine universale “Gemeinschaft der Heiligen“ ist. Als solche übergreift sie Räume und Zeiten, Epochen und Kulturen. Zugleich ist ihr die Dimension konkreter Leiblichkeit und Sinnenhaftigkeit wichtig.

In der heutigen Flut der Bilder und Töne und der Überschwemmung mit sinnlich-akustischen Reizen aller Art ist es notwendig und unerlässlich, die Sinne in der Unterscheidung zu schulen, was wirklich dem Menschen dient. Es gilt, durch heilige Zeichen, Gesten und Handlungen eine ganzheitliche Erfahrung des Sinns des Menschseins zu eröffnen. Die Liturgie der Kirche hat in diesem Sinn eine eminent „ästhetische“ Bedeutung, die im Grunde alle Künste einbezieht, nicht zuletzt auch die Musik.

Dank der Domsingschule, der größten in Deutschland, und dank der Hochschule für Kirchenmusik in Rottenburg wird die sakrale Musik am Dom in besonderer Weise gepflegt, ohne die eine „erhebende“ Liturgie und ein Bischofsgottesdienst kaum vorstellbar ist. Die neue Orgel im Chor wird die Bedeutung der Musik als der universalsten Annäherung an das Heilige noch unterstreichen.

Die ästhetisch gehobene Gestaltung der Liturgie, besonders an der Kathedralkirche, verfolgt dabei keinen Selbstzweck und will schon gar nicht ein „klerikales Hofzeremoniell“ in Szene setzen. Vielmehr will sie der Schönheit Raum und Gestalt verleihen. Denn auch Schönheit und Festlichkeit sind es, die zu allen Zeiten eine Brücke zum Göttlichen schlagen und das menschliche Herz erheben.

Der Kirchenraum ist aber auch ein Ort der Klage, der Gott-Suche und der Zuflucht, ja ein „Asyl für letzte Fragen“ , die zu stellen es heute der besonderen Ermutigung bedarf. Auch dafür ist eine Kirche wie der Dom da. Die neu und ausgesprochen einladend gestalteten Portale lassen diese Offenheit der Kirche auch sinnfällig werden. Ich bin dankbar dafür, dass der Dom tagsüber geöffnet ist und auch geöffnet bleiben wird, um diesem Charakter der Zufluchtsstätte des Gebetsraumes auch real Ausdruck zu verleihen. In liturgisch gestalteter Weise wollen wir diese Öffnung ja auch für die ganze Diözese bei der „Nacht der offenen Kirchen“ am 26. September vollziehen, wozu ich an dieser Stelle schon jetzt die Kirchengemeinden einladen möchte.

7 Impuls für die Diözese und Dank an die Verantwortlichen

Das Herz der Menschen in der festlichen Feier zu Gott zu erheben und zum Gotteslob und zu tätiger Nächstenliebe (Caritas) zu befähigen, ist der letzte Sinn von Kirche und Theologie. Mit der neuen Gestaltung unserer Domkirche ist es gelungen, die baulichen und architektonischen Voraussetzungen dafür zu schaffen. So bin ich zuversichtlich, dass die festliche Feier der Domliturgie auf die gesamte Diözese ausstrahlen und einen Impuls der Erneuerung für das gesamte liturgische Leben und damit auch das caritative Leben unserer Diözese geben wird. Liturgie und Diakonie (Caritas) gehören untrennbar zusammen.

Ausdrücklich möchte ich am Schluss eines langen Weges, den die Verant-wortlichen für das Gelingen der Domerneuerung gemeinsam gegangen sind, herzlich Dank sagen und meine Anerkennung aussprechen. Namentlich genannt seien das Architekturbüro Hahn und Helten, insbesondere Professor Ulrich Hahn, für seinen Entwurf der Neugestaltung. Zu danken ist dem Bischöflichen Bauamt unter Diözesanbaumeister Heiner Giese, dem Kirchengemeinderat St. Martin mit Pfarrer Harald Kiebler und dem Zweiten Vorsitzenden Rolf Seeger, dem Domkapitel mit Domdekan Prälat Georg Kopp, allen Spendern und allen, die zur Finanzierung des Drei-Millionen-Projekts beigetragen haben oder noch beitragen werden.

Zu danken ist darüber hinaus der St. Moriz-Gemeinde, dem Martini-Haus und den Patres im Weggental für die Aufnahme von Bischof, Domkapitel und Domgemeinde in der Zeit der Renovation und die erwiesene Gastfreundschaft. Nicht zuletzt ist den beteiligten Bauarbeitern und Handwerkern zu danken, was bereits gestern Abend in einer eigenen Dankesfeier im Dom geschehen ist. Sie haben Hervorragendes geleistet, wovon wir uns jetzt alle gleich selbst überzeugen können.