Bischof Dr. Gebhard Fürst: Wort zum Sonntag in SWR 2 2003

Wort zum Sonntag, SWR 2

Die Sommerferien beginnen und vielen geht es da ähnlich: Einerseits Hoffnung auf schöne Erfahrungen in anderen Ländern und Landschaften, das Kennenlernen anderer Menschen. Aber auch eine gewisse Bangigkeit: Wie wird die Reise sein? Wie werden wir es antreffen unterwegs, am Urlaubsort, in unserem Quartier, mit dem Wetter? Wieder andere werden nicht wegfahren. Sie werden versuchen, zu Hause etwas Erholung zu finden. Ein paar freie Tage, eine schönes Wochenende. Einfach einmal ein schöner Abend auf Balkon oder Terrasse, bei einem Glas Wein oder beim Grillen.

Alle gemeinsam will ich heute ansprechen: die Menschen, die verreisen und die, die bleiben, die mit den erwartungsvollen und die mit den bangen Gefühlen. Ich möchte ihnen dazu eine jüdische Geschichte erzählen:

Ein Rabbi pflegte, nie anders als sitzend zu schlafen, um sein Studieren und Meditieren über der Heiligen Schrift nicht zu lange zu unterbrechen. Den Kopf auf dem Arm und zwischen den Fingern eine brennende Kerze, die ihn wecken sollte, sobald die Flamme seine Hand berührte. Einmal kam ein Freund zu ihm. Als dieser seinen seltsamen Brauch sah, sich vor dem Schlaf zu bewahren, überredete er ihn, sich doch einmal auf einem Ruhebett zum Schlaf auszustrecken. Gesagt, getan: Der Rabbi schlief bis zum anderen Morgen. Er merkte, wie lange er geschlafen hatte, aber es reute ihn nicht, denn sein Geist war auf einmal von einer nie gekannten Klarheit und sein Körper war erfrischt, wie er es nie zuvor empfunden hatte. Er ging ins Bethaus und betete der Gemeinde vor. Den Menschen aber erschien es, als hätten sie ihn noch nie gehört, so klar waren seine Gedanken, so bezwingend die Macht seiner Rede. Später sagte der Rabbi zu seinem Freund: "Jetzt erst habe ich erfahren, dass man Gott auch mit dem Schlafe dienen kann!"

Wenn wir in der Geschichte statt "Schlaf" - "Urlaub" einsetzen, dann hieße der letzte Satz: "Jetzt erst habe ich erfahren, dass man Gott auch mit dem Urlaub dienen kann!"

Ist das nicht oft unsere Lage, dass wir, um das Bild aufzunehmen, mit einer brennenden Kerze dahocken, dass wir nur ja nicht "einschlafen" wollen. Anders gesagt, dass wir nur ja nicht einmal ausspannen, die Seele baumeln lassen, einmal beiseite schieben, was uns sonst tagein tagaus beschäftigt oder gar beschwert?

Lassen wir uns auf die Geschichte des Rabbis ein. Hören und versuchen wir vor allem, sie zu beherzigen! Denn als der Rabbi sich einmal dem Schlaf überlässt, erfährt er, was ihm bisher fehlte. Erlauben wir uns das doch: Frei-Zeit haben, Freude empfinden, einmal loslassen und unbeschwert sein.

Nicht nur dem Rabbi täte ein guter, langer Schlaf und eine Auszeit einmal Not! Auch uns! Aber wie können wir es schaffen, loszulassen? Wie aussteigen aus dem Alltagsgetriebe? Wenn wir das ganze Jahr an unserer Arbeit festhalten, festhalten müssen? Wenn sich das Karussell unaufhörlich dreht? Vielleicht mag es ein Anfang sein, wenn wir uns fragen, wie Gott uns denn will. Es gibt einen weisen Satz, der in die Richtung weist: "Gott achtet uns, wenn wir arbeiten, aber er liebt uns, wenn wir singen!" Gott will demnach fröhliche Menschen, die auch spielen und sich freuen können. Ich denke Gott will uns nicht nur betriebsam und fleißig. Er will ausgeglichene Menschen mit genügend Erholung und nicht gebeugte, nur pflichterfüllte, bedrückte Typen, die die Schönheit der Welt und des Lebens nicht mehr sehen und genießen können. Und vor allem will er Menschen, die entspannt und fröhlich dann auch anderen etwas weitergeben können: Von der Kraft und den guten Gedanken, die sie im Urlaub gesammelt haben. Wie gut wird das auch unserer Umgebung tun, wenn wir zurückkommen und dann besser gelaunt sind, erholt, ausgeschlafen, mit neuen Ideen und neuer Kraft.

Ich wünsche Ihnen eine schöne und erholsame Urlaubszeit. Und dass sie sich von all dem Druck und Stress unserer täglichen Mühen heilen lassen.