Bischof Dr. Gebhard Fürst: Zur Praxis des gesellschaftlichen Dialogs zwischen Christen und Muslimen nach dem 11. September’ 2004

Stuttgart-Hohenheim, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich grüße ich Sie und heiße Sie im Namen der Diözese Rottenburg-Stuttgart hier in Stuttgart willkommen.

Wohl zu keiner anderen Zeit hat sich die Notwendigkeit des Dialogs zwischen Kulturen und Religionen beinahe tagtäglich auf so dramatische Weise gezeigt wie in unseren Tagen. Deshalb bin ich überaus dankbar über die Veranstaltung hier im Tagungszentrum der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, eine Veranstaltung, die in einer großen regionalen und thematischen Vielfalt die verschiedensten Facetten des Islam kennenzulernen hilft. Die Notwendigkeit einer Intensivierung des Dialogs ist uns allen, seit jenem 11.9.2001, dem jetzt mit dem 11.3. 2004 ein zweites Datum grausam zur Seite tritt, unabweisbar klar geworden. Die entscheidende Frage lautet: wie kommen wir in ein partnerschaftliches Verhältnis zu den Ländern des Islam und den vom Islam geprägten Ländern zu uns? Die militärischen Aktionen zur Beseitigung des Diktators Saddam Hussein haben dies sicher nicht einfacher gemacht.

Wir brauchen ohne Zweifel erneute, große Anstrengungen um verstärkt in einen geduldigen Dialog zu kommen, was ohne Frage schwierig genug ist. Dialog und Rechenschaft über den Glauben, die uns innerkirchlich und gegenüber der Gesellschaft unverzichtbar sind, beziehen sich selbstverständlich und mit Respekt und Geduld auch immer wieder auf die anderen Konfessionen sowie in der kleiner gewordenen Welt auch auf die anderen Religionen.

Kurien-Kardinal Walter Kasper, mein Vorgänger im Bischofsamt, hat jüngst zu einer ‚neuen Kultur des Miteinanders, der Gerechtigkeit, des Teilens und der Barmherzigkeit‘ aufgerufen und dabei versucht, gerade in unseren Tagen zu buchstabieren, was Frieden heute heißen kann und muss. Ich darf ihn zitieren: „Dialog ist heute das neue Wort für Frieden... Dialog zwischen den Religionen und zwischen den Konfessionen, mehr Dialog auch in unserer Kirche selbst.“ Er hat damit eine Überzeugung ausgesprochen, die mich selbst seit meiner Zeit als Direktor der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, also seit fast 20 Jahren selbst bestimmt und leitet. Ich möchte diesen Dialog in dem sich die Dialogpartner ja immer nur auf Augenhöhe begegnen können, sogar als das notwendige, charakteristische Kennzeichen und die notwendige Verhaltensweise einer Kirche im 21. Jahrhundert bezeichnen. Diesen Dialog kann nur eine Kirche führen, die ihre Wurzeln, ihre Überzeugungen, ihre Geschichten und Traditionen sehr wohl kennt, die aber offen und dialogbereit ihren Platz mitten in der Welt einnimmt. Ich spreche von einem Dialog, der lernbereit ist und auf gleicher Augenhöhe den anderen auch zuhört und sie wirklich ernstnimmt, ohne ihnen besserwisserisch vorschnell ins Wort zu fallen. Eine lernbereite und so lernfähige Kirche, die ihre Geschichten und ihre Botschaft auf immer neue Art und Weise zu erzählen und argumentativ zu erschließen versucht, die aber auch offen und unvoreingenommen den anderen, den ganz anderen, den Fremden anzunehmen und zuzuhören bereit ist.

Ein zweiter Punkt der Verdeutlichung ist mir heute noch besonders wichtig, weil ich denke, dass gerade im Zusammenhang mit der sogenannten ‚Kopftuchdebatte’ womöglich Unklarheiten entstanden sind. Der Islam ist für mich eine Wirklichkeit in unserem Land sehen. Was dies bedeutet, das haben wir im Grunde noch nicht wirklich begriffen. Auch hier müssen wir dringend in einen vertieften Dialog eintreten – und zwar von beiden Seiten! -, um friedlich und gut miteinander leben zu lernen. Der Islam ist eine monotheistische Hochreligion, mit der wir uns in der Gesellschaft in Deutschland, noch viel intensiver beschäftigen müssen. Denn ich sehe durchaus die Gefahr, dass es zu einem Konflikt der unterschiedlichen Kulturen kommen könnte. Unterschätzen sie auch nicht das Signal, das von der Attentatsdrohung auf Bundespräsident Rau und dem Abbruch seiner Reise auf Deutschland ausgeht! Das wechselseitige Kennenlernen, nicht nur der Positionen, sondern auch als Personen, wie es im Rahmen dieser Tagung geschieht, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, Dialog als Friedenssicherung oder Wiedergewinnung von Frieden konkret werden zu lassen.

Hierbei habe ich mich selbst seit vielen Jahren engagiert und mich dabei entschieden für den Dialog mit den Muslimen eingesetzt. Ich darf dies an drei Beispielen erläutern: Bereits im ersten Jahr als Bischof habe ich mich für einen muslimischen Religionsunterricht an unseren Schulen in deutscher Sprache ausgesprochen. Denn ich bin überzeugt, dass ein solcher Unterricht der Integration der Muslime nützt und das Abgleiten in extremistisch-fundamentalistische Randgruppen verhindert. Ebenso habe ich mich für das selbstverständliche Recht der Muslime ausgesprochen, Gebetsräume bzw. Moscheen und entsprechende Gemeinderäume zu haben, die auch von außen durch Symbole erkennbar sind. In den Tagen nach dem 11.9.2001 habe ich in mehreren Stellungnahmen eindringlich darum gebeten, fanatische und fundamentalistische Gruppierungen, die zu Gewalt und Terror greifen, nicht mit dem Islam gleichzusetzen, der meiner Überzeugung nach in der großen Mehrzahl aus friedliebenden Gläubigen bestehe. Ich habe damals auch staatliche Stellen gebeten, nicht nur Synagogen zu schützen, sondern auch Moscheen.

In all diesen Überlegungen sind für mich immer die eindrucksvollen Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Konstitution Nostra Aetate selbstverständliche Richtschnur. Zu ihr stehe ich auch heute voll und ganz. Dort heißt es unter anderem:

In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasst sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.’ (NA1) ‚Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.’ (NA 3)

Diese Sätze, die mir in Klarheit und Weisheit an Passagen aus Lessings ‚Nathan, der Weise’ heranreichen, in dem dieser die Ringparabel über die Wahrheit der Religionen erzählt, die eben darin besteht, das Gute zu tun und dem Frieden zu dienen, erschließen ausführlich eben das, was ich mit der Formulierung vom neuen Wort für Frieden, das Dialog heißt, benannte.

In diesen Sätzen ist für mich in präziser Klarheit beides enthalten: die Anerkennung und der Respekt gegenüber dem Islam, aber auch der Wille, durch geduldigen gegenseitigen Dialog auf dem gemeinsamen und friedlichen Weg der Wahrheit zu gehen. Wir sind froh darüber, in einem Land zu leben, in dem das Grundgesetz die freie Religionsausübung für alle Religionen garantiert. Dieses Recht hatte auch das Konzil als einen unverzichtbaren Ausdruck der garantierten Menschenwürde benannt und dabei formuliert: ‚Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen - innerhalb der gebührenden Grenzen - nach seinem Gewissen zu handeln.’

Mir ist völlig klar, dass wir uns hier auf schwierigem Terrain bewegen oder um den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann zu zitieren, ‚dies sei ein Thema mit unheimlich vielen Facetten’. Aber gerade weil wir jenes Grundrecht einer jeden Person hochhalten, wertschätzen und für unverzichtbar halten, muss es meines Erachtens auch möglich sein, wahrzunehmen, wenn von welcher Seite auch immer Personenrechte gefährdet werden. Wo dies der Fall zu sein scheint, halte ich es zumindest für geboten, auch Grenzen zu setzen, insbesondere dort, wo z.B. die personale Würde der Frau in Frage gestellt wird. Und da dürfen und müssen wir auch im Dialog Fragen an die Muslime stellen und sie zu bitten mit uns zu reden. Der Vorstellung, dass Muslime potentiell gewalttätiger wären als andere, müssen wir gemeinsam entgegentreten. Hierzu ist aber auch nötig, dass die Muslime untereinander klären, was sie verteidigen wollen und wo sie sich abgrenzen müssen. Ich wünsche mir und halte es auch für unverzichtbar, dass Muslime sich von denjenigen distanzieren, die im Namen ihrer Religion bomben und morden.

Von mehr als drei Millionen Muslimen in Deutschland – zwei Millionen aus der Türkei, aber auch viele aus dem Iran, aus Marokko, Afghanistan, Bosnien, aus dem Libanon, dem Irak und Pakistan – sind die allermeisten friedliebende Mitbürger, davon bin ich überzeugt. Sie verabscheuen Terror wie wir, wollen nichts zu tun haben mit fanatischen Islamisten und ihren Cliquen. Sie sollten das deutlich sagen. Der internationale Kampf gegen den Terror, zu dem die Staatengemeinschaft auffordert, kann nicht von Regierungen allein geführt werden. Wenn die schweigende Mehrheit ihre Position benennt, können einzelne Schwankende vielleicht für Toleranz und den Sinn von Menschenrechten gewonnen werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und stehe selbstverständlich für Ihre Fragen und ein Gespräch zur Verfügung.