Bischof Dr. Gebhard Fürst zur Woche für das Leben 2003

Stuttgart, Bethesda-Krankenhaus

Für einen umfassenden Begriff von Gesundheit - Von einer neuen Kultur des Helfens

Zum 13. Mal findet in diesem Jahr die bundesweite Aktion „Woche für das Leben“ statt, zum zehnten Mal in ökumenischer Verantwortung. Die Woche für das Leben weist auf Gefährdungen und problematische Entwicklungen hin, die den Schutz des Lebens gefährden und - bisweilen auch unter dem Vorwand der Heilung - willkürlich und irreversibel in die Grundlagen des Lebens eingreifen. Ging es unter dem Oberthema "Um Gottes willen für den Menschen" im letztem Jahr um Fragen des menschlichen Lebens an seinem Beginn, so wird es im kommenden Jahr um den Menschen am Ende des Lebens gehen. In diesem Jahr stehen die "Chancen und Grenzen des medizinischen Fortschritts" im Mittelpunkt der ökumenischen Aktion.

1 Medizinischer Fortschritt wird von den Kirchen begrüßt

Die Erfolge des medizinischen Fortschritts sind beachtlich. Sie haben inzwischen Heilung oder zumindest Linderung möglich gemacht, wo früher der ärztlichen Kunst enge Grenzen gesetzt waren. Fast in allen Bereichen gibt es hier Fortschritte und wir sind dankbar, dass Lebenserwartung und Lebensqualität für viele dadurch gesteigert werden können.

Die Kirchen begrüßen diesen medizinischen Fortschritt. Leben soll sich nach Gottes Willen in der Vielfalt seiner Möglichkeiten entfalten dürfen, es soll wachsen und reifen können. Die Heilungsberufe genießen im Kontext christlicher Verkündigung hohes Ansehen. Wer das Leben fördert, sich für Heilung einsetzt und gegen das Leid ankämpft, arbeitet mit an der Vollendung der Schöpfung.

Zu den herausragenden Bezeichnungen Christi in den Evangelien gehören seit jeher „Heiland“ und „Arzt“. Die Kirchen haben sich deshalb in ihrer Geschichte immer für Heilung engagiert. Das Krankenhauswesen ist aus kirchlicher Tradition entstanden - noch heute ist in Deutschland jedes dritte Krankenhaus in christlicher Trägerschaft.

2 Für einen umfassenden Begriff von Gesundheit

Aber so erfreulich medizinische Fortschritte sind, so deutlich müssen auch die damit verbundenen Gefahren gesehen und benannt werden. Die Diskussion über die Fortschritte der Medizin legen in der Öffentlichkeit den Eindruck nahe, als sei ein Leben ohne Krankheit möglich, ja, als gäbe es geradezu einen Rechtsanspruch auf Heilung. Die Befreiung von Krankheit und physischem Leid darf aber bei aller positiven Bedeutung, die ihr zukommt, nicht verabsolutiert werden. Gesundheit und Wohlbefinden sind auch mit einer noch so hochentwickelten Medizintechnik nicht einfach herstellbare Güter. Sie sind und bleiben im letzten ein Geschenk.

Dies zeigt sich schon darin, dass Gesundheit nicht bloß als körperliches Wohlbefinden verstanden werden kann. Denn auch das körperliche Wohl hängt von sozialen Beziehungen, von seelischem Glück und nicht zuletzt von spiritueller Sinnerfahrung ab. Wem soziale Anerkennung vorenthalten wird, wer dauerhaft Gewalt, Diskriminierung oder etwa auch Mobbing erfährt, dessen Gesundheit wird massiv beeinträchtigt. Das gleiche gilt für Menschen, die ihr Leben als im letzten absurd und sinnlos erfahren, die sich einsam und verloren vorkommen. Wir brauchen als Menschen ausreichend körperlichen Bewegungsraum, Licht, Wärme und ein „gesundes Klima“, aber auch einen geistig-seelischen Beziehungsraum der Annahme, Liebe und Achtung. Ja, letztlich ist so etwas wie „Wahrheit“ für unsere Gesundheit notwendig. Sehr dezidiert versteht sich die christliche Glaubensunterweisung von Anfang an als eine „gesunde Lehre“ (1 Tim 1,10; 2 Tim 1,13; 4,3).

Gesundheit in diesem umfassenden, ganzheitlichen Sinn hat also mit der körperlichen auch eine soziale, seelische und spirituelle Dimension. Die Vorstellung, Krankheit an sich ließe sich allein medizinisch-technisch in den Griff bekommen, ist und bleibt deshalb eine gefährliche Illusion. Sie führt die Medizin in einen Machbarkeitswahn mit Folgen, die niemand wollen kann.

3 Behinderung schließt Lebensglück nicht aus

Das trügerische Bild vom perfekten Menschen führt vor allem dazu, dass Menschen, die diesem Bild nicht entsprechen, von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Heute werden ganze Medizinbereiche entwickelt, um möglichst schon vor der Geburt krankes oder behindertes Leben auszusondern. Das aber ist nicht nur ein Verstoß gegen die christliche Ethik, die eben in jedem menschlichen Leben ein Bild Gottes sieht, das vorbehaltlos angenommen ist und seinen eigenen Wert und seine eigene Würde besitzt. Solche Selektion verstößt zudem gegen die Menschenwürde, die jedem Menschen von der ersten Lebensphase bis zu seinem Tod zukommt.

Lebensglück und körperliches Freisein von Behinderungen sind nicht identisch. Viele Menschen, die von Behinderungen, bleibender Krankheit oder krankheitsbedingter Eingrenzung betroffen sind, aber auch jene, die schon behindert auf die Welt kommen, lieben ihr Leben. Sie haben gelernt, mit bestimmten Einschränkungen sinnvoll zu leben. Davon zeugen Biografien und Gespräche mit Menschen im Krankenhaus oder in unseren Einrichtungen von Caritas und Diakonie. Es gibt sinnerfülltes Leben unter schwer eingeschränkten gesundheitlichen Bedingungen, wie umgekehrt ein Leben ohne Behinderungen nicht einfach schon glücklich ist.

Es geht uns also auch wesentlich darum, die personale Würde unheilbar Kranker und irreversibel Behinderter zu schützen. Es bleibt die Gemeinschaftsaufgabe der Gesunden und Leistungsfähigen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kranke und Behinderte ihr Leben nach ihren Möglichkeiten entfalten und zur Reife bringen können. Der Umgang mit Krankheit, Gebrechlichkeit, Leid und Tod, letztlich mit der Endlichkeit des irdischen Lebens will - unter Wahrung der Menschenwürde - gelernt sein.

4 Menschliche Zuwendung ist Teil des Heilungsprozesses

Die Diskussion über die Zukunft der modernen Medizin wird vor allem über die Frage der Finanzierbarkeit der Medizin geführt. Wie aber steht es um die menschliche Zuwendung zu Kranken als Teil des Heilungsprozesses, wie um die seelsorgerische Begleitung und die Pflege? Gerade die Pflegekräfte werden heute in dem Spagat zwischen Ökonomisierung der Pflege und der Verantwortung gegenüber den Pflegebedürftigen beinahe zerrissen.

Pflege, so scheint es, wird immer mehr entpersonalisiert. Wenn kranke Menschen nur noch nach Kriterien wie "satt und sauber" behandelt werden und sie keine menschliche Zuwendung erfahren, dann geht viel mehr verloren als nur der soziale Standard. Hierauf müssen wir bei aller Diskussion über die Bezahlbarkeit des Gesundheitswesens ein besonderes Augenmerk legen.

Begrenzte Budgets und Rationalisierung sorgen insbesondere bei den Pflegeberufen für lähmenden Stillstand. Innovationsfreudige Mitarbeitende wandern ab, Leistungsträger brennen aus, für Zuwendung und Beratung bleibt immer weniger Zeit. Auch deshalb wollen nur noch wenige junge Leute diesen Beruf ergreifen. Weniger als zehn Prozent der Schulabgänger interessieren sich für soziale Berufe. Gesellschaftliche Anerkennung findet man offensichtlich eher in anderen Branchen.

Es geht dabei wohl nicht in erster Linie ums Geld, sondern vor allem auch um die Anerkennung für Menschen, die sich kranken und hilfebedürftigen Menschen zuwenden und dies zu ihrem Beruf machen. Hier ist dringend ein Umdenken erforderlich. Der medizinische Fortschritt darf nicht dazu verleiten, diese ganzheitlichen Aspekte einer Kultur des Helfens zu unterschätzen oder sie sogar langfristig für entbehrlich zu betrachten.

5 Für eine ganzheitliche Kultur des Helfens

Mit der diesjährigen „Woche für das Leben“ wollen wir eine solche ganzheitliche Kultur des Helfens fördern. Der medizinische Fortschritt muss segensreich für alle sein, er darf nicht kostenbedingt nur wenigen zu Gute kommen. Gerade weil Gesundheit ein vielschichtiger Begriff ist, sind ethische Kriterien für den Umgang mit Gesundheit und Krankheit notwendig.

International gelten dabei folgende Stichworte: dem Patienten nicht schaden, Gerechtigkeit üben, nach den Prinzipien der Wahrheit und Ehrlichkeit handeln, Selbstbestimmung ermöglichen und das Patientenwohl bei allem Handeln im Blick behalten. Dieser Umgang mit den Chancen und Grenzen des medizinischen Fortschrittes macht auch sensibel für die kleinen alltäglichen Hilfen und Stützen, die Menschen einander schenken. Eine Kultur des Helfens wird dabei überall dort verwirklicht, wo Menschen wahrnehmen, dass ihr Rat und ihre Tat gefragt ist – sei es in der Hilfe für den kranken Nachbarn, beim Besuchsdienst im Krankenhaus, in der Arbeit unserer Beratungsstellen, bei der Seelsorge, der medizinischen und pflegerischen Betreuung in unseren Krankenhäuser und der vielen Hospizdienste.

Gefordert ist darüber hinaus eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Grenzen bewusst bleibt, die damit zurecht kommen kann, dass wir begrenzte, endliche und unvollkommene Wesen sind und bleiben. Dieses „Ja“ zur Endlichkeit als der grundlegenden condition humaine ist zugleich das entschiedene Nein zum Wahn, selber sein zu wollen wie Gott und die Erschaffung des Menschen in die eigene Hand zu nehmen.

Das Leben bleibt zuerst und zuletzt eine Gabe, ein Geschenk aus der Hand Gottes, und sodann eine Aufgabe, die unser Handeln nach ethischen Vorgaben und Maßstäben verlangt. Eine letzte Verfügung über uns selbst haben wir weder am Anfang noch am Ende unseres Lebens. Dies zu respektieren bedeutet keinen Verzicht auf menschliche Handlungsoptionen, sondern lässt sie erst wirklich menschlich und hilfreich sein.