Bischof Dr. Gebhard Fürst zur Woche für das Leben 2005

Stuttgart

Mit Kindern – ein neuer Aufbruch" ist das Thema der diesjährigen "Woche für das Leben". Das Leitthema der Woche für die nächsten drei Jahre lautet "KinderSegen – Hoffnung für das Leben". Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland betonen somit die Bedeutung von Kindern – nicht für den privaten Bereich, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Sie reagieren damit auch auf den beispiellosen demografischen Wandel in Deutschland und Europa, der sich auf alle Lebensbereiche auswirken wird. Kinder und Familien brauchen den ihnen gebührenden Platz in der Gesellschaft.

Das gilt natürlich auch für die Senioren, deren Zahlen stark zunehmen werden.Das komplexe Thema der Abnahme der Kinderzahlen und die damit verbundene Krise des ‚Generationenvertrags’ ist inzwischen schockartig ins allgemeine Bewusstsein getreten. Vielfach werden Untersuchungen angestellt und von Bevölkerungsforschern Vorschläge gemacht, wie wir den dramatischen demografischen Wandel noch halbwegs erträglich gestalten können.

Bis 2030 wird in Europa die Zahl der Menschen im Rentenalter um 40 Millionen ansteigen. Gleichzeitig stagniert die Geburtenrate seit 30 Jahren. Sie lag in der Europäischen Union zuletzt bei knapp 1,5 Kinder je Frau, in Deutschland beträgt sie nur 1,4 (neue Bundesländer sogar 1,2). Besser sieht es dagegen etwa in Frankreich mit einer Geburtenrate von 1,9 aus. An unserem Nachbarland lässt sich lernen, was alles anders und besser gemacht werden kann und muss: Umfassende Steuervorteile, Zuschüsse für Haushaltshilfen, Begrüßungs- und Erziehungsgeld gehören ebenso dazu wie umfangreiche Betreuungsangebote, Berücksichtigung von Erziehungszeiten in der Rentenversicherung und manches mehr.

Dass Familien hierzulande vielfach ökonomisch benachteiligt und Kinder zu einem Armutsrisiko geworden sind, wurde bereits verschiedentlich beklagt und ist in der Tat sozialethisch untragbar.Die Kirchen in Deutschland leisten mit ihren Kindertagesstätten und kirchlichen Schulen, mit ihrer Jugendarbeit, Familienbildungsstätten, Internaten, Familienferiendörfern, Mutter-Kind-Gruppen, Erziehungsberatungsstellen und zahlreichen anderen Einrichtungen einen erheblichen Beitrag, um Familien zu unterstützen und zu entlasten - auch dazu, dass Frauen Familie und Beruf besser vereinbaren können (siehe beiliegendes Zahlenblatt). Das Bischöfliche Ordinariat in Rottenburg hat 2002 als erste Diözesanverwaltung bundesweit das Grundzertifikat Audit Beruf & Familie der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung erworben und wird in diesem Herbst das eigentliche Zertifikat erhalten, das die Diözesankurie als familienfreundlichen Arbeitgeber ausweist (mit Möglichkeiten zur Teilzeit, zur Gestaltung flexibler Arbeitszeit und –ort, Väterzeit, Chancenförderung und vieles mehr).

So notwendig all diese Maßnahmen im einzelnen sind – Landesbischof Maier wird gleich dazu noch mehr sagen –, so sehr scheint doch etwas Entscheidendes zu fehlen: die Demografen mahnen vor allem einen Mentalitätswechsel an. Während in Frankreich nur jede zehnte Akademikerin kinderlos bleibt, liegt der Anteil kinderloser Frauen unter den Akademikerinnen in Deutschland bei über 40 Prozent (männliche Akademiker etwas über 20 Prozent). Außerdem liegt das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes bei 30 Jahren, während in Frankreich oft auch junge Paare schon Nachwuchs haben.Der Kinderwunsch wird um so weniger realisiert, je unsicherer die Einkommensverhältnisse sind - und die sind meist lange unsicher.

Dies erst recht in unserer heutigen Zeit, wo Flexibilität, Mobilität und Effizienz hohe Priorität genießen. Wer aber als Arbeitnehmer stets mobil und flexibel zu sein hat, bei dem wird die Bereitschaft zur langfristigen Bindung und Übernahme von Verantwortung beinahe zwangsläufig geschwächt. Einerseits glaubt man, sich (noch) keinen Nachwuchs leisten zu können, andererseits aber will man sich auch keinen leisten. Denn damit sind ja auch erhebliche Einschränkungen und Belastungen verbunden.

So haben wir heute die paradoxe Situation, dass nur wohlhabende und ärmere soziale Schichten überdurchschnittlich viele Kinder haben. Ich bin mir sicher, dass der christliche Glaube, der Hoffnung und Zuversicht schenkt und der den Sinn des Lebens nicht nur im Wohlstand und in materiellen Gütern sieht, sondern im Wohlergehen vor und mit Gott, die Freude an Kindern stärkt.Wir brauchen also einen klaren Mentalitätswechsel, ein neues Bewusstsein für den Wert von Kindern und entsprechende Prioritäten in der Gesellschaft und Arbeitswelt, damit wieder ein kinderfreundliches Klima bei uns im Land entsteht. Kinder sind die allerbeste Lebensversicherung.

Wie aber lässt sich ein solcher Mentalitätswechsel herbei führen? Zu einem Artikel über kinderlos bleibende Akademiker bemerkte eine 28jährige berufstätige Akademikerin und Mutter zweier Kinder in einem Leserbrief: "Eine Familie braucht etwas, das dieses Land im Augenblick nicht geben kann: die Gewissheit, dass ein Leben mit Kindern lebenswert ist. Ohne Frage würden sich dann – nicht nur Akademiker – zu mehr Nachwuchs entscheiden." Was also fehlt, ist die Überzeugung vom Wert eines Lebens mit Kindern, oder allgemeiner: vom Sinn des Lebens überhaupt.

Dagegen scheint sich bei aller Betriebsamkeit eher ein diffuses Gefühl von Sinnlosigkeit breit zu machen. Ohne übergreifenden Sinn des Lebens aber wird es auch schwierig, sich auf eine lebenslange Partnerschaft in Treue mit einem anderen Menschen ganz einzulassen. Denn die Entscheidung von solcher Tragweite ist ja immer auch ein Vorgriff auf den Sinn des Ganzen. Ist das Leben mit Kindern lebenswert, ist es sinnvoll, Kindern das Leben zu schenken? Diese Grundfrage ist keine bloß private, sondern auch eine eminent gesellschaftliche Frage.

Natürlich leuchtet jedem theoretisch ein, dass eine Gesellschaft ohne Kinder zum Aussterben verurteilt ist. Wo aber bleiben die Konsequenzen daraus? Wenn aber unsere Gesellschaft gleichsam kollektiv ‚lebensmüde’ geworden ist und keinen Sinn mehr im Leben und in der Weitergabe des Lebens sieht, sollte sie daran etwas ändern? In unserem gegenwärtigen Mangel an Kindern zeigt sich also im letzten auch ein tiefer Mangel an Sinn und Hoffnung. Hoffnung aber lebt davon, dass das, was ist, nicht einfach irgendwie nur da ist, sondern dass es ‚gegeben’ ist, eine Gabe ist, ja, ein Geschenk der Liebe, für das wir dankbar sein können und dankbar sein dürfen. Aber vom Leben als Geschenk der Liebe zu reden, erscheint angesichts einer verbreiteten Mentalität des ‚Alles-Planens’ und ‚Alles-Machens’ antiquiert oder überholt.

Wir betreiben ‚Familienplanung’ und betrachten Kinder als ‚planbares Projekt’, so dass umgekehrt Kinder, die nicht ‚geplant’ sind, auch wieder ‚weggemacht’ werden können. Auf Geburtsstationen wird der Geburtstermin inzwischen so geplant, dass er in die Schichtarbeit des Personals passt – weshalb die mit Kaiserschnitt geholten Kinder zunehmen.Unsere rationale Planungs- und Sicherungsmentalität und der Wunsch nach Kindern, die im letzen immer eine Überraschung sind mit eigenem Kopf und Willen, vertragen sich also im Grunde nicht. Die Kulturwissenschaftlerin Beate Clausnitzer sagt deshalb in einem Beitrag für "Die Zeit" (10. März 2005), dass "die Logik der Arbeitswelt die Familien zerstört", und sie spitzt zu: "Der Kapitalismus frisst seine Kinder." Ihr Fazit lautet: "Der Geburtenrückgang ist die Quittung für ein hoch industrialisiertes Arbeits- (und Bildungs-)system und Ausdruck seiner Werte. Wir arbeiten, um kalkulierbar einen direkten materiellen Gewinn im Hier und Jetzt zu erzielen. Wert hat, was ‚sich rechnet’. Dieser Materialismus steht im Gegensatz zu dem, was Kinder bedeuten: eine unsichere Investition in eine Zukunft, die man selbst nicht mehr erleben wird, auf die man nur vertrauen kann."Kinder erinnern uns daran, dass es bei aller Fixierung auf Vergangenheit und Gegenwart doch auch eine grundsätzlich unplanbare Zukunft und dass es entscheidende nicht-materielle Werte gibt, für die es zu leben lohnt.Das Leben ist auf personale Beziehungen angelegt, und es wird dort reich und fruchtbar, wo es auf das personale Geschenk der Liebe in Liebe antwortet.

Deshalb bleibt auch wahr, das ein Leben nicht nur in Kindern ‚fruchtbar’ wird. Aber Kinder sind doch ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass der Grund unseres Lebens ein unbedingtes Ja zu uns ist, das wir uns nicht verdienen müssen und das wir auch nicht durch Misserfolg verlieren können, dass wir vielmehr nur als Geschenk oder ‚Segen’ annehmen können. ‚Segnen’ bedeutet wörtlich ‚Gut heißen’ (bene-dicere). Kinder sind ein Segen, weil sie ihr Leben einem guten Schöpfer verdanken, der ein "Freund des Lebens" (Weisheit 11,26) ist und das Leben "sehr gut" heißt (vgl. Gen 1,31). Durch diesen Segen ist das Leben in seiner personalen Tiefendimension immer schon weit reicher, als wir es durch Erwerbsarbeit je machen könnten.

Das, was das Leben im letzten lebenswert und sinnvoll macht, sind nicht äußerer Reichtum oder Erfolg, sondern die Liebe, die wir immer nur geschenkt erhalten können, Liebe, die deshalb auch immer nur erhofft werden kann. Einen ‚neuen Aufbruch’ mit Kindern, wie das diesjährige Motto der Woche für das Leben propagiert, wird es bei aller auch notwendigen materiellen Unterstützung wohl erst dann geben, wenn wir gesellschaftlich wieder lernen, dass das Leben überhaupt ein Segen und ein Geschenk ist, für das wir dankbar sein dürfen. Wir halten als Kirche das Bewusstsein dafür auch so wach, indem wir immer wieder neu ‚Eucharistie’ feiern, das heißt ‚Danksagung’. Ich danke für die Aufmerksamkeit!