Flüchtlingshilfe

„Bitte verlieren Sie nicht die Hoffnung“

Moneeb zeigt Bischof Dr. Klaus Krämer seinen Lego-Turm - ein kurzer Moment, der auch seine Mutter lächeln lässt.

Moneeb zeigt Bischof Dr. Klaus Krämer seinen Lego-Turm - ein kurzer Moment, der auch seine Mutter (rechts neben dem Bischof) lächeln lässt. Foto: DRS/Döpker

Bischof Dr. Klaus Krämer erfährt im Hashmi-Center in Amman die Lebensgeschichten der Geflüchteten.

Bischof Dr. Klaus Krämer erfährt im Hashmi-Center in Amman von den Lebensgeschichten der Geflüchteten. Foto: DRS/Döpker

Bischof Dr. Klaus Krämer besucht während seiner ersten Pastoralreise ein Caritas Center für nichtsyrische Geflüchtete in Jordaniens Hauptstadt Amman.

Moneeb und seine jüngere Schwester Joud spielen gut gelaunt vor den Füßen ihrer Mutter Manabae mit bunten Legosteinen. Die junge Frau im Kleid mit Leopardenmuster und schwarzem Kopftuch dagegen blickt angespannt in die Runde. Die Sudanesin sitzt in einer Gesprächsrunde Geflüchteter, die sich regelmäßig im Hashimi Center in Jordaniens Hauptstadt Amman trifft, und erzählt von ihrer Flucht aus dem Sudan. 2018 hat sich die junge Frau auf den Weg gemacht, weil sie es in ihrer von Kriegen gebeutelten Heimat nicht mehr ausgehalten hat. Und weil sie einen sicheren Platz und eine Zukunft für ihre Kinder wollte.

Auch Amani, die neben ihr sitzt, ist mit ihren drei Kindern aus dem Sudan geflohen. Hier in Amman hat sie zwar Schutz vor Krieg und Gewalt gefunden, doch wirklich sicher und geborgen fühlt sie sich auch hier nicht. Denn ihre Kinder werden in der Schule und auf den Straßen der jordanischen Hauptstadt wegen ihrer Hautfarbe gemobbt und angefeindet. Als sie davon erzählt, bricht sie in Tränen aus. Andere Frauen aus dem Sudan stimmen ihr zu. Auch ihre Kinder werden gemobbt. Unter anderem deswegen kommen sie regelmäßig in das von Caritas Jordanien getragene Hashmi-Center für nichtsyrische Flüchtlinge. „Wenn ich nicht mehr weiterweiß und Rat brauche, komme ich hier hin“, sagt Amani und kämpft wieder mit den Tränen.

Diözese unterstützt Projekte

Mitten in der Gruppe von Geflüchteten sitzt Bischof Dr. Klaus Krämer auf einem gelben Sitzsack und hört mit ernstem Gesichtsausdruck schweigend zu. Noch bis zum kommenden Montag ist er auf seiner ersten Patoralreise als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Jordanien unterwegs. Das Ziel der Reise ist bewusst gewählt, denn erst vor ein paar Wochen hat die Diözese ein „Positionspapier zur aktuellen Lage von Flucht und Migration in der Diözese Rottenburg-Stuttgart“ veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: „Die Fürsorge für Geflüchtete und Migrant:innen gehört zum Selbstverständnis der Diözese Rottenburg-Stuttgart“. Jetzt macht sich der Bischof vor Ort ein Bild von den Projekten, die von der Diözese mitfinanziert werden.

Bereits seit 2014 werden von der Hauptabteilung Weltkirche in Rottenburg über Caritas International Projekte im Kontext von Flucht und Vertreibung in Jordanien unterstützt. In dem kleinen Land im Nahen Osten sind aktuell rund 1,8 Millionen Geflüchtete registriert - die meisten davon sind Palästinenser und Syrer, gefolgt von Menschen aus dem Irak. „Nur der Libanon hat im Verhältnis zu seiner Gesamtbevölkerung noch mehr Geflüchteten Schutz gegeben als Jordanien“, sagt Omar Abawi, der Programmchef von Caritas Jordanien. Da die jordanische Regierung die Registrierung der Geflüchteten durch die UN im März 2019 untersagt hat, dürfte die Dunkelziffer der Geflüchteten aber deutlich höher sein. Im Gegensatz zu registrierten Geflüchteten haben diese keinen Zugang zu staatlicher Unterstützung. Caritas Jordanien dagegen gewährt seine Hilfe allen Menschen unabhängig von Aufenthaltsstatus, Nationalität und Religionszugehörigkeit.

Deutschland als Zukunftstraum

Im Hashmi-Center zeigt der kleine Moneeb Bischof Krämer stolz sein Bauwerk aus Lego. Moneeb hat einen Turm gebaut, den der Bischof jetzt ausgiebig begutachtet. Zum ersten Mal huscht ein Lächeln über die Gesichter der in dem Raum versammelten Menschen. Ihre Mienen werden sofort wieder ernst, als eine junge Frau das Wort ergreift. Die 17-Jährige ist vor zehn Jahren mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern aus dem Irak geflohen. „Ich habe viele Menschen auf den Straßen sterben sehen, sagt sie mit emotionsloser Stimme.

Ihr Blick geht starr an die Decke des Raumes. Aus Angst selbst getötet zu werden hat sie in ihrer Heimat den Schulbesuch verweigert. Wo ihr Vater ist, weiß sie nicht. Er hat sich auf den Weg nach Deutschland gemacht. Seitdem hat die Familie nichts mehr von ihm gehört. Sie schweigt lange. Dann spricht sie von ihrer Zukunft und von ihrem Traum: „Jordanien ist ein gutes Land zum Leben“, sagt die 17-Jährige. Aber trotzdem möchte sie irgendwann nach Deutschland, um dort als Ärztin zu arbeiten.

Anfeindungen gegen Geflüchtete

Auch Jassir stammt aus dem Irak. Er würde gerne Fußballstar oder Pilot werden. Der 21-Jährige ist der einzige Mann in der Runde und vor zwölf Jahren mit seiner Familie vor der Gewalt und der Perspektivlosigkeit in seiner Heimat geflohen. Wirklich angekommen in Jordanien ist er in all den Jahren nicht. „Ich habe nach meinem Bachelorabschluss aufgehört weiterzustudieren und hänge jetzt viel zuhause rum“, sagt er mit leiser Stimme. Eine berufliche Perspektive hat er aktuell nicht.

Das liegt auch daran, dass Jordanien Geflüchtete zwar aufnimmt und duldet, aber nichts unternimmt, um diese in die Gesellschaft zu integrieren. „Die Sozialsysteme Jordaniens reichen für die eigene Bevölkerung, aber für diese Masse an Geflüchteten sind sie nicht ausgelegt, sagt Omar Abawi. Dadurch das viele Geflüchtete bereits seit vielen Jahren in Jordanien leben, wird der gesellschaftliche Zusammenhalt immer mehr belastet. Dies hat zur Folge, dass Ablehnung und Anfeindungen gegen diese Bevölkerungsgruppe stetig zunehmen.

Gelder für Nothilfe-Projekte für nichtsyrische Geflüchtete

Ein großes Problem für Geflüchtete aus dem Irak, dem Sudan und anderen Ländern ist zudem, dass die jordanische Regierung den Fokus klar auf die Unterstützung der syrischen Flüchtlinge legt. So würde Jassir gerne in Jordanien arbeiten, als Geflüchteter aus dem Irak darf er dies aber nicht. Menschen aus Syrien dagegen haben für einige ausgewählte Bereiche eine Arbeitserlaubnis.

Deswegen ist Omar Abawi auch sehr dankbar für die langfristige Unterstützung aus Deutschland für Projekte, die sich an nichtsyrische Geflüchtete richten. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat im Jahr 2024 Nothilfe-Projekte für nichtsyrische Geflüchtete von Caritas Jordanien mit 330.000 Euro unterstützt. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr für jordanische Projekte im Kontext von Flucht und Vertreibung rund 550.000 Euro bereitgestellt. Für dieses Jahr ist eine ähnlich hohe Summe bewilligt.

Caritas-Einrichtung als Hoffnungsort

Im Hashmi-Center, eines von 15 Caritas-Einrichtungen in Jordanien, finden Menschen wie Jassir ein offenes Ohr und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Hier können sich die Geflüchteten in einem „geschützten Raum“ über ihre Flucht und ihre aktuelle Situation in Jordanien austauschen und bei Bedarf auch psychologische Hilfe der Fachkräfte von Caritas Jordanien in Anspruch nehmen. „Gerade dieser Austausch über das Erlebte und das gegenseitige Zuhören ist für die Geflüchteten sehr wichtig und gibt ihnen Kraft“, sagt Omar Abawi.

Dies wird auch während des Gesprächs mit Bischof Krämer deutlich. Ermutigt durch die Berichte der anderen Geflüchteten öffnen sich immer mehr Teilnehmende und trauen sich, von ihrem Schicksal zu berichten. Sichtbar ergriffen von den Erzählungen der Geflüchteten sagt Bischof Krämer: „Ihre Berichte von dem Leid, das ihnen widerfahren ist und immer noch widerfährt, berühren mich sehr. Sie haben bis hierhin viele große Herausforderungen gemeistert, aber auch noch viele weitere vor sich. Bitte verlieren sie deswegen nicht die Hoffnung, denn sie dürfen Hoffnung haben, wenn ich sehe, welch großartige Unterstützung sie durch Caritas Jordanien bekommen.“ Als die Worte des Bischofs ins Arabische übersetzt werden, nicken viele der Teilnehmenden zustimmend. Wieder erhellt ein Lächeln die Gesichter.

Psychosoziale und medizinische Hilfe

Neben der psychosozialen Begleitung bieten die von Caritas Jordanien getragenen Center für nichtsyrische Geflüchtete – die meisten von ihnen kommen aus dem Irak oder dem Sudan – auch medizinische Hilfe, unter anderem bei chronischen Erkrankungen. Auch die Mutter von Moneeb und Joud ist als Epileptikerin auf regelmäßige medizinische Hilfe angewiesen. So auch Adami. Die Sudanesin ist Diabetikerin und bekommt vom medizinischen Personal des Centers nicht nur Rat im Umgang mit der chronischen Erkrankung im Alltag, sondern auch das lebenswichtige Insulin. Darüber hinaus stehen den nichtsyrischen Geflüchteten in der Einrichtung ein Allgemeinmediziner und eine Gynäkologin in Sprechstunden zur Verfügung. Für viele Geflüchtete sind diese Angebote die einzige Möglichkeit einer medizinischen Grundversorgung, da die Angebote des staatlichen Gesundheitssystems finanziell unerschwinglich sind.

Am Ende der Gesprächsrunde wird Bischof Krämer herzlich verabschiedet. Viele Geflüchtete bedanken sich bei ihm dafür, dass er ihnen zugehört hat. Als der Bischof ihnen versichert, dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart auch weiterhin die Projekte von Caritas Jordanien finanziell unterstützen wird, zaubert diese Botschaft wieder ein Lächeln auf die Gesichter.

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