Eugen Bolz

Christ und Widerstandskämpfer

Im Theaterstück „Die ganze Hand“ wird mithilfe einer Live-Kamera auf der Bühne und einer Projektionsleinwand ein Schattenspiel erzeugt. Fotos: Theater Lindenhof Melchingen / Richard Becker

Eugen Bolz (Sebastian Schäfer) und Edith Stein (Linda Schlepps) sind sich im wahren Leben nie begegnet. Im Stück treffen die beiden in einer Bibliothek aufeinander. Das fiktive Gespräch stützt sich auf Briefe der beiden. Die Worte haben sie allerdings nie aneinander gerichtet. Fotos: Theater Lindenhof Melchingen / Richard Becker

Eugen Bolz war überzeugter Demokrat und Christ. Das Theater Lindenhof erzählt in einem Theaterstück vom Leben des Politikers.

"Politik ist für mich nichts anderes als praktische Religion" – dieses Zitat stammt von Eugen Bolz. Der ehemalige Staatspräsident des Volksstaats Württemberg wurde am 23. Januar 1945 von den Nazis hingerichtet. Der gebürtige Rottenburger gilt bis heute als Vorbild eines christlichen Politikers. Denn Anfang der 1940er-Jahre schloss er sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an. Das Theater Lindenhof erzählt in dem Theaterstück "Die ganze Hand" die Lebensgeschichte des Politikers. Das Schauspiel feierte am Donnerstagabend in der Festhalle Rottenburg Premiere.

Theatralische Spurensuche

"Die ganze Hand" wurde von Jeremias Heppeler geschrieben und setzt den Fokus insbesondere auf die politische Karriere von Eugen Bolz. Bei seiner Recherche ist der Autor auf zwei Fotografien des ehemaligen Staatspräsidenten gestoßen: die Verhaftung Bolz inmitten Tausender in der Stuttgarter Innenstadt und seine Verhandlung und Verurteilung zum Tode vor dem Volksgerichtshof 1944. Wie Jeremias Heppeler in einem Interview mit dem Theater Lindenhof verriet, hat er sich dazu entschieden, die Geschichte zwischen diesen beiden Bildern zu erzählen.

Das Theaterstück beginnt deshalb auch 1933, als Bolz in Schutzhaft genommen wird. Mithilfe von historischen Fotografien, Briefen und Dokumenten wird die Lebensgeschichte von Eugen Bolz wie eine Art „theatralische Spurensuche“ erzählt. Die Archivstücke werden auf eine große weiße Leinwand projiziert und erzeugen gemeinsam mit den Schauspielern und einer Live-Kamera ein Schattenspiel. So entsteht eine moderne Erzählung über Eugen Bolz, die ihn neben seiner Rolle als Politiker auch als Familienvater und verurteilten Gefangenen zeigt.

Beim Publikum in Rottenburg kam das Theaterstück gut an – nach der Aufführung gab es im Festsaal langanhaltenden Applaus für das Ensemble. Bei einem anschließenden Empfang hatten die Zuschauer außerdem die Möglichkeit, mit den Schauspielern sowie dem Regisseur und Autor des Stücks ins Gespräch zu kommen.

Botschaft des Theaters ist auch in der heutigen Zeit relevant

Das Theaterstück ist eine Kooperation des Theaters Lindenhof und der Stadt Rottenburg am Neckar. Das Projekt wird von der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Eugen-Bolz-Stiftung und dem Rotary Club Reutlingen-Tübingen-Süd gefördert. Bei der Premiere saßen unter anderem Ehrengäste wie der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, sowie Unternehmer und Ehrenbürger der Rottenburg er Wilfried Ensinger im Publikum.

Nach der Premiere erinnerte Generalvikar Dr. Clemens Stroppel in seiner Rede daran, dass Bolz "bis zum Äußersten – bis zur Selbsthingabe" ging, um für die Würde jedes Menschen einzustehen: "An Vorbildern wie Eugen Bolz und seiner Unerschütterlichkeit, mit der er sich für Wahrheit und Gerechtigkeit eingesetzt hat, mit der er sich als Demokrat mit christlichen Grundwerten gegen das Unrechtsregime der Nazis auflehnt, können wir nur gewinnen für unsere heutige Situation."

Dem Theater Lindenhof sei es gelungen, sich auf künstlerische Weise mit der Person Eugen Bolz auseinanderzusetzen und die historische Figur in die Gegenwart zu holen, lobt der Generalvikar. Denn Bolz blieb seinen christlichen Idealen bis zum Schluss treu.

Der Titel des Stücks wird vom Sprichwort "Wenn man dem Teufel den kleinen Finger gibt, so nimmt er die ganze Hand" abgeleitet. Der Spruch bezieht sich darauf, dass Eugen Bolz dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten zugestimmt hat. Trotzdem wurde er aus seinem Amt entfernt und schließlich ermordet.

Der Regisseur des Stücks, Christof Küster, betonte in einer Pressekonferenz, dass die zentrale Botschaft des Stückes deshalb nicht nur damals, sondern auch für die heutige Zeit wichtig sei: "Demokratie ist unser wichtiges Gut und wir alle müssen uns für den Erhalt einsetzen."

Weitere Vorstellungen

Das Theaterstück wird noch drei weitere Male aufgeführt.

  • Samstag, 26. November 2022 | 20 Uhr, Festhalle Rottenburg
  • Freitag, 10. März 2023 | 20 Uhr, Festhalle Rottenburg
  • Sonntag, 12. März 2023 | 17 Uhr, Festhalle Rottenburg

In Melchingen wird das Stück zum ersten Mal am Samstag, 28. Januar 2023, aufgeführt.

Tickets sind online oder eine Stunde vor Aufführungsbeginn an der Abendkasse erhältlich.

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