Kunst & Kultur

Christusbilder als gemaltes Gebet

Dieter Groß Wengenkirche

Der Stuttgarter Künstler und emeritierte Kunstprofessor Dieter Groß malt in einem Langzeitprojekt regelmäßig das Antlitz Christi. Am Dienstag, 28. April, um 18 Uhr malt er während einer Rosenkranz-Andacht in der Ulmer Wengenkirche den in Auferstehung befindlichen Christus. Foto: drs/Jerabek

Glaube braucht ein Gesicht. Im Interview berichtet der Stuttgarter Künstler Dieter Groß über seine Suche nach dem Antlitz Jesu Christi.

Herr Professor Groß, unter dem Leitwort „Herr, dein Angesicht suche ich“ malen Sie Bilder, die das Antlitz Jesu Christi zeigen. Wie lange sind Sie schon diesem Angesicht auf der Spur?

1985, in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag, habe ich mich erstmals - aus freien Stücken - auf eine diesbezügliche Suche des Antlitzes Jesu eingelassen. Alle früheren Versuche in dieser Richtung waren eigentlich bescheidene Anleihen von schon mal Gesehenem.

Worauf führen Sie das zurück?

Einmal habe ich in Nürnberg eine Tagung über das Christus-Gesicht besucht. Dort kam man letztendlich zu dem Ergebnis: Eigentlich kann man seit Grünewald kein Christus-Gesicht mehr malen. Die Lösung ist da und überzeugt, so lautete das Fazit.

Was gab dennoch den Anstoß zu Ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Antlitz Christi?

1981 sind innerhalb von 14 Tagen meine Eltern unvorhergesehen gestorben. Dieses Ereignis musste verarbeitet werden. Ich habe damals ohne Rücksicht darauf, dass sich seit Grünewald kaum ein Maler mehr so ergreifend an diesen Stoff herangewagt hat, einen Kreuzweg in Angriff genommen, um diese Erfahrungen zu verarbeiten. Die 15-teilige Bilderfolge hängt heute im ökumenischen Gemeindezentrum in Stuttgart-Neugereut. 1985 habe ich mich, wie schon gesagt, für besagtes Langzeitprojekt entschlossen und eine Nacht durch nach Christus-Gesichtern gesucht.

Wie kamen Sie mit dieser Suche zurecht?

Die entstandenen Bilder hatten kurze Zeit ihre Gültigkeit. Aber wenn sie dann so auf dem Boden lagen, dann gefiel mir dies und das nicht, und so malte ich ein neues Bild. So sind bei dieser Gelegenheit in einer Nacht 20 bis 25 Bilder in Folge entstanden.

Und das hat sich jedes Jahr wiederholt?

Am Gründonnerstag habe ich die Nacht hindurch gemalt, am Karfreitag bin ich dann gegen Mittag nach Hause gekommen und war dann Lektor der Leidensgeschichte im Karfreitagsgottesdienst, und um 17 Uhr war Familientreffen mit Ostereiermalen. Christus-Suche, Passionsgeschichte und dann Ostereiermalen mit der Familie – das war ein Programm, das jahrelang Gültigkeit hatte. Bis heute sind zirka 400 Bilder entstanden.

In der Publikation „GOTTESMENSCHENBILDER“, das um die Jahrtausendwende erschienen ist, entdeckt der Theologe und Kunsthistoriker und heutige Domkapitular Dr. Detlef Stäps bei vielen Ihrer Schweißtücher Parallelen zum Turiner Grabtuch…

Dreierlei figürliche Zugänge bieten sich mir zum Malen an. Da ist zum einen das Veronika-Motiv als Ecce-homo-Darstellung, der Abdruck des geschundenen Gottesknechtes – ein Bild zum Andenken und Drandenken. Dann das Turiner Grabtuch-Motiv, das Jesus mit geschlossenen Augen zeigt als einen Toten. Und schließlich den in Auferstehung befindlichen Christus, wie er auf dem Schleier von Manoppello zu sehen ist. Hier ist kein Blut vorhanden, die Augen sind suggestiv geöffnet und auch der Mund; was wie ein Lebenshauch wirkt, wird verschiedentlich für ein sprechendes A für Abba – Vater – gehalten.

Das letztgenannte Motiv, das Pilgern in Manoppello, einem abgelegenen Abruzzendorf, begegnet, ist im Vergleich zum Turiner Grabtuch wenig bekannt. Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?

Ich kenne dieses Tuch seit 2013 und bin 2015 zum ersten Mal in Manoppello gewesen, um dann zwei Jahre hintereinander wiederzukommen. Bei den weiteren Besuchen durfte ich in der Mittagspause, durch Vermittlung von Schwester Petra-Maria Steiner aus Waiblingen, die früher zeitweise in Manoppello Dienst tat, mich einschließen lassen, hatte die Kirche quasi für mich allein und bin vor dem Bild gestanden. Man kommt dem Antlitz bis auf 20 Zentimeter nahe. Anfangs konnte ich nicht zeichnen, ich habe nur gezittert. Aber ich wusste, ich komme wieder. Und da bin ich innerlich anders vorbereitet gewesen. Das Tuch ist ja nur etwa 17 x 24 Zentimeter klein – aber du kommst nicht davon weg.

Die Ausstellung der Malteser zum Turiner Grabtuch, die derzeit in der Ulmer Wengenkirche gastiert, dokumentiert die Geschichte des Tuches sowie naturwissenschaftliche Erkenntnisse zur Echtheit und bringt Wissen und Glauben in ansprechender Weise zueinander, enthält sich aber einer abschließenden Bewertung. Welche Rolle spielt diese Frage für Sie?

Es spielt für mich nicht die letzte Rolle. Ich bin kein Naturwissenschaftler, aber ich vermag zu staunen. Da es ja intensiv in der Diskussion ist, muss an der Sache etwas dran sein. Das genügt mir und ich möchte nicht unbedingt in den Auseinandersetzungen mitmischen. Für mich ist die Sache glaubhaft, und wenn ich an dieser Stelle den Publizisten Paul Badde zitiere, dass wir Christen „das Unglaubliche glauben“, ist das für mich Beweggrund und Legitimation genug.

Hat sich Ihr Glaube durch die Kenntnis und die Beschäftigung mit diesen Tüchern verändert?

Er hat sich zumindest intensiviert, sowohl im Fragen als auch in möglichen Antworten. Ich gehe ja nie ohne Skizzenbuch auf Tour. Wenn ich etwas sehe, spielt das Christusgesicht zwischenzeitlich eine ungleich intensivere Rolle wie noch vor 20 Jahren.

Kann man nach Ihrer Einschätzung mit den heiligen Tüchern junge Menschen neugierig machen?

Ich bin überzeugt, dass das für die Jugendlichen ein Thema wäre. Der Bochumer Richter Markus van den Hövel, zum Beispiel, der, wie ich meine, dem „Kreis der Freunde des wahren Antlitzes Jesu Christi – Penuel e.V.“ angehört, mehrere Bücher zum Schleier von Manoppello verfasst hat und auch in seiner Pfarrei engagiert ist, gestaltet für die angehenden Firmlinge jeweils einen obligaten Abend über das Manoppello-Tuch. Wenn die Tücher von Turin und Manoppello ein Fall für die Juristerei wären, so legt er in einem seiner Bücher dar, würde bei der Menge der Argumente die Frage nach der Echtheit überhaupt keine Frage mehr sein.

INFO

Kunstprojekt: „Herr, dein Angesicht suche ich.“ Am Dienstag, 28. April, 18 Uhr, malt der der Stuttgarter Künstler Prof. Dieter Groß während einer Andacht in der Ulmer Wengenkirche das Antlitz Jesu, inspiriert vom Grabtuch von Turin und dem Schleier von Manoppello.

Die Veranstaltung ist Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung der Malteser zum Turiner Grabtuch, die vom 22. April bis 7. Juni 2026 in der Kirche St. Michael zu den Wengen, Wengengasse 10, in Ulm zu sehen ist.

Führungen: Das Turiner Grabtuch und die Weiße Rose. Führungen durch die Ausstellung zum Turiner Grabtuch in der Ulmer Wengenkirche (ca. 60 Minuten): 
• Samstag, 2. Mai, 14.30 Uhr
• Dienstag, 5. Mai, 17 Uhr
• Donnerstag, 28. Mai, 14 Uhr
Der Theologe und Historiker Dr. Oliver Schütz, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung Ulm-Alb-Donau, stellt Hintergründe und die Bedeutung vor, die das Turiner Grabtuch für Hans und Sophie Scholl hatte.

Vortrag: „Die drei Tücher vom Grab: Oviedo, Turin, Manoppello“ am Montag, 11. Mai, 19 Uhr, mit Sr. Petra-Maria Steiner, Vita Communis Waiblingen.

Öffnungszeiten: Sonntag von 13 bis 18 Uhr, Montag – Samstag von 10 bis 18 Uhr. Eintritt frei, auch für Führungen und Begleitprogramm.

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