Seelsorge

Danke für diesen guten Morgen!

Pfarrer Roland Renz (links) schätzt die Begegnung. Peter (rechts) besucht seit sechs Monaten das Glaserhaus. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Luisa Weinig

Roland Renz kümmert sich um Menschen am Rande der Gesellschaft. Montags laden er und Ehrenamtliche ins Glaserhaus ein: Zum Essen, beten und schwätzen.

Ein 31-Jähriger ist tot. Erfroren. Er liegt im Hofdurchgang der Herz-Jesu-Kirche in Stuttgart. Ein Bekannter findet den obdachlosen Mann nur wenige Meter von seinem Schlafsack entfernt. „Es ist immer ein Schock, wenn man so was liest“, sagt Roland Renz und deutet auf den Zeitungsartikel. „Eisiger Tod im Kirchhof“ lautet die Überschrift. Fein säuberlich hat Roland Renz den Artikel ausgeschnitten und in ein Album geklebt. Daneben ein Schnipsel mit dem Datum: 10. Januar 1995. „Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Ich hab' mir gedacht, das kanns doch nicht sein“, sagt Renz. „Du liegst in deinem warmen Bettle und er erfriert dort draußen.“

Er zeigt auf ein Foto unter dem Zeitungsartikel. Ein junger Mann mit grauschwarzen Haaren und einem karierten Jackett. Jens. Er ist der Obdachlose, der in einer kalten und nassen Winternacht im Januar 1995 erfroren ist. Roland Renz kneift seine grünen Augen kurz zusammen und sagt dann: „Dem Jens habe ich brutal viel zu verdanken. Er war einer der Ersten, der mich so mit reingenommen und vorgestellt hat dort drüben am Hoppenlau-Friedhof.“ Damals ein bekannter Treffpunkt für die Drogenszene und für Obdachlose.

Von fünf zu 25

Auf dem Hoppenlau-Friedhof kommt er mit den Menschen ins Gespräch. Eines Tages lädt er sie zu sich nach Hause ein – in seine Wohnung in der Kelterstraße 28, Stuttgart-Heslach. „Der Laden“, wie Renz seine vier Wände scherzhaft nennt. Nur die großen Fenster lassen vermuten, dass das Ganze mal ein Lebensmittelladen war. Jetzt ist die Wohnung ein buntes Sammelsurium: Selbstgemalte Bilder, Figuren, Briefe und Karten mit Sprüchen, die er über die Jahre geschenkt bekommen hat, hängen an kunterbunt bemalten Wänden und schmücken alte Holzschränke. Hier hat alles angefangen. „Ich wollte, dass mein Wohnen und Arbeiten enger zusammenkommt“, sagt Renz.

1998 lädt er Menschen von der Straße zum Frühstück und zum gemeinsamen Gottesdienst ein. Aber seine Gäste bleiben. Zum Mittagessen. Zum Kaffee. Und zum Abendessen. Damals waren sie noch zu fünft. „Früher haben wir uns bis nachts um zwölf Uhr getroffen. Jetzt bin ich aber zu alt dafür“, sagt der 66-Jährige und lacht. Der Montagstreff in Roland Renz‘ Wohnung hat sich über die Jahre zu einer festen Einrichtung entwickelt. Am Ende saßen montags oft 25 Menschen in der Wohnung des Pfarrers. In der kleinen Einbauküche wurde gekocht, im Eingangsbereich geschnippelt, gespielt, geredet, diskutiert und gelacht.

Umzug ins Glaserhaus

2010 zieht der Montagstreff in das Haus gegenüber um. Das sogenannte Glaserhaus. Benannt nach dem vorherigen Besitzer Manfred Glaser. Er besucht gemeinsam mit seiner Frau den offenen Treff. Als seine Frau verstirbt, kommt er beinahe jede Woche vorbei, weil er die dortige Gemeinschaft schätzt. In seinem Testament hält er fest, dass das Haus Roland Renz und seiner Arbeit zur Verfügung gestellt werden soll. Seither kommen jeden Montag Menschen ins Glaserhaus. Alte und junge, materiell oder sozial bedürftige. „Viele kommen her, weil sie den Wunsch nach Gemeinschaft haben. Die möchten einfach wie wir alle dazugehören“, erklärt Roland Renz. In Stuttgart und Umgebung gibt es rund 66.000 Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben.

Wir fragen nicht, woher jemand kommt. Es ist ein geschützter Raum. Man braucht keine Voraussetzungen oder Bedingungen.
Hannelore Schreiber

 

Es ist Montag, acht Uhr. Im Glaserhaus herrscht schon voller Betrieb. Die ersten ehrenamtlichen Helfer:innen sind bereits seit sechs Uhr morgens da und haben Kaffee gekocht. Im Hof steht Roland Renz mit roten Backen vor einem riesigen dampfenden Kochtopf. Der Duft von Paprika und angebratenen Zwiebeln hängt in der Luft. Mit konzentriertem Blick rührt er den Inhalt aus Zwiebeln, Karotten, Paprika und Gemüsebrühe um, damit nichts anbrennt. Heute gibt es Gulasch. Eine kleine Frau mit dunklen Haaren namens Hanne bringt das geschnittene Fleisch und stellt es auf einem Tisch ab. Fünfzehn Kilo. Das Essen sollte für rund 60 Menschen reichen. Wie viele Menschen am Montag im Glaserhaus tatsächlich vorbeischauen, wissen sie nicht. Denn es ist ein offenes Angebot. Jeder kann zum Mittagessen kommen, – wann und wie er möchte. Seit Corona habe sich die Anzahl der Besucher verdoppelt: von 30 auf 60 Menschen.

„Wir fragen nicht, woher jemand kommt. Es ist ein geschützter Raum. Man braucht keine Voraussetzungen oder Bedingungen“, sagt Hanne. Hanne heißt eigentlich Hannelore Schreiber und ist seit 2001 Teil des Glaserhaus-Teams. Damals hat die 69-Jährige noch bei einem Steuerberater gearbeitet. Ihre Arbeitstage hat sie schließlich getauscht, um montags im Glaserhaus mitanzupacken. „Hier begegnet einem so viel Echtheit. Ich kriege mindestens so viel zurück, wie ich gebe“, sagt sie mit einem Strahlen und widmet sich wieder dem dreckigen Geschirr im Spülbecken. Hanne ist eine der rund zwanzig Ehrenamtlichen, die das Projekt Glaserhaus am Laufen halten. „Sich entbehrlich zu machen, das ist das Wichtigste“, weiß Pfarrer Renz. Schließlich soll das Glaserhaus auch ohne ihn weiter bestehen.

Freundeskreis unterstützt das Projekt finanziell

Dafür hat Renz mit dem Umzug ins Glaserhaus vor einigen Jahren einen Freundeskreis gegründet. Denn für den Unterhalt des Hauses sind zusätzliche finanzielle Mittel nötig. „Als ich die Idee mit dem Freundeskreis hatte, haben sie mich damals für verrückt erklärt. „Das kann man doch nicht machen. Das kommt nie zusammen.“ Mittlerweile unterstützen rund 300 Freunde und Freundinnen das Projekt. Der Freundeskreis besteht aus Menschen von überall, denen Renz einmal begegnet ist. Auf die Frage, warum das Glaserhaus für ihn so ein großes Anliegen ist, kommt der Obdachlosenseelsorger ins Grübeln. „Ich weiß es gar nicht mehr so genau“, antwortet er und fährt sich mit seiner Hand durch seine grau-melierten Haare. „Ich finde, es gehört zu meinem Leben als Christ oder als Mensch einfach dazu. Ich habe so viele tolle Leute dadurch kennengelernt, dass ich sagen muss, es fehlt mir was ohne die. Für mich ist das Ganze hier ein Mittel, um mit ihnen in Kontakt zu kommen.“

Mittlerweile ist es kurz vor neun und im großen Essbereich treffen Helfer:innen und die ersten Besucher:innen zum Frühstück ein. Eine junge Frau mit wilden, kurzen schwarzen Haaren, in eine dicke Daunenweste gehüllt, setzt sich an den Tisch und strahlt Roland Renz mit einem großen Lächeln an. Ihr fehlt ein Schneidezahn. „Ein Wirbelwind weht daher! Guten Morgen Derya“, begrüßt Renz sie. Derya kommt seit einiger Zeit ins Glaserhaus. Sie ist mehrfach behindert und fiel anfangs vor allem durch ihre laute und stürmische Art auf. Beim Frühstück fällt es ihr schwer, ruhig zu sitzen. Sie zappelt auf ihrem Stuhl herum und ruft nach Hanne, die ihr ein Marmeladenbrot schmieren soll.

Diese Grundhaltung musste auch ich erst lernen: Einen Menschen so anzunehmen, wie er ist und ihn nicht so hinzumanipulieren, wie man ihn haben möchte.
Andreas Schreiber

 

9:30 Uhr. Gottesdienstbeginn. Alle versammeln sich im Essbereich. Die Tische werden zur Seite geschoben und ein Stuhlkreis wird aufgebaut. Andreas Schreiber, der sich seit rund 20 Jahren im Glaserhaus engagiert, holt seine Gitarre hervor und stimmt das Lied „Danke für diesen guten Morgen“ an. Derya nimmt eine kleine Trommel in die Hand und fängt an, wild zu trommeln. Es dauert eine Weile, bis sie in einen gemeinsamen Rhythmus kommen. Derya wird zunehmend ruhiger in der Nähe von Andreas Schreiber. Zwischen den beiden herrscht eine Art Vertrautheit. Schreiber ist Derya, bevor sie das Glaserhaus besuchte, bereits begegnet. „Vor einigen Jahren ist mir eine Frau am Charlottenplatz immer wieder unangenehm aufgefallen: Sie quetsche sich mit ihrem übergroßen Fahrrad durch die Menge und brüllte durch die Gegend. Als sie dann eines Tages das Glaserhaus besuchte und sich genauso verhielt, war ich geschockt“, erzählt Andreas Schreiber.

Als er sich an das Klavier setzt und anfängt zu spielen, folgt Derya ihm wie sein Schatten und nimmt auf einem Hocker hinter ihm Platz. Still und aufmerksam lauscht sie den Klavier-Klängen. Eine Eigenkomposition. Andreas Schreiber ist Musiktherapeut und hat durch die Musik einen Zugang zu Derya gefunden. Bis sich diese Vertrautheit zwischen den beiden aufgebaut hat, sind einige mühsame Monate vergangen. „Wenn man Derya damals gesehen hätte und mit heute vergleicht, das ist gar kein Vergleich. Da hätte sie den ganzen Laden gesprengt und wäre niemals ruhig im Gottesdienst gesessen. Diese Grundhaltung musste auch ich erst lernen: Einen Menschen so anzunehmen, wie er ist und ihn nicht so hinzumanipulieren, wie man ihn haben möchte.“ Auch die Begegnungen mit den anderen Menschen im Glaserhaus haben Derya geholfen, ihren Platz zu finden. Mittlerweile ist sie nicht mehr nur „Gast“, sondern hilft mit. Sie packt Tüten zum Mitnehmen und befüllt sie mit Obst, Gemüse und Joghurt.

Nicht nur sozial, sondern christlich

Kurz vor elf Uhr. Der Gottesdienst geht zu Ende und draußen vor dem Glaserhaus hat sich schon eine Schlange gebildet. Trotz Nieselregen geht es zu wie auf einem Jahrmarkt. Stimmen vermischen sich. Es wird gelacht. Gegessen. Und geredet. Über den Alltag. Freunde. Familie. Gesundheit. Man kennt sich. Hanne krempelt die Ärmel ihrer Strickjacke hoch und schneidet Kuchenstücke zurecht: Heute gibt es Sachertorte, Heidelbeerkuchen oder Mohnkuchen.„Was möchtest du für einen Kuchen, Peter?“, fragt Hanne einen Mann mit schwarzer Mütze und blauem Schal, der gerade eine Portion Gulasch im Plastikbehälter in seinem Jutebeutel verstaut.

Peter kommt seit sechs Monaten ins Glaserhaus. Er leidet unter Depressionen und Platzangst. Er schätzt das offene Angebot im Glaserhaus: Es gibt keine Anmeldung und man kann dort essen oder eine Portion zum Mitnehmen einpacken. Er besucht wie viele auch andere soziale Einrichtungen. Dort herrsche ein herberer Ton, oft komme es zu Streitereien. Das Glaserhaus sei anders. „Hier ist man christlich eingestellt und nicht nur sozial. Man spricht viel miteinander und tauscht sich aus“, sagt Peter und winkt einem Mann mit brauner Kappe zu. Roy. Er hält einen großen Bilderrahmen in den Händen: Auf dem Foto ist ein Fahrrad. Drum herum liegt Essen: Äpfel, Bananen, Joghurtbecher, eine Kaffeetasse und Teller mit Kuchen. „Das ist das Rad vom Fahrradthomas“, sagt Roy. „Der parkt sein Fahrrad immer oben um die Ecke und alles, was er hier bekommt, baut er drum herum auf. Es sieht aus wie eine Kunst-Installation von Joseph Beuys aber Thomas baut das nicht planmäßig auf, sondern macht das aus irgendeinem merkwürdigen inneren Antrieb heraus“, erklärt er und überreicht Pfarrer Renz das Foto als Geschenk.

Mitfühlen und mitempfinden

Seit mehr als 33 Jahren arbeitet Roland Renz inzwischen als Obdachlosenseelsorger. Viele Menschen sind dem 66-Jährigen durch seine Arbeit begegnet. Dass sie nicht in Vergessenheit geraten, ist wichtig für ihn. Deshalb hebt er Erinnerungsstücke von den Menschen, die ihm begegnen, auf. Hängt Geschenke wie selbstgemalte Bilder oder Gedichte in seiner Wohnung auf. Oder sammelt Fotos der Menschen in Alben. Zehn Stück sind es inzwischen. Sie beinhalten Geschichten und Schicksale. Abstand zu bewahren und nicht alles zu nah an sich ranzulassen, ist manchmal schwierig. „Ich weiß nicht, ob es dafür ein Rezept gibt. Ich kann es nur immer wieder probieren. Aber zwei, drei Tage später hänge ich auch rum und trage es mit mir mit. Man kann sagen, professionell ist das nicht, aber es geht eben auch nicht ohne mitfühlen und mitempfinden.“

Mittagszeit. Mittlerweile ist der Regen heftiger geworden. Den Besuchern im Glaserhaus macht das aber nichts aus: Sie spannen ihre Regenschirme auf und rutschen auf den Holzbänken vor dem Haus zusammen. Seit der Corona-Pandemie wurde alles nach draußen verlagert. Trotz Kontakt-Beschränkungen hatten sie jeden Montag geöffnet und nur Essen zum Mitnehmen angeboten. „Die Menschen waren froh, dass wir für sie da waren und offen hatten. Vor Corona sind wir alle im Haus zusammengesessen und haben den ganzen Tag gemütlich miteinander verbracht. Jetzt spielt sich alles draußen ab. Das möchten wir wieder ändern“, sagt Hanne.

Das Glaserhaus ist wie eine Familie

Es ist kurz nach dreizehn Uhr. Draußen hat es aufgehört zu regnen. Es riecht nach einer Mischung aus Regen und Gulasch. So langsam leert sich die Straße vor dem Glaserhaus. Drinnen wird bereits der Tisch für das Mittagessen für die Ehrenamtlichen gedeckt. In einer Ecke des Raums brennen Kerzen. An der Wand hängen Fotos. „Das sind unsere Heimgegangenen“ sagt Renz. „Viele von unseren Leuten werden anonym bestattet und wir haben keinen richtigen Ort zum Trauern. Deshalb haben wir diese Andachtswand erstellt, damit man weiß, man hat auch eine Geschichte mit Menschen, die nicht mehr hier sind.“ Dass jemand verstorben ist, erfahren die Ehrenamtlichen Helfer:innen teilweise erst Wochen später. Wenn sie nicht mehr im Glaserhaus auftauchen. „Es ist ein Schock. Jedes Mal. Das lässt einen auch nicht kalt. Wir sind irgendwo auch wie eine Familie“, sagt Renz.

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