Geschichte

Das Geheimnis der goldenen Kugel

Das Drohnenfoto zeigt Arbeiter, die an der Kirchturmspitze beschäftigt sind.

Flaschner und Gerüstbauer montieren das renovierte Kreuz auf der Steinhausener Kirchturmspitze - Foto: Dietmar Jehle

Bei der Renovierung der Wallfahrtskirche in Steinhausen geben Zeitkapseln Einblicke in Vergangenheit und Gegenwart der kleinen Kirchengemeinde.

Was bei einem König die Krone, das ist beim Kirchturm das Kreuz. Die eine ziert das Haupt des Herrschers, das andere schwebt in luftiger Höhe und verweist auf den Herrn der Kirche. Die Menschen schauen zu beiden auf, und doch bleiben Krone wie Turmkreuz für gewöhnlich unerreichbar. Bei letzterem gibt es eine Ausnahme. Wird die Kirche saniert und verschwindet der Turm bis zur Spitze hinter einem Baugerüst, können sich Schwindelfreie dem Kreuz nähern. Häufig wird es zur Renovierung auch abgenommen - wie jüngst bei St. Peter und Paul in Steinhausen im Dekanat Biberach, die als schönste Dorfkirche der Welt gilt. Aus der Nähe betrachtet wirkt das Kreuz dann viel größer als in über 60 Metern Höhe. Und auch die goldene Kugel mit einem Meter Durchmesser, auf der das Kreuz wie bei einem Reichsapfel thront.

Wegen der relativen Unerreichbarkeit ist es gute Tradition, der Nachwelt in der Turmkugel Zeitkapseln zu hinterlassen. Als Flaschnermeister Wolfgang Huber Ende Juli den in Steinhausen vorgefundenen kupfernen Zylinder vorsichtig öffnete, war die Spannung bei Pfarrer Baburaj Kakkassery, Mitgliedern des Kirchengemeinderats und Bauleiterin Anna Luib groß. Wie vermutet wurde die Kapsel im Jahr 1949 das letzte Mal verschlossen. Die darin befindliche Ausgabe der Schwäbischen Zeitung berichtet von der Regierungserklärung des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Zu den Beigaben gehört auch ein Röhrchen mit Getreidesorten aus jener Zeit sowie Briefmarken, ein Zehn-Pfennig-Stück und Wertmarken aus der Besatzungszeit. Eine Bilddokumentation ist bis 3. Oktober in der Kirche zu sehen.

Das Erbe des „unseligen Hitlerismus“

Auf den Fotos der Schulklassen und Kindergartengruppen von 1949 findet sich sicher der ein oder die andere betagte Dorfbewohner:in wieder. Der damalige Bürgermeister Josef Abler beschreibt die Situation nach zwei Weltkriegen, wie die Geldentwertung die knapp über 300 Einwohner um ihr Erspartes brachte und wie Reparationszahlungen und Lebensmittelknappheit sowie eine große Flüchtlingswelle als Erbe des „unseligen Hitlerismus“ die Menschen herausforderten. Die alte Kapsel enthielt zudem Reliquien der Guten Beth von Reute und von Konrad von Parzham. Sie ist mit dem genannten Inhalt und Schriftstücken, die die Renovierungen 1731, 1831 und in den 1940er Jahren beurkunden, inzwischen wieder verschlossen.

In einer neuen Zeitkapsel erinnern unter anderem eine aktuelle Zeitung, Fotos von Kirche, Gruppierungen und Gemeindeleben, Wünsche der Kindergartenkinder sowie Kirchenführer, Euro-Münzen und andere Dokumente der Zeitgeschichte analog und digital zukünftige Generationen an das Jahr 2025. Bis zum Gottesdienst am 31. August hatten Steinhausener und Besucher:innen der Wallfahrtskirche die Möglichkeit, sich mit ihrer Unterschrift ebenfalls zu verewigen. Die aktuelle Außenrenovierung der Kirche war unter anderem deshalb notwendig geworden, weil nach der Generalinstandsetzung vor gut 50 Jahren bei weiteren Arbeiten 1991 ein Zementputz zur Abdichtung aufgetragen wurde, der inzwischen massive Feuchtigkeitsschäden verursachte. Der neue Putz lässt das Mauerwerk wieder atmen.

Zurück auf die Spitze des Turms

Seit Samstag schweben nun das große schmiedeeiserne Turmkreuz und die frisch vergoldete Kugel mit den beiden Zeitkapseln wieder hoch über Steinhausen. Flaschner und Gerüstbauer beförderten beides in Einzelteilen nach oben und montierten es an einem etwa sechs Meter langen Stahldorn, wie Dietmar Jehle erzählt. Der gewählte Vorsitzende des Kirchengemeinderats freut sich, dass die im Januar 2024 begonnene Außensanierung nun in die Endphase geht. Im nächsten Jahr ist dann der Innenraum dran, wozu die Kirche für mehrere Monate komplett geschlossen bleibt. Die Krönung wird für Jehle sein, wenn auch der von Dominikus und Johann Baptist Zimmermann gestaltete Rokoko-Kirchenraum mit dem Gnadenbild, einer Pieta aus dem 15. Jahrhundert, in neuem Glanz erstrahlt und sich wieder mit Gläubigen füllt.

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