Geschichte

„Dass es so schnell geht, hatte ich nicht erwartet“

Gruppenfoto mit Deutschlandfahnen bei Nacht.

Die „Gleichgesinnten“ aus dem Synthesewerk Schwarzheide Ende Oktober 1989 bei einer Demonstration in Dresden - Foto: Hans Glass

Deutsche Einheit: Wie Hans Glass aus der Partnerdiözese Görlitz die Wende erlebte und wie die Caritas in Cottbus und Heilbronn heute zusammenarbeiten.

„Umweltgruppe“ nannte sich ab Mai 1989 ein Treffen von etwa 15 Personen in Hermsdorf, unweit von Schwarzheide. Christ:innen und Gleichgesinnte tauschten in der DDR verbotene Schriften aus und diskutierten die Ereignisse um ausreisewillige DDR-Bürger an der ungarisch-österreichischen Grenze, berichtet Hans Glass. Die Mitglieder nutzen diesen vermeintlich geschützten Freiraum aber auch, um ihre ganz persönliche Not mit dem sozialistischen Überwachungsstaat zu erzählen und füreinander zu beten. Ungefähr vier Prozent der Einwohner waren in der Region katholisch getauft, weitere 15 Prozent evangelisch. Die von familiärer Atmosphäre geprägten Kirchengemeinden hielten zusammen. Besonders sei in Schwarzheide eine große ökumenische Jugendgruppe gewesen, aus der etliche Paare und Familien hervorgingen, weiß Hans Glass.

„Meine erste Demonstration war am 1. September 1989 zum 50. Jahrestag des Kriegsbeginns“, erinnert sich der damalige Sprecher des Schwarzheider Pfarrgemeinderats. Initiiert vom katholischen Pfarrer Hartmut Kania seien nach einer Andacht etwa 30 Teilnehmende mit brennenden Kerzen zur Gedenkstätte der „Opfer des Faschismus“ auf dem Friedhof gezogen. Sie beteten dort für Frieden in der Welt. In der Zeit, als die Leipziger Montagsdemonstrationen weltweit publik wurden, fassten die Menschen bei regelmäßigen Gebetsabenden in der Schwarzheider Heilig-Kreuz-Kirche ihre Sorgen in Worte und gingen Ende Oktober auch wieder einige Male auf die Straße. Da es einigen dann doch zu viel wurde, beschlossen sie, sich auf die Demos in Leipzig und Dresden zu konzentrieren.

Die Stasi hatte ihn auf dem Schirm

Hans Glass war beim größten Arbeitgeber in der Region, dem Synthesewerk, in der IT-Abteilung beschäftigt. 1992 übernahm die BASF die Chemiefabrik in Schwarzheide. Erst 1995 erfuhr er, wie gefährlich seine Aktivitäten waren und dass ihn der Geheimdienst auf dem Schirm hatte. In seiner Stasi-Akte ist zu lesen, dass er als „Kirchenrat“ tätig sei, sich an westlichen Medien orientiere und auch sein Arbeitsumfeld negativ beeinflusse. „G. ist Sympathisant für das ‚Neue Forum‘ und bekundet das offen durch die Teilnahme an den Montagsdemonstrationen in Leipzig“, heißt es in einem Sachstandsbericht vom 7. November 1989 über den damals 45-Jährigen.

Im Betrieb konnten Hans Glass und fünf weitere Kollegen die Demo-Teilnahme lange verbergen. Das war nicht so einfach, da sie vor Dienstschluss nach Leipzig oder Dresden aufbrechen mussten, um rechtzeitig dort zu sein. Und wie hat der IT-ler den 9. November erlebt? Beim Fall der Mauer weilte er außerhalb bei einem Lehrgang. Der wurde tags darauf mit Aushändigung eines „Notzeugnisses“ spontan abgebrochen. „Als ich nach Hause kam hat Roswitha vor Glück geweint“ - einen Moment mit seiner Frau, den der zweifache Vater nie vergisst. Dass es mit der DDR so nicht weitergehen konnte, sei vielen klar gewesen. „Aber dass es so schnell geht, hatte ich nicht erwartet“, räumt Hans Glass ein. „Ich bin immer noch sehr glücklich darüber.“

Sie feiern den 3. Oktober bis heute

Den ersten Tag der deutschen Einheit feierten Hans und Roswitha Glass mit den fünf Kollegen aus dem Betrieb und deren Familien. Um Mitternacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 sangen sie die Nationalhymne. „Dies wird bisher jedes Jahr wiederholt“, erzählt Hans Glass. Sie verabredeten sich zum Einheitsfest schon an verschiedenen politischen Gedenkstätten vom Hambacher Schloss bis zum Stasi-Gefängnis in Bautzen. Im vergangenen Jahr trafen sie sich in der Pfalz, denn zwei Kollegen wechselten später zur BASF nach Ludwigshafen und leben dort. „Heute kommen alle zum Feiern in die Niederlausitzer Heimat“, verrät der Ruheständler.

Die politischen Ereignisse und die Entwicklungen in der Kirche begleitet Hans Glass bis heute kritisch und konstruktiv. So wie in den 25 Jahren als Diözesanrat und bei den Katholikentagen, bei denen er zusammen mit seiner Frau und anderen das Bistum Görlitz repräsentierte. Teilweise auf kirchlicher Ebene, mehr aber noch durch freundschaftliche und familiäre Verbindungen, pflegt er immer noch intensive Ost-West-Kontakte. Nach der Wende richtete sich sein Blick aber auch nach St. Petersburg, wo der inzwischen verstorbene Pfarrer Kania die Caritasarbeit aufbaute. Seine ehemaligen Kirchengemeinden unterstützten ihn mit regelmäßigen Hilfstransporten. „Diese sind durch die politische Entwicklung leider eingestellt worden“, bedauert Hans Glass.

Gegenseitige Besuche

Nicht nur persönliche Kontakte entstanden zwischen Ost- und Westdeutschland, sondern auch Verbindungen zwischen Organisationen. Ein Beispiel ist das Caritas-Netzwerk zwischen den Diözesanverbänden. Bei der Schaffung neuer Strukturen im Osten sei dieses Netzwerk als eine Art Aufbauhilfe wichtig gewesen, wie Bernd Mones erklärt. Er ist seit 2016 Direktor des Görlitzer Diözesancaritasver­bands. Mittlerweile geht es beim Erfahrungsaustausch darum, dass beide Seiten voneinander lernen. „Wir können gegenseitig von Erfolgen profitieren“, sagt Ulf-D. Schwarz, Regionalleiter der Caritas Heilbronn-Hohenlohe. So plant die Heilbronner Caritas für das kommende Jahr ein neues Projekt, das junge Menschen in den Blick nimmt, die im Übergang von der Jugendhilfe in ein eigenständiges Leben stehen, wie Schwarz verrät. Dabei habe man vom ostdeutschen Partner abgeschrieben, formuliert es der Regionalleiter.

Das Abschauen passiert bei gegenseitigen Besuchen. Im jährlichen Wechsel finden sie statt. Die Delegationen sind gemischt: Neben den Mitgliedern aus der diözesanen Verbandsleitung sind auch Vertreterinnen und Vertreter aus den regionalen Fachbereichen und Projekten dabei, sodass ein konkreter Austausch auf Arbeitsebene entsteht.

Austausch über Fachkräftemangel

In diesem Jahr zum Beispiel waren die Görlitzer in der Heilbronner Region zu Gast. „Die Sozialraumorientierung stand beim Besuch des Familienbüros in Gundelsheim im Mittelpunkt. In diesem Rahmen wurden auch die positiven Aspekte und Synergien der vernetzten Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit und der Sozialen Gruppenarbeit sichtbar“, heißt es in einem Bericht der Caritas Heilbronn-Hohenlohe. Aber auch die Themen Fachkräftemangel und Strukturwandel als aktuelle Herausforderungen für Kirche und Gesellschaft gehörten zu den Schwerpunkten der Begegnungen und Gespräche.

Im vergangenen Jahr reisten Vertreterinnen und Vertreter des Diözesancaritasver­bands Rottenburg-Stuttgart und der Caritas Heilbronn-Hohenlohe nach Görlitz. Dabei standen ebenfalls die Caritas-Arbeit vor Ort, der Austausch über aktuelle Themen sowie Gespräche mit Verantwortlichen aus der Kommunalpolitik auf dem Programm.

Kontakte zwischendurch

Schwarz äußert Bewunderung darüber, wie sich die ostdeutsche Caritas selbstbewusst und reflektiert in einer absoluten Diaspora-Gegend behauptet. Manche Entwicklung sei in der ostdeutschen Region bereits ausgeprägter als im westlichen Teil Deutschlands, wodurch sich eine Lernmöglichkeit eröffne.

Der gegenseitige Kontakt beschränkt sich aber nicht nur auf die jährlichen Besuche. Dazwischen füllen zum Beispiel Telefonate und Mailverkehr auf den verschiedenen Ebenen den Arbeitsalltag, um Erfahrungen zu teilen. Dabei hilft es, dass sich die Beteiligten dank der Begegnungen persönlich kennen.

Daher halten beide Seiten an den freundschaftlichen Beziehungen fest und wollen die Partnerschaft auch in den kommenden Jahren fortsetzen. „Sie ist wichtig“, sagt Mones und bezeichnet die Diözese Rottenburg-Stuttgart als guten Partner. „Es ist immer gut, über den Tellerrand zu schauen“, meint Schwarz. Die Caritas-Freundschaft tritt unterdessen in eine weitere Phase: Es gibt erste Überlegungen, nicht nur voneinander zu lernen, sondern gemeinsam Projekte auszuarbeiten.

Hintergrund

Auch wenn die Diözese Rottenburg-Stuttgart geografisch an keines der ostdeutschen Länder angrenzt, gab und gibt es doch eine starke Verbindung dorthin. Die nach der Wende intensivierte Partnerschaft zwischen der württembergischen Diözese und der Apostolischen Administratur Görlitz, zu der Regionen in Brandenburg und Sachsen gehören, trug nicht nur auf der Ebene der Diözesancaritasverbände Früchte. Gegenseitige Besuche und Begegnungen in den Pfarreien vor Ort förderten das Verständnis für die jeweiligen Eigenheiten und Traditionen des Gemeindelebens. Seit 1994 ist Görlitz, der nach dem Zweiten Weltkrieg bei Deutschland verbliebene kleine Teil des Erzbistums Breslau, ein eigenständiges Bistum.

Zum 35. Jahrestag der Deutschen Einheit baten wir Hans Glass aus Schwarzheide in der Niederlausitz, langjähriger Diözesanrat und Motor der Ost-West-Begegnungen, von den Umbrüchen Ende der 1980er Jahre in seinem Betrieb und in der Pfarrgemeinde zu erzählen. Der Kontakt zu dem inzwischen 81-Jährigen kam über Regionalredakteur Markus Waggershauser zustande, der von 1992 bis 1993 als Pastoralpraktikant dort arbeitete. Die Caritasregionen Heilbronn-Hohenlohe und Cottbus pflegen bis heute eine freundschaftliche Beziehung. Diese hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt und weiterentwickelt. Das berichteten Regionalleiter Ulf-D. Schwarz und der Görlitzer Caritasdirektor Bernd Mones gegenüber Regionalredakteur Arkadius Guzy.

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