Interview

Weil (fast) jeder Mensch im Herzen Pilger ist

"Die Tür steht offen, mehr noch das Herz." Mit diesem Leitmotiv der Zisterzienser heißt das Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen Pilger und Pilgerinnen willkommen. David Langer ist seit Jahresbeginn Hausleiter und Bildungsreferent. Foto: DRS/Jerabek

Das kleinste Bildungshaus der Region bietet ganz viel Raum für Inspiration und Begegnung. Ein Gespräch mit David Langer, Leiter von Haus St. Jakobus.

Herr Langer, in einer für Beherbergungsbetriebe schwierigen Zeit haben Sie Ihren Job als Realschulrektor an den Nagel gehängt, um Herbergsvater zu werden. Was bedeutet es eigentlich, ein Pilger- und Bildungshaus zu leiten?

Das Wichtigste und Spannendste an dieser Aufgabe ist das Unterwegssein: dass ich Reisende als einen Schatz erlebe – Menschen, die hier einkehren wollen und auch wieder aufbrechen. Die innere Dynamik, die dabei entsteht, habe ich sehr zu schätzen gelernt. Wir begegnen den Menschen hier auf Augenhöhe – unabhängig von Konfession, Parteibuch, Status – unter Pilgern zählt ausschließlich das Menschsein.

Das Haus St. Jakobus will anders sein als „normale“ Tagungs- oder Bildungshäuser. Wie anders?

Markenzeichen des Hauses sind Offenheit, Einfachheit, Spiritualität und Gastfreundschaft. Die Einfachheit war ja schon gewollt, als dieses Haus vor 200 Jahren als Franziskanerhospiz gegründet wurde. Diese Einfachheit einer Klosteranlage ist bis heute, auch bei der umfassenden Sanierung, erhalten geblieben: Wir machen die Buchungsabfolge so einfach wie möglich, erheben keine Stornierungskosten, sondern wollen, dass die Leute kommen können, wenn sie wollen. Wir haben keine Knopfdruck-Kaffeemaschine und keinen täglichen Zimmerservice, sondern beziehen die Menschen mit ein – durch Mithilfe beim Tisch decken und Bettbeziehen, als Dienst am Nächsten. Wir gehen somit gar nicht in Konkurrenz zu Bildungshäusern oder gar Hotels, sparen Kosten, sind dadurch aber auch deutlich günstiger.

Soweit zu dem, was Sie nicht haben. Was bieten Sie denn Ihren Gästen?

Zunächst einmal eine sehr ruhige Atmosphäre in sehr schöner Natur. Wir haben einen schönen Garten mit Nischen, wo man sich zurückziehen kann. Man findet hier also Ruhe, aber auch Gesprächspartner. Man findet hier eine offene Tür, offene Herzen und offene Ohren. Wir haben im Haus, wo auch Menschen ehrenamtlich dienen, seelsorgerliche Qualitäten. Man findet immer Zuhörende. Unsere ehrenamtlichen Gastgeber, die Hospitaleros, wissen, dass sie erstmal hören sollen. Wir haben einen überschaubaren Betrieb, der so einfach wie möglich organisiert ist. Und niemand muss wegen der Kosten draußen bleiben.

Das Haus ist ja zunächst einmal eine Pilgerherberge. Was macht eigentlich einen Pilger aus? Oder: Wann wird ein Wanderer zum Pilger?

Wenn er als Gottsucher unterwegs ist. Pilgern ist „Wandern plus“, also Wandern mit einer spirituellen Komponente. Die klassische Übersetzung von Mystik ist Gottsuche, und für mich hat es etwas Mystisches, wenn ich rausgehe, mich in Bewegung setze. Damit setze ich auch mein Innerstes in Bewegung. Ein wichtiges Leitwort für unser Haus ist: Keiner kommt unverändert zurück von der Pilgerschaft.

Trotzdem sucht nicht jeder, der einen Pilgerweg „macht“, nach Gott. Was sind denn die Motive der Menschen, die bei Ihnen absteigen?

Das sind unterschiedliche Motive – biografisches oder sportliches Interesse, natürlich nicht immer religiöses Interesse. Das darf ja auch sein. Ich habe mit vielen Pilgernden über ihre Motivation gesprochen: oft sind es Lebenskrisen oder Brüche, eine berufliche Veränderung, Trennung, ein Todesfall. Manche machen sich auch auf Empfehlung auf, weil andere ihnen gesagt haben: Geh doch mal pilgern, probier’s aus.

Pilgern war eine Zeitlang „total in“. Dann kam Corona…

Bis jetzt haben wir noch etwa die Hälfte der Pilgerzahlen erreicht wie vor Corona. Ich sehe unser Haus als prädestiniert dazu, das Pilgern wieder anzukurbeln, weil ich glaube, dass es eine der besten Möglichkeiten ist, den aktuellen Zeichen der Zeit – Digitalisierung, Globalisierung, Beschleunigung – etwas entgegenzusetzen, um sich innerlich zu orientieren. Da ist das Unterwegssein an der frischen Luft – oft alleine, aber auch mit anderen Menschen – unschlagbar. Von den Touristikern, die in Rathäusern und Landkreisen für Tourismus zuständig sind, hören wir, dass das Pilgern ein Megatrend wird und bleibt. Megatrend heißt, dass das kein Hype ist, der wieder abflaut.

Die meisten Leute gehen in der wärmeren Jahreszeit auf Pilgerschaft. Was passiert in Ihrem Haus in der übrigen Zeit?

Man muss nicht mit Rucksack und Pilgermuschel hierherkommen, um hier übernachten zu können. Es gibt auch Leute, die einfach mal eine Auszeit möchten, die aber auch geistlich auf der Suche sind. Alle, die auf einem inneren Pilgerweg oder einem Lebenspilgerweg sind, finden bei uns eine offene Türe. Unser Haus ist auch eine geistliche Bildungsstätte, bietet zum Beispiel Atem- und Meditationskurse an, aber auch Kreativkurse, Pilgerstammtisch, spirituelle Filmabende, künftig auch theologische Vorträge, handwerkliche oder musikalische Kurse. Aber auch externe Veranstalter, die zum Geist des Hauses passen, können sich hier einmieten, zum Beispiel mit Klausurtagungen von Kirchengemeinderäten oder Fortbildungen für Religionslehrkräfte.

Mit vollem Namen nennt sich Ihr Haus „Cursillo-Haus St. Jakobus“. Wofür steht eigentlich „Cursillo“?

Cursillo ist ein Glaubenskurs, der von einem spanischen Bischof auf Mallorca in den 1960er-Jahren entwickelt wurde, um einer Pilgergruppe eine Glaubensbasis mitzugeben, damit sie den Weg auch religiös reflektieren können. Der Kurs geht über drei Tage und hat einen konkreten Aufbau: erster Tag: Wer bin ich? Zweiter Tag: Wer ist Christus? Dritter Tag: Wie kommen wir in Beziehung – zu Christus, aber auch zu den Menschen, die die Kursgemeinschaft bilden, zu allen Menschen, die uns im Alltag begegnen? Ein Team aus Priestern und Laien gibt Glaubensimpulse zu verschieden Themen, es gibt immer Austausch und Besinnung.

Gehört Cursillo also zur DNA Ihres Hauses?

In fast 50 Jahren Cursillo-Arbeit sind viele Menschen reich beschenkt hier rausgegangen – und viele kommen mit einem Lächeln im Gesicht wieder, weil dieses Haus für sie eine Insel, eine Oase oder eine Art Tankstelle geworden ist. Viele von ihnen sind Mitglied in unserem Förderverein geworden. Wir bieten auch Vertiefungs-Cursillos und im kommenden Jahr wieder einen Pilger-Cursillo an – eine Pilgervorbereitung in drei Modulen: Erstens, wer pilgert, ist nie allein – durch die Beziehung zu Gott nie allein. Zweitens, Pilgern heißt: in Beziehung gehen. Pilgern hat viel mit Kommunikation zu tun. Wie kann ich die Kommunikation auf dem Weg leben? Und im dritten Modul geht es um die Organisation meiner Reise – Etappenplanung, Finanzen, Sicherheit, Orientierung, Gesundheit.

Die Leitung einer kleinen Pilgerherberge und geistlichen Bildungsstätte unterscheidet sich recht deutlich von der einer großen Realschule. Warum dieser Schritt und was bringen Sie dafür mit?

Ich weiß, wie sich mein Herz anfühlt, wenn’s richtig ist. Hier hat jede Zeile in der Ausschreibung auf diese Stelle in mir Resonanz erzeugt. Ich bin dankbar, dass sich Aufsichtsrat und Vorstand der Stiftung für mich entschieden haben. Alle Talente, die ich mitbringe – pädagogische Erfahrung, Verwaltungserfahrung, aber auch als Gitarrist, Sänger, Liedermacher und Schlagzeuger, Zimmermann und Wandergeselle – kann ich hier einbringen. Und natürlich den Glauben und das Religiöse als Anwärter für den Ständigen Diakonat. Das Schöne ist, dass einerseits hier Gemeinde stattfindet – eine andere Form von Kirche, durch Kursgruppen und regelmäßige Treffen –, andererseits aber eine große Offenheit herrscht und dass wir durch unseren Auftrag zugunsten des Pilgerwesens ein grenzüberschreitendes Netzwerk haben und einen Beitrag zur Völkerverständigung innerhalb Europas leisten dürfen.

Als Pilgernder gut vorbereitet – Termine im Cursillo-Haus St. Jakobus

Pilgern kann jeder - Gut vorbereitet läuft´s besser"
Der Pilgervorbereitungskurs in drei Modulen (Module frei wählbar - komplett empfohlen)


Modul 1
„Wer pilgert, ist nie allein.“

Die Basis: Geistliche Einführung in das Pilgern am Beispiel Jakobsweg (Pilger-Cursillo)
Leitung: Pfr. Dr. Wolfgang Gramer, Pfr. Stefan Schacher und ein Team engagierter Laien
Termin: Do-So, 26.-29.01.2023
Ort: Pilgerherberge Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen: www.haus-st-jakobus.de
Infos und Anmeldung unter: Veranstaltungskalender - Cursillo-Haus St. Jakobus (haus-st-jakobus.de)

Modul 2
„Pilgern heißt, in Beziehung gehen.“

Die Kommunikation: Pilgersprachen, Verhaltensregeln, Rituale
Leitung: David Langer, Pfr. Stefan Schacher, Pfr. Dr. Wolfgang Gramer
Termin: Fr-So, 10.-12.02.2023
Ort: Pilgerherberge Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen: www.haus-st-jakobus.de
Infos und Anmeldung unter: Veranstaltungskalender - Cursillo-Haus St. Jakobus (haus-st-jakobus.de)

Modul 3
Wähle deinen Weg, nimm wenig mit und wage den ersten Schritt."
Die Organisation: Insidertipps für Pilgeranfänger
Leitung: Dr. Raimund Joos
Termin: Fr-So, 31.03.-02.04.2023
Ort: Pilgerherberge Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen: www.haus-st-jakobus.de
Infos und Anmeldung unter: Veranstaltungskalender - Cursillo-Haus St. Jakobus (haus-st-jakobus.de)

Darüber hinaus werden zwei geführte Schnupperpilgerwege angeboten:

Schnupperpilgern 1
Weg: Ulm-Oberdischingen-Schemmerberg auf dem Oberschwäbischen Jakobusweg mit einer Übernachtung.
Leitung: Pilgerbegleiter Michaela Heger und Michael Pfeifer
Termin: Sa-So, 15.-16.04.2023
Ort: Pilgerherberge Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen: www.haus-st-jakobus.de
Infos und Anmeldung unter: Veranstaltungskalender - Cursillo-Haus St. Jakobus (haus-st-jakobus.de)

Schnupperpilgern 2
Weg: Ulm-Oberdischingen-Munderkingen-Bussen-Riedlingen auf dem Beuroner Habsthaler Jakobusweg mit zwei Übernachtungen.
Leitung: Pilgerbegleiter Michaela Heger und Michael Pfeifer
Termin: Sa-Mo, 27.-29.05.2023
Ort: Pilgerherberge Cursillo-Haus St. Jakobus in Oberdischingen: www.haus-st-jakobus.de
Infos und Anmeldung unter: Veranstaltungskalender - Cursillo-Haus St. Jakobus (haus-st-jakobus.de)

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