Wegzeichen

Kapellenrenovierung wird zur Entdeckungsreise

Zwei eigenartig geformte Lichtöffnungen - hier mit Blick auf das Gnadenbild -, die bei der jüngsten Renovierung der Herrgottsruh-Kapelle in Demmingen unter altem Putz zum Vorschein kamen, legen die späte Gotik als Entstehungszeit der Kapelle nahe. Foto: DRS/Jerabek

Mit Hingabe und Sorgfalt haben Johann und Edeltraud Kohler die Herrgottsruh-Kapelle in Demmingen renoviert. Und ganz viel dabei entdeckt.

Dass Menschen Ruhe finden beim ruhenden Herrn, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten bei Jesus sitzen dürfen, der so viel Leid auf sich genommen hat – das ist Botschaft und Bestimmung der Herrgottsruh-Kapelle in Demmingen auf dem Härtsfeld. Die schmucke Feldkapelle am Rande des knapp 450 Einwohner zählenden Teilortes von Dischingen, der östlichsten Gemeinde Baden-Württembergs, ist ein Paradebeispiel für das Engagement zum Erhalt christlicher Kleindenkmale, welche weite Teile der württembergischen Kulturlandschaft prägen.
Sie zeugen nicht nur vom tiefen Glauben früherer Generationen, sondern laden auch heute zum Verweilen und Beten ein. Dass sie oft auch eine spannende Geschichte haben, die es wert ist, entdeckt und aufgeschrieben zu werden, haben Johann und Edeltraud Kohler erlebt.

„Wenn Sie hier stehen, merken Sie gleich: Das ist ein ganz besonderer Platz“, schwärmt Edeltraud Kohler. Von der kleinen Anhöhe des welligen Hügellandes, auf dem die Kapelle steht, schweift der Blick über das Donautal und gewahrt bei Fön das Alpenpanorama bis zur Zugspitze. Umgekehrt vereinen sich die Kapelle und die zugehörigen Lindenbäume schon aus einigen Metern Entfernung zu einem eindrucksvollen Ensemble. „Allein die Bäume sind wie eine Andacht“, sagt Edeltraud Kohler. Es scheint, als wollten die alten Linden, die das kleine Gotteshaus umhegen, ein Loblied singen auf die Größe Gottes und die Großartigkeit seiner Schöpfung.

Bei näherem Hinsehen erwiesen sich die beiden Bäume, die unter Naturschutz stehen, jedoch auch als Herausforderung für die Renovierung der Herrgottsruh-Kapelle. Denn die Wurzeln haben im Laufe der Zeit das Mauerwerk der Kapelle stark beeinträchtigt. Mehr noch: Fachleute stellten fest, dass die Winterlinden innen morsch sind und nur noch eine begrenzte Lebensdauer haben. Eine Sanierung der Bäume, die vom Totholz befreit werden mussten, zählte deshalb zu den ersten Arbeitsschritten des Projekts.

Aufwändige und denkmalgerechte Sanierung

Einen ganzen Maßnahmenkatalog hatte die Untere Denkmalschutzbehörde Heidenheim für die Renovierung erstellt, gab aber auch die Zusage, das Ehepaar Kohler beratend zu unterstützen. Zur denkmalgerechten Sanierung gehörte etwa das Entfernen des Blechdaches, das man der Kapelle bei einer früheren Instandsetzung – wohl Ende der 1960er-Jahre – verpasst hatte, und das Decken mit gebrauchten Biberschwanzplatten. Der Putz an den Außenmauern wurde teils ausgebessert, teils vollständig entfernt und neu aufgetragen. Im Chorraum kamen unterm Putz Holzwolle-Leichtbauplatten zum Vorschein, die so gar nicht zu einem alten Kapellchen passten. Auch der Fliesenboden von 1969 wurde gegen Jura-Travertin-Platten ausgetauscht, die Stufen vor der Kapelle wurden erneuert. Die alte Kapellentüre wurde ausgebessert und neu gestrichen; das geschmiedete Gitter ließen die Kohlers feuerverzinken und neu spritzen.

Um einem Diebstahl vorzubeugen, wurden die alten geschnitzten Figuren – Maria Magdalena, die auf ein Arma-Christi-Kreuz zeigt, und der Apostel Judas Thaddäus, der sich in der Giebelnische befindet – durch Kopien ersetzt. Das Gnadenbild vom „Herrgott in der Ruh“, eine gelungene Arbeit der frühen Barockzeit, ist in Form einer aus Holz ausgesägten und nach dem Original bemalten Kopie zu sehen. Ein großes Holzbrett aus dem Wald der Kohlers an der Stirnseite der Kapelle zeigt Szenen von Jesu Kreuzweg.

„Zum Glück kannten wir aus unserer Nachbargemeinde einen pensionierten Kirchenmalermeister, dem unsere Kapelle sehr am Herzen lag“, berichtet Johann Kohler. „Aus seiner langjährigen Erfahrung gab er uns immer fachkundige Auskunft und Ratschläge.“ Außer Freunden und Verwandten halfen auch Familien aus dem Kapellengässle bei einzelnen Renovierungsschritten mit. Ein auf alte Putzarbeiten spezialisierter Handwerker brachte den empfohlenen Trass-Kalk-Putz auf. „Der Putz muss sich wie eine Haut um die Kapelle legen“, erklärt Edeltraud Kohler. Auch für das Modellieren der Gesimse bedurfte es einer besonderen Putzmischung und der Erfahrung der Spezialisten.

Stiftungspreisträger der Stiftung Wegzeichen

Rund 17.000 Euro und 800 Arbeitsstunden, so hat das Ehepaar Kohler ausgerechnet, wurde in die Renovierung der Kapelle investiert. Für ihr Engagement wurden sie mit vom Schwäbischen Heimatbund und von der Stiftung Wegzeichen-Lebenszeichen-Glaubenszeichen der Diözese Rottenburg-Stuttgart ausgezeichnet.

Vom gemeinsamen Ortstermin aller Beteiligten bis zur Wiedereinweihung der Kapelle durch Pfarrer Dr. Dietmar Horst vergingen vier Jahre. Zu dieser Zeit waren Johann und Edeltraud Kohler noch beide berufstätig. „Im Rückblick war es gut, dass wir ohne Zeitdruck die Kapelle renovierten“, sagt der Landwirt. „Beim Entfernen der Heraklithplatten stießen wir auf zwei Lichtöffnungen, eine rechte Wandnische und das große Rundbogenfenster. Jetzt wurde die Renovierung immer interessanter.“ Und die Kapellenbesitzer staunten nicht schlecht, als unter Bauschutt im Chorraum alte Fundamente und ein alter Backsteinfußboden zum Vorschein kamen.

Die Geschichte der Kapelle erforscht

Spätestens jetzt war heimatkundlicher, baugeschichtlicher und kunsthistorischer Spürsinn gefragt. Edeltraud Kohler erbat dafür die Unterstützung von Heimatforscher Dr. Alois Kapfer und den langjährigen Dillinger Kreisheimatpfleger Alois Sailer. Denn für die vermutlich seit jeher private Kapelle, die seit Generationen im Besitz der Familie Kohler ist, finden sich kaum Eintragungen in einschlägigen Archiven. Nach Einschätzung der Experten dürfte ein erstes Heiligenhäuschen an dieser Stelle aus der Zeit um 1320 stammen, eine Erweiterung zur heutigen Chorbreite erfuhr es etwa um 1400.

„Die Widmung der Kapelle für den auf seinem Gang auf den Kalvarienberg schwer misshandelten, sich ausruhenden Erlöser könnte unmittelbar aus dem Erleben des für diese Region als bis dahin größte Katastrophe empfundenen Dreißigjährigen Krieges entstanden sein“, vermutet Kapfer. Die Bevölkerungszahl von Demmingen sei zwischen 1630 und 1643 von 300 auf 50 Seelen zurückgegangen. Und Alois Sailer schreibt in einer vom Ehepaar Kohler mit Sorgfalt und Liebe erstellten Broschüre: „Es war ein geradezu ‚heiliger Weg‘ von einem bescheidenen Heiligenhäuschen mit einer heute unbekannten Ausstattung bis zu der neurenovierten Kapelle, die trotz aller leidlichen Zeitläufe erst heute ihren gestalterischen Höhepunkt erreicht hat.“ Auf dass auch heute und in Zukunft Menschen hier das eigene Kreuz an das Kreuz Jesu anlehnen mögen und Trost und Segen erfahren.

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